Exklusiv-Interview

Stoffliche Braunkohleverwertung: „Uns läuft die Zeit davon!“

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PROCESS: Was muss aus Ihrer Sicht konkret ins Pflichtenheft für die kommenden Jahre?

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Meyer: Das Potenzial erneuerbarer Energien bezüglich einer stofflichen Verwertung muss in völlig neuer Weise ausgeschöpft werden. Eine vielversprechende Möglichkeit besteht in einer zunehmenden direkten Stromeinkopplung in industrielle Prozesse, beispielsweise zur Beheizung von Reaktoren, Vorwärmung von Edukten, Trocknung und Aufbereitung von Einsatzstoffen oder zur thermischen Zersetzung durch pyrolytische Umwandlungen. Größere Wärmemengen können in endotherme Hochtemperatur-Stofftransformationsprozesse eingekoppelt werden. Eine weitere wichtige Option besteht in der Gewinnung von Wasserstoff über erneuerbare Energien, der in vielfältiger Weise in stofflichen Wertschöpfungsketten genutzt werden kann. Um die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Kohlechemie zu erhöhen, müssen vor allem Ausbildung und Lehre gefördert werden. Außerdem ist eine Intensivierung und Verstetigung der Forschung erforderlich, etwa durch eine institutionelle Verankerung einer CO2-armen Kohlechemie in der Großforschung. Energiewirtschaft, Chemieindustrie und Kohleforschung sollten stärker aufeinander zugehen und Synergieeffekte mit hoher Produktflexibilität vorbereiten. Je nach Marktsituation könnten entweder Strom und Wärme oder alternativ Basischemikalien wie Methanol oder synthetisches Erdgas hergestellt werden.

PROCESS: Die TU Bergakademie Freiberg ist eine Ressourcenuniversität, die gerade ihr 250-jähriges Bestehen feiert. Wie stellt sich für Ihr Haus der Zusammenhang mit dem „braunen Gold“ dar?

Meyer: Die TU hat die Rohstoffsicherung entlang der gesamten Wertschöpfungskette umfassend im Blick. Damit wird der Bogen von der Lagerstättenerkundung und umweltschonenden Rohstoffgewinnung sowie der Entwicklung alternativer Werkstoff-Energietechniken und effizienter Werkstoffe bis hin zum Recycling gespannt. Das gilt auch für fossile Energierohstoffe wie Braunkohle, womit sich unser Institut für Energieverfahrenstechnik als Denkschmiede der Kohlechemie mit der längsten Geschichte in Deutschland seit 1918 befasst. Im damaligen Braunkohlenforschungsinstitut ging es zunächst um Kraftstoffe, später um metallurgischen Koks und um Stadtgas. 1956 wurde von Prof. Erich Rammler, der den in der DDR dringend benötigten Braunkohlen-Hochtemperaturkoks erfand, das Deutsche Brennstoffinstitut ausgegründet. Dort wurde in den 80er Jahren die FGT-Vergasungstechnologie entwickelt, mit der Siemens von Freiberg aus heute weltweit am Markt erfolgreich ist. Wir sind überzeugt, dass die CO2-emissionsarme Kohlechemie das Potenzial hat, einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zu leisten. Wir bleiben bei der Braunkohle am Ball, auch wenn wir wissen, dass der Paradigmenwechsel nicht einfach ist und wir einen langen Atem brauchen. Der zahlt sich aber aus, spätestens für die nächsten Generationen.

PROCESS: Herr Prof. Meyer, vielen Dank für das Gespräch.

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