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Industrie-Dienstleister Überprüfung von Anlagen: Deregulierung erfordert vom Betreiber mehr Eigeninitiative

| Autor / Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Gerd Kielburger

Im Januar fiel das TÜV-Monopol zur Überprüfung von Anlagen gemäß Betriebssicherheitsverordnung. Das bedeutet neben der Erhöhung des Risikos durch die wachsende Betreiberverantwortung auch neue Freiheitsgrade. PROCESS hat sich bei einigen der neuen Anbieter umgehört.

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Kontrollgang in einer Industrieanlage
Kontrollgang in einer Industrieanlage
( Bild: TÜV Süd )

Als Bürger zeigen wir beachtliche Treue wenn wir uns einmal für eine Bank entschlossen haben oder über viele Jahre vom lokalen Stromversorger gut betreut wurden, bleiben wir auch dann loyale Kunden, wenn das mehr Geld kostet als beim neuen Wettbewerber. Deregulierer verzweifeln da mitunter.

Wie aber schaut es aus mit der Wechselbereitschaft industrieller Betreiber, wie nutzen sie die neue Wahlfreiheit nach dem Fall des TÜV-Monopols? Reiner Siebels, der als Abteilungsleiter die Inspektionsdienste der Germanischer Lloyd Industrial Services betreut, sieht da durchaus noch etwas Zurückhaltung: „Betreiber sind je nach Unternehmensgröße daran interessiert, die neuen Marktbedingungen im Hinblick auf Preis, Leistung und Service auszuloten. Inwieweit bei Großunternehmen tatsächlich eine Wechselbereitschaft besteht, werden wir erst zu einem späteren Zeitpunkt sehen.“

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Tendenz zum Wechsel bei kleinen Unternehmen

Der Dienstleister führt derzeit intensive Gespräche mit Betreibern und Investoren von Chemiestandorten, die weitere Standorte im Ausland betreiben. „Durch unsere Internationalität sind wir für diese Kundengruppe ein bevorzugter Partner, die Inhalte der Betriebssicherheitsverordnung unternehmensweit zu berücksichtigen“, schätzt Siebels die Position für sein Unternehmen recht positiv ein. „Wir haben auch Kooperationsvereinbarungen mit Unternehmen abgeschlossen, die in diesen Bereichen beratend tätig sind“, so Siebels. Und er ergänzt: „Bei kleinen Unternehmen ist eine Tendenz zum Wechsel der Prüfgesellschaft erkennbar. Vielleicht besteht damit die Möglichkeit, verschiedenste Dienstleistungen aus einer Hand zu erhalten, was betriebliche Abläufe tatsächlich erleichtert.“

Mit dem Geschäftsfeld Industriedienste ist der Germanische Lloyd bereits seit langem weltweit bei anspruchsvollen Projekten für die Öl- und Gasindustrie tätig. Strukturanalysen, Prozesssicherheit, Fertigungs-Know-how und Inspektionen von sicherheitsrelevanten Bauteilen zählen zu den anerkannten Kernkompetenzen von Germanischer Lloyd Öl & Gas. Nun wurde mit Aufnahme der britischen Advantica-Gruppe das Dienstleistungsportfolio erheblich erweitert. Advantica ist mit 660 Mitarbeitern auf Gasanlagen und Rohrleitungsnetze spezialisiert und berät weltweit Kunden bei Risiko- und Sicherheitsanalysen, Anlagenkonzepten und Betriebsoptimierung. „Mit der Akquisition von Advantica erweitern wir unser Dienstleistungsangebot auf die gesamte Bandbreite der Anwendungen und den gesamten Lebenszyklus von Erdöl- und Erdgasinstallationen“, sagt Lutz Wittenberg, Geschäftsführer Industriedienste beim Germanischen Lloyd.

Auch der Geschäftsführer der SGS-TÜV Saarland, Prof. Dr.-Ing. Jürgen Althoff, sieht die Reaktion des Marktes auf die neue Freiheit differenziert: „Manche nutzen sie aktiv, andere empfinden sie eher als zusätzliche Belastung. Wer wie wir eine die Betreiber entlastende Betreuung anbieten kann, hat bei ihnen gute Karten. Da unser saarländischer Heimatmarkt bereits seit 1992 liberalisiert ist, konnten wir seitdem unter Wettbewerbsbedingungen starke Kundenbindungen aufbauen.“ Sieht Althoff Unterschiede bei den Betreibern in dieser Frage? „Neben den bereits genannten Unterschieden spielt es natürlich eine Rolle, ob das Unternehmen ein überregionales Netz von Teilbetrieben unterhält und diese aus einer Hand betreut wissen will. Generell scheint der Preis pro Einzelprüfung in manchen Fällen nicht ausschlaggebend zu sein, wenn eine gute Dienstleistungslogistik und Dokumentation angeboten werden können.“

Betriebssicherheitsverordnung betrifft auch KMU

Nicht nur Großunternehmen, sondern auch kleine und mittelgroße Betriebe (KMU) müssen die BetrSichV einhalten, darauf verweist der TÜV Nord Systems. Klaus Beck vom TÜV Nord erklärt: „Die Betriebssicherheitsverordnung betrifft grundsätzlich alle, die Arbeitsmittel bereitstellen und überwachungsbedürftige Anlagen betreiben.“ Und auch Dipl.-Ing. Franz Maier, Amtsleiter des Gewerbeaufsichtsamtes Landshut, bestätigt, dass nahezu jeder Unternehmer von der Betriebssicherheitsverordnung betroffen ist: „Der weite Bogen des Anwendungsbereiches überspannt nicht nur die überwachungsbedürftigen Anlagen, sondern auch alle Arbeitsmittel wie Werkzeuge, Geräte, Maschinen und Anlagen.“

Was zählt eigentlich zu überwachungsbedürftigen Anlagen?

Was zählt nun zu den überwachungsbedürftigen Anlagen? Der TÜV Nord Systems benennt hier Dampfkessel, Druckbehälter und Füllanlagen, Leitungen mit innerem Überdruck für gefährliche Medien, Aufzugsanlagen und Anlagen in explosionsgefährdeten Bereichen. Aber auch Lageranlagen mit einem Gesamtrauminhalt von mehr als 10 000 Liter für entzündliche, leicht entzündliche und hochentzündliche Flüssigkeiten. Dazu zählen beispielsweise Flüssiggas- oder Heizölbehälter, außerdem Füll- und Entleerstellen mit einer Umschlagkapazität von mehr als 1000 Liter pro Stunde für die gleichen Flüssigkeiten, Tankstellen und Flugfeldbetankungsanlagen.

Bleibt als nicht unwichtige Frage: Lässt sich jetzt mit der neuen Wahlfreiheit auch Geld sparen? Klaus Beck: „Die Betriebssicherheitsverordnung schafft ein neues Preissystem. TÜV Nord Systems ist nicht mehr an Gebührentabellen gebunden, die es in der Vergangenheit gab. Unsere Kunden gewinnen durch die neuen Freiräume, welche die Betriebssicherheitsverordnung gibt ohne am Wichtigsten, der Sicherheit und Verfügbarkeit der überwachungsbedürftigen Anlagen, zu sparen. Individuelle, abgestimmte Preise, die auf konkrete Wünschen und Anforderungen basieren, sind nun möglich.“

Nachhaltige Zukunftssicherung

TÜV Süd ist sehr zuversichtlich, will seine Umsätze in den kommenden sechs Jahren auf rund 2,3 Milliarden Euro nahezu verdoppeln. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von etwa zehn Prozent, welches das Unternehmen je zur Hälfte aus eigener Kraft und durch Zukäufe erzielen will. Dies kündigte der Vorstandsvorsitzende Axel Stepken an. Dabei setzt das Unternehmen auf eine Sechs-Punkte-Strategie, zu der unter anderem die Verteidigung der hohen Marktanteile in Deutschland, die Eroberung neuer Absatzregionen auf dem Weltmarkt sowie die Entwicklung profitabler Mehr-Wert-Dienstleistungen zählen. „Was Ende des 19. Jahrhunderts die Dampfmaschine war, ist morgen die Satellitennavigation. Neue alternative Energiequellen werden Kohle, Öl und Gas ersetzen. Darauf bereiten wir uns vor und betreiben so nachhaltige Zukunftssicherung“, sagt Stepken.

Auch die Geschäfte bei Dekra Testing & Inspection laufen gut, wie Geschäftsführer Dr. Walter Pelka unlängst berichtete: Der Umsatz mit überwachungsbedürftigen Anlagen erreiche mit weit über 1000 Kunden einen „deutlich zweistelligen Millionenbereich“. Das schnelle Wachstum dokumentiert sich auch in der Mitarbeiterzahl. Im Jahr 2006 wurden 100 Mitarbeiter eingestellt, auch für 2007 waren noch einmal mehr als 100 angepeilt. Im Jahr 2011 sollen 1000 Mitarbeiter an 50 Standorten in Deutschland die Dekra zum Marktführer bei überwachungsbedürftigen Anlagen machen.

Managementsystem unterstützt Betreiber

Die Liberalisierung des Prüfmarktes ermöglicht es Unternehmen, die Organisation ihrer Prüfungen an Anlagen und Betriebsmitteln unter neuen, betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu organisieren. Das sei durchaus ein Paradigmenwechsel, wie die TÜV Saarland Stiftung betont: War es bisher das Ziel von Anlagenbetreibern, gesetzliche Prüfungen im Hinblick auf die Erfüllung der Betreiberpflichten durchzuführen, so tritt an Stelle der mit konkreten Handlungsanweisungen und Prüffristen ausgestatteten Verordnungen nun ein neues, offenes System. Ziel müsse es sein, so die TÜV Saarland Stiftung, nunmehr Strategien und Methoden zu entwickeln, mit denen sich die Planung, Steuerung und Kontrolle der Prüfungen unter Kosten-, Leistungs- und Qualitätsgesichtspunkten optimieren lassen.

Eine Methode zur erfolgreichen Überführung von Strategien in nachvollziehbare und messbare Leistungsfaktoren ist die Balanced Scorecard (BSC). Eine derartige BSC für die rechtskonforme Unternehmensführung wurde in enger Zusammenarbeit von Maqsima und der deltacon Unternehmensberatung zusammen mit den Sachverständigen des TÜV Saarland entwickelt. Das im Rahmen des Projektes entwickelte Kennzahlensystem enthält eine Reihe standardisierter Berichte und Analysen, sodass das System sofort (out-of-the-box-Konzept) einsetzbar sei, sagen die Entwickler.

Fazit

Die Betriebssicherheitsverordnung dereguliert den Markt der Prüfung und Überwachung, sie setzt europäisches Recht um und schafft Monopolstellungen im Überwachungsbereich ab. Doch: Der Unternehmer hat die Organisationsverantwortung, er darf nur Überwachungsstellen in Anspruch nehmen, die geeignet, d.h. akkreditiert sind.

Dekra Testing & Inspection konkretisiert das so: Wie die Betriebssicherheitsverordnung umgesetzt werden kann, werde in den Technischen Regeln für Betriebssicherheit (TRBS) konkretisiert. Im Wesentlichen sind für die Prüfungen an überwachungsbedürftigen Anlagen drei Regeln wichtig: TRBS 1111, 1201 und 1203. Die drei Regeln stehen in enger Beziehung zueinander: Mit der Gefährdungsbeurteilung (TRBS 1111) ist zu ermitteln, welche Gesundheitsgefahren beim Umgang mit dem Arbeitsmittel bestehen. Auf dieser Basis könne man festlegen, welche Prüfungen, vor allem bei überwachungsbedürftigen Anlagen, erforderlich sind, um diese Gefahren abzuwenden (TRBS 1201). Diese Regel beinhaltet auch die Prüfung von Anlagen und Arbeitsplätzen in explosionsgefährdeten Bereichen. Art, Umfang und die Prüffristen bestimmen wiederum die Anforderungen an die Qualifikation des Prüfers. Grundsätzlich gilt: Alle nach §§ 14 und 15 benannten Geräte und Anlagen dürfen nur von Zugelassenen Überwachungsstellen (ZÜS) geprüft werden.

Das Korsett der starren Regelungen entfällt, damit sind die Unternehmen gefordert, ein umfassendes Schutzkonzept umzusetzen. Dabei werden den Betrieben mehr Verantwortung und Eigeninitiative abverlangt, jedoch auch mehr Freiheiten zugestanden, wo bisher starres Vorschriftendenken herrschte. Nun bleibt abzuwarten, wie der Markt mit der neuen Wahlfreiheit umgeht.

Der Autor ist redaktioneller Mitarbeiter bei PROCESS.

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