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Modularer Anlagenbau

So wird man als Industriedienstleister zum Spezialisten für modulares Engineering

| Autor: Dominik Stephan

In Zeiten flexibler Produktion und kleiner Chargengrößen setzen Chemie und Pharma auf modularen Anlagenbau. Auch Bilfinger-CEO Tom Blades will mit Pharmaprojekten und vorgefertigten Anlagen wieder zulegen und investiert dafür in neue Produktionskapazitäten. Bringt die Anlage aus dem Baukasten die Trendwende für den strauchelnden Instandhaltungsspezialisten?

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(Bild: Bilfinger Industrietechnik Salzburg)

Klein. Multiproduktfähig. Einfach und schnell umzurüsten. Die Produktionsanlage von morgen muss ein echter Alleskönner sein. Das bringt klassische Anlagenkonzepte an ihre Grenzen: Bestehende Produktionsumgebungen könnten diese Flexibilisierungs-Ansprüche nur bedingt erfüllen, meinen Experten. Abhilfe soll die Anlage aus dem Baukasten bringen: Aus vorgefertigten Modulbausteinen zusammengestellt, clever in existierende Wertschöpfungsketten integriert, vormontiert und getestet auf die Baustelle geliefert, soll die neue Anlagengeneration helfen, Produktionsprozesse flexibel und anpassbar zu gestalten.

Auch der VDI kam in einer Studie zu dem Schluss, dass Modularisierung einer der bestimmenden Trends der chemischen Industrie sein wird. In Zukunft, glaubt der Verband, könne die Fertigung oder Veredelung von Endprodukten dezentral durch Produktionsmodule beim Kunden erfolgen.

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Bilfinger forciert Anlagenbaukasten-Durchbruch in der Pharmaindustrie

Geht es nach den Industriedienstleistungsspezialisten von Bilfinger soll der Anlagenbaukasten jetzt den Durchbruch in der pharmazeutischen Industrie schaffen. Immerhin fordert der Trend zu Biosimilars und personalisierter Medizin ein Neudenken der Produktion jenseits der Worldscale-Blockbuster-Fertigung: Kostendruck und kleine Chargen lassen die Hersteller vermehrt Leistungen outsourcen und auf immer kleinere Kompaktanlagen zurückgreifen. Solche Anlagen entwirft, plant und fertigt Bilfinger schon jetzt in sogenannter Skid-Bauweise bei seiner Tochter Bilfinger Industrietechnik Salzburg (BIS) in Österreich. Das Unternehmen mit 500 Mitarbeitern konnte in den vergangenen Jahren mit Umsatzsteigerungen von nahezu 100 % glänzen.

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Im Gespräch mit Tobias Eitel, Geschäftsführer von BIS
Edelstahl hat (noch) Potenzial

? Herr Eitel, wie wichtig ist für einen Industriedienstleister und Anlagenbauer das Prozessverständnis?

Tobias Eitel: Wir müssen den Prozess unserer Kunden verstehen – sei es ein Zellkulturprozess, ein mikrobielles Verfahren oder die Aufreinigung. Deswegen haben wir 85 Ingenieure im Unternehmen, um auf Augenhöhe mitreden zu können.

? Welche Trends beobachten Sie im Pharma- und Biotechsektor?

Eitel: Schon lange bestimmen die Themen Personalised Medicine und kleine Chargen die Diskussion. Immer mehr Medizin wird biotechnologisch hergestellt – und Gott sei Dank ist Zentraleuropa immer noch ein gern gesehener Standort. Eine chemische Synthese läuft vollautomatisch, doch bei einer Fermentation – mikrobiell wie auch bei Zellkulturen – braucht man ein hohes Ausbildungsniveau bei den Betreibern.

? Welche Bedeutung hat die modulare Plug & Play- Anlage in diesem Zusammenhang?

Eitel: Wir beobachten schon jetzt, dass immer mehr und immer größere Einheiten vorgefertigt werden und nicht auf der Baustelle entstehen. Der Kunde will nicht mehr so viele Kontraktoren ,on site‘ haben – auch wird die Time to Market immer kürzer. Deswegen so viele Module und Skids – und wenn möglich auch noch Plug & Play. Dass das Plug & Play-Konzept bisher nicht vollständig umgesetzt wird, liegt meist an der Automatisierung, da ja alle Einzelkomponenten in ein gemeinsames Automatisierungskonzept eingebunden werden müssen.

? Wie steht es dabei um Downstream-Prozesse?

Eitel: Wir wollen zum einen dem Kunden die komplette Prozesskette vom Inoculum bis zum Einfrieren anbieten können. Viele große Platzhirsche bedienen mit ihren Off-the-Shelf-Produkten zwar den Massenmarkt – doch bei individuellen Lösungen sehen wir großes Potenzial für unsere Expertise. Im Bereich Ultrafiltration, Nano- und Virusfiltration haben wir uns gut positionieren können und gehen im Bereich Aufreinigung in einer Forschungskooperation mit der TU Wien noch weiter.

? Beobachten Sie die Veränderungen im Biopharmabereich als Chance oder als Herausforderung?

Eitel: Es ist eine Herausforderung – viele Kunden nutzen häufig Disposable-Lösungen wegen der Flexibilität und der fehlenden Cross-Kontaminationsmöglichkeiten. Allerdings sind wir der Meinung, dass das Single-Use-Konzept nicht ganz zu Ende gedacht wurde: Leachables, Extractables und die Gamma-Bestrahlung sind viel zu wenig erforscht. Edelstahl wird nicht aussterben – allerdings besteht auch hier Forschungsbedarf, gerade was die Wasch-, CIP- und SIP-Zeiten angeht. Hier hat der Edelstahl noch Potenzial – nicht zuletzt in Sachen CAPEX.

Aber halt: Ein führender Instandhaltungs-Spezialist und Industriedienstleister als Pharma-Anlagenbauer? Tatsächlich begann die heutige BIS 1954 als Rohr- und Heizungsbau Gesellschaft (ab 1955 Österreichische Rohrbau und Teil von Mannesmann). Knappe zehn Jahre später wurden als Mannesmann Anlagenbau Austria (später MAB) erste Projekte für die österreichische Pharmaindustrie übernommen. Seit 2009 gehören die Salzburger zu Bilfinger und tragen mit maßgeschneiderten Skid-Anlagen und Rohrleitungspools für Biotechnologie, Pharma-Prozesse, aber auch die Halbleiterfertigung oder Energieversorgung zum Geschäftsfeld Engineering & Technologies bei.

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Über den Autor

Dominik Stephan

Dominik Stephan

Redakteur, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik