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Exklusiv-Interview

Stoffliche Braunkohleverwertung: „Uns läuft die Zeit davon!“

| Autor / Redakteur: Ronny Eckert / Dr. Jörg Kempf

Prof. Dr.-Ing. Bernd Meyer setzt sich als Präsident des Weltforums der Ressourcenuniversitäten für Nachhaltigkeit auch international für die Leitidee der Nachhaltigkeit ein. Er warnt: „Wenn wir es in den nächsten fünf Jahren nicht schaffen, eine kohlebasierte Synthesegaserzeugung an einem Kraftwerks- oder Chemiestandort zu demonstrieren, sehe ich die Gefahr eines Fadenrisses für ein weltweit gefragtes ureigenes deutsches Know-how.“
Prof. Dr.-Ing. Bernd Meyer setzt sich als Präsident des Weltforums der Ressourcenuniversitäten für Nachhaltigkeit auch international für die Leitidee der Nachhaltigkeit ein. Er warnt: „Wenn wir es in den nächsten fünf Jahren nicht schaffen, eine kohlebasierte Synthesegaserzeugung an einem Kraftwerks- oder Chemiestandort zu demonstrieren, sehe ich die Gefahr eines Fadenrisses für ein weltweit gefragtes ureigenes deutsches Know-how.“ (Bild: TU Bergakademie Freiberg)

Braunkohle ist mengenmäßig der wichtigste deutsche Rohstoff, der nahezu ausschließlich der Stromerzeugung dient. Im Zuge der Energiewende gewinnen jedoch erneuerbare Energieträger gegenüber fossilen an Bedeutung. Wird Braunkohle weniger verstromt, steht sie ressourcen- und umweltschonenderen Nutzungsoptionen vor allem in der Chemieindustrie zur Verfügung. Die alternative Zukunft des heimischen Rohstoffs ist in der TU Bergakademie Freiberg Chefsache. Wir sprachen mit Rektor Prof. Dr.-Ing. Bernd Meyer.

PROCESS: Herr Prof. Meyer, warum soll jetzt der Paradigmenwechsel in Sachen Braunkohlenutzung erfolgen?

Meyer: Weil uns die Zeit davon läuft. Die stoffliche Nutzung war mit ersten Anlagen für die großtechnische Synthesechemie auf Basis mitteldeutscher Braunkohle vor 60 Jahren eine deutsche Pionierleistung – das technologische Know-how stammt also größtenteils von hier. Das Problem: Inzwischen wird die Technologie vor allem im Ausland genutzt und vorangetrieben. Wenn wir es in den nächsten fünf Jahren nicht schaffen, eine kohlebasierte Synthesegaserzeugung an einem Kraftwerks- oder Chemiestandort zu demonstrieren, sehe ich die Gefahr eines Fadenrisses für ein weltweit gefragtes ureigenes deutsches Know-how.

PROCESS: Kann die Chemieindustrie Kohlenstoffträger nicht einfach importieren?

Meyer: Das wäre möglich, aber wirtschaftlich fraglich: Zwischen 2000 und 2012 etwa wurden 1,52 Milliarden Tonnen Erdöl, 38,1 Millionen Terajoule in Form von Erdgas und 346 Millionen Tonnen Steinkohle importiert. Die Importkosten beliefen sich auf enorme 742 Milliarden Euro, wobei der Ölpreis diesen Verlauf stark dominiert hat. Auch wenn dieser gerade gesunken ist, mittelfristig dürfte er wieder steigen. Hier kommt die Braunkohle ins Spiel: Als heimischer Rohstoff ist sie ausreichend und im Vergleich zu importiertem Erdöl oder Erdgas kalkulierbar kostengünstig vorhanden – allein in NRW sind rund drei Milliarden Tonnen für den Abbau genehmigt. Als Erdöläquivalent kann Braunkohle die Importabhängigkeit von Erdöl reduzieren, die Rohstoffbasis der chemischen Industrie erweitern und so einen sinnvollen Beitrag zur Preisstabilität und zur Steigerung der heimischen Wettbewerbsfähigkeit leisten. Hinzu kommt: Eine schadstoffarme Kohlechemie unter Nutzung erneuerbarer Energien verursacht gegenüber der energetischen Nutzung fossiler Rohstoffe geringere Klima- und Umweltbelastungen und kann bei langfristig geringeren Preis- und Versorgungsrisiken hohe Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzeffekte erzielen.

PROCESS: Warum wurde dieses Potenzial bisher nicht gehoben?

Meyer: Bisher sind umsetzbare Lösungen vor allem daran gescheitert, dass in Kategorien von Großprojekten gedacht wurde, die mangels Unsicherheiten bei Investitionen in Milliardenhöhe nie umgesetzt wurden. Richtig angegangen, lassen sich die Kosten einer künftig verstärkten stofflichen Braunkohlenutzung durchaus überschaubar halten, wenn es gelingt, bestehende Infrastrukturen beispielsweise an Energie- und Chemiestandorten zu nutzen. Sachsen, NRW, Brandenburg und Sachsen-Anhalt – hier liegen die großen Reviere – verfügen über eine hervorragend ausgebaute Industrieinfrastruktur sowohl zur Braunkohle-Förderung und -Aufbereitung als auch für die chemische Nutzung.

Was für Prof. Meyer ins Pflichtenheft der kommenden Jahre gehört? Das erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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