Lagebericht VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau Und jährlich grüßt das Murmeltier: Wie der deutsche Großanlagenbau durch die Coronapandemie kommt

Autor: Anke Geipel-Kern

2020 ähnelt in vielem 2019: Sinkende Ölpreise und Corona - setzen den deutschen Großanlagenbauer zu. Linde, CAC und Co. suchen nach Orientierung, um durch die Krise zu kommen. Doch momentan regiert eher das Prinzip Hoffnung.

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Jürgen Nowicki, Agab-Sprecher und CEO von Linde Engineering
Jürgen Nowicki, Agab-Sprecher und CEO von Linde Engineering
(Bild: CHRIS TILLE)

Für alle, die im letzten Frühjahr bei der Vorstellung des traditionellen Lageberichts der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau, dabei waren, gab es es so etwas wie ein Dejavu. Der Lockdown hat Deutschland immer noch fest im Griff und so versammelten sich auch in diesem Jahr die Pressevertreter vor den heimischen Bildschirmen, um den Ausführungen von Agab-Sprecher Jürgen Nowicki zu lauschen.

Corona hat dem deutschen Großanlagenbau 2020 ein weitere schwarzes Jahr beschwert und ob das gerade angelaufene besser wird? Wer weiß es - aber da bekanntlich die Hoffnung zuletzt stirbt erwarten 90 Prozent der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft im laufenden Jahr steigende oder konstante Auftragseingänge.

Die Zahlen, welche die Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA jetzt vorlegt, sind allerdings dazu geeignet, auch dem größten Optimisten die Stimmung zu verderben und Nowicki versucht auch gar nicht erst irgendetwas zu beschönigen, spricht vom erdrutschartigem Rückgang. Vor allem aus dem Ausland kamen im Vergleich zum Jahr 2019 deutlich weniger Aufträge. Genauer gesagt sind die Bestellungen im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent gesunken. Zuletzt sei der Auftragsbestand im Krisenjahr 1989 so schlecht gewesen, sagt Nowicki. Die Nachfrage aus anderen Kernmärkten wie etwa China, Indien und den USA seien 2020 auf langjährige Tiefstwerte gefallen.

Der einzige schwache Trost in der Misere: Das Virus verschont keinen. Auch der internationale Wettbewerb musste Federn lassen. Corona hat jetzt erst einmal dem Höhenflug des chinesischen Wettbewerbs einen Dämpfer verpasst.

Einziger Ausreißer Russland: von hier konnten die deutschen Bestellungen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro abholen; drei Viertel dieser Auftragssumme stammen aus Großprojekten für die chemische Industrie. Auch das Geschäft in Deutschland selbst ist ein kleiner Lichtblick. Getrieben durch Chemieanlagen und Kraftwerke summierten sich Aufträge 2020 auf 3,2 Millionen, was einer Abnahme von "nur" 9 Prozent entspricht.

Auftragseingang deutscher Großanlagenbauer nach Branchen
Auftragseingang deutscher Großanlagenbauer nach Branchen
(Bild: VDMA)

Sinkender Ölpreis und Corona

Doch Covid-19 ist nicht das einige was die Großanlagenbauer bremst. Auch der dramatisch gesunkene Ölpreis hat den Unternehmen die Bilanzen verhagelt. Beide Krisen führten zu den immer gleichen Reaktionen der Auftraggeber sagt Nowicki: Cash is King. Soll heißen, Investitionsentscheidungen werden auf bessere Zeiten vertagt oder Projekte erst einmal nicht weitergeführt.

Und besonders bitter für die Branche, die wie kaum eine andere von persönlichen Kontakten und Beziehungen lebt: Von einem Tag auf den anderen konnte keiner mehr Reisen. Für Neukundengespräche und Serviceleistungen mussten völlig neue digitale Lösungen gefunden werden. Insgesamt habe sich der Großanlagenbau seit März 2020 in Bezug auf die eigenen Unternehmensprozesse, die internationale Aufstellung und die Digitalisierung reorganisiert und sei nun diesbezüglich wettbewerbsfähiger als vor der Pandemie, sagt Nowicki.

Nachhaltige Produktionstechnologien spielen den Großanlagenbau in die Karten

Auch das Thema nachhaltige Produktion treibt die Branche um. Der Trend zum nachhaltigen Wirtschaften habe sich verschärft und sei zu einer gewaltigen Welle geworden, die zu einem massiven Umbruch in der Gesamtindustrie führen werden, ist Nowicki überzeugt und verweist auf nationale Wasserstoffstrategien und die Pläne vieler Staaten, den Klimawandel einzudämmen. All das eröffne dem Großanlagenbau neue Chancen. Trotzdem seien die Herausforderungen für alle groß. Für Elektrolyseverfahren fehlen noch großtechnische Umsetzungen und auch beim Thema Wasserstoff sieht er noch viele offene Fragen. Angefangen vom hohen Preis für grünen Wasserstoff, der Anlagen zur Verarbeitung unrentabel mache und fehlende Kapazitäten für regenerative Energien.

Der deutsche Großanlagenbau sieht sich als führenden Anbieter von Verfahren und kompletten Anlagen, die umweltrelevanter Risiken verringern. In Zukunft, so ist man sicher, eröffnen sich dadurch viele Möglichkeiten, neue Angebote am Markt zu platzieren.

Trends in den Märkten:

  • Steigender Preis-und Konsolidierungsdruck im Großanlagenbau» Kundenforderungen nach niedrigen Investitionskosten (CAPEX) haben sich im Zuge der Pandemie verstärkt; OPEX wird unter Risiko-und Nachhaltigkeitsaspekten wichtiger.
  • Kleine und mittlere Projektgrößen, Ertüchtigungen sowie Services stehen derzeit im Fokus des Marktes; generell herrscht hoher Preisdruck aufgrund einer rückläufigen Projekttätigkeit und Überkapazitäten.
  • Bedürfnis der Kunden nach hoher Transparenz in Bezug auf wichtige Projektparameter wie Kosten, Qualität und Baufortschritt ist während der Krise gewachsen.
  • Aufgrund der aktuellen Mobilitätseinschränkungen haben virtuelle Services wie Ferninbetriebnahmen, Fernwartung und Fernaudits an Bedeutung gewonnen. Dieser Trend wird sich voraussichtlich weiter verstärken

Agab-Umfrage: Folgen der Coronapandemie
Agab-Umfrage: Folgen der Coronapandemie
(Bild: VDMA)

Trends in den Unternehmen

  • Durch veränderte Arbeitsweisen und -abläufe sowie den Einsatz digitaler Technologien ist die Produktivität im Großanlagenbau (z.B. digitale Baustelle, virtuelle Inbetriebnahme) während der Pandemie gestiegen.
  • Neue Führungsmethoden („Remote Leadership“) und flache Hierarchien sind weitere Ansatzpunkte, um effizienter zu werden.» Die Modularisierung ist im Großanlagenbau etabliert; Erfolge sind u.a. Zeitersparnis, sinkende Qualitäts- und Fehlerkosten sowie eine Reduzierung von Arbeitsunfällen.
  • Die Erschließung neuer Geschäftsfelder (z.B. Service, Logistik, Software, Recycling) und neuer Kundengruppen schreitet voran.» Einige Unternehmen stärken ihre regionalen Bau-, Montage-und Servicekompetenzen, um Kosten zu sparen, näher am Kunden zu sein und mehr Aufträge zu generieren.
  • Um Technologieentwicklungen vor dem Hintergrund steigender Ansprüche an Klimaneutralität und Nachhaltigkeit zu beschleunigen, geht der Großanlagenbau verstärkt Kooperationen mit Hochschulen, Industrieunternehmen sowie Start-ups ein.

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Über den Autor

 Anke Geipel-Kern

Anke Geipel-Kern

Leitende Redakteurin PROCESS/Stellvertretende Chefredakteurin PharmaTEC, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik