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GEA Wiegand und GEA Jet Pumps

Seit 100 Jahren langlebige Technik und Ideenreichtum

| Redakteur: Anke Geipel-Kern

GEA Wiegand und GEA Jet Pumps sind dieses Jahr in Feierlaune. PROCESS hat die beiden Geschäftsführer anlässlich des 100jährigen Jubiläums in der Zentrale in Ettlingen besucht und berichtet über die Höhepunkte der Unternehmensgeschichte.

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Im Jahr 2007 hat GEA Wiegand den GEA-internen mit 700 000 Euro dotierten Innovation-Award gewonnen. Prämiert wurde ein Energiesparkonzept für die Alkoholdestillation. Das Konzept entstand in Zusammenarbeit mit einem Whiskyhersteller.
Im Jahr 2007 hat GEA Wiegand den GEA-internen mit 700 000 Euro dotierten Innovation-Award gewonnen. Prämiert wurde ein Energiesparkonzept für die Alkoholdestillation. Das Konzept entstand in Zusammenarbeit mit einem Whiskyhersteller.
( Bild: GEA Wiegand )

Wenn zwei Schwestern gemeinsam zum 100ersten Geburtstag die Sektkorken knallen lassen, dann lässt das auf ein enges Verhältnis schließen. Im Falle von GEA Jet Pumps und GEA Wiegand ist das Verwandschaftsverhältnis doppelt intensiv. Jet Pumps war nämlich früher eine Abteilung der Wiegand und deshalb teilen beide nicht nur das Betriebsgelände, sondern auch 50 Jahre gemeinsame Geschichte. Eine Konzernentscheidung machte im Jahr 1999 das Geschäft mit der Vakuumtechnik, den Strahlpumpen und Gaswäschern zu einem selbstständigen Unternehmen innerhalb des Konzerns und zurzeit geht es beiden prächtig. Die Auftragseingänge im Jubiläumsjahr liegen bereits über Plan, und innerhalb der Gruppe stehen die beiden Konzernschwestern für einen Umsatz von 100 Millionen Euro.

Die Idee hinter der Trennung hat GEA Jet Pumps-Geschäftsführer Günther Höpfinger schnell erklärt: Es sei Konzernwille gewesen, Bereichen, die einen Nischenmarkt bedienen eine eigene Marktpräsenz zu verschaffen, um so sichtbar zu werden. „Mauerblümchen sollten zu prächtigen Rosensträußen erblühen“, schmunzelt er. Doch ein Mauerblümchen im eigentlichen Sinne war die ehemalige Wiegand-Tochter nie, denn mit der Vakuumtechnik ist Wiegand groß geworden, und heute steht der Vakuumspezialist gut da. Das leistungsfähige Portfolio glänzt mit zahlreichen Neuentwicklungen. Jüngster Streich ist eine verbesserte mehrstufige Dampfstrahlpumpe. „Wir haben die spezifischen Verbrauchswerte der Strahlenapparate deutlich verbessert und damit die Betriebskosten für die Kunden deutlich reduziert“, erklärt Höpfinger.

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Auch die Kondensatoren haben sich die Verfahrenstechniker von Jet Pumps vorgenommen. Im Visier ist das Thema Nummer 1 in der Petrochemie: Betriebs- und Investitionskosten. Das Konzept überzeugt offenbar, die größte indische Erdölraffinerie hat die neue Anlagengeneration bereits zwei Mal geordert.

Prämiertes Konzept

Nicht nur dieses Beispiel zeigt: Beide Unternehmen betrachten Innovation als Pflicht und Verpflichtung zugleich. „Wir haben eine alte Technologie. Gekocht und verdampft wird schon seit Generationen. Aber wir müssen versuchen, diese alte Technik für den Kunden attraktiv zu halten“, erklärt Dr.-Ing. Christopher Braun, Geschäftsführer der GEA Wiegand. Dass das gelingt und auch konzernweit Beachtung findet, zeigt die Trophäe im Eingangsbereich der Zentrale. Auf einem Sockel prangt der Innovation-Award der GEA Group, den GEA Wiegand im letzten Jahr empfangen hat. Das prämierte Energiesparkonzept für die Alkoholdestillation verringert den Energieaufwand einer Whiskydestille immerhin um die Hälfte, was dem Betreiber eine Menge Geld spart. Ein Jahr lang haben die Entwickler gemeinsam mit dem Projektpartner, einem staatlichen Whiskyhersteller, an dem Konzept gefeilt, und jetzt steht alles in den Startlöchern, um das Konzept zu vermarkten. „Wir binden mechanische Brüdenverdichtung mit einem Fallstromverdampfer in den Prozess ein und nutzen so den Energiegehalt der Whiskybrüden, ohne die Temperatur in den Destillationskolonnen und damit den Geschmack zu verändern“, beschreibt Braun die Idee hinter dem Verfahren. Doch der Geschäftsführer weiß, dass die Whiskyhersteller neuen Verfahren gegenüber zurückhaltend sind. Und das aus gutem Grund: Das goldfarbene Getränk ist nämlich eine Diva und reagiert auf Temperaturschwankungen bei der Destillation mit Geschmacksveränderungen. Für den Hersteller wäre eine Fehlcharge, angesichts der Mengen die täglich produziert werden, eine finanzielle Katastrophe. Eine Gefahr, die mit dem neuen Verfahren nicht droht, versichert Braun. Deshalb sind die Entwickler zuversichtlich, was die Vermarktung angeht, vor allem deshalb, weil das Verfahren auch für andere Branchen geeignet ist. „Das Marktpotenzial der Technik ist enorm groß,“ schwärmt Braun. Auch Bioethanolanlagen könnten nach der Umrüstung auf dieses Verfahren eine Menge Energie sparen. Und davon gibt es mittlerweile immerhin fast tausend Anlagen weltweit.

Nicht allzu oft öffnen neue Verfahren gleich mehrere und dann auch noch so lukrative Märkte. Viel häufiger entwickelt das Unternehmen Einzelfalllösungen. „Wir arbeiten Projekt bezogen und müssen deshalb eigentlich immer wieder den neuen Anwendungsfall und den neuen Kunden suchen“, betont Marketing- und Vertriebsleiter Wolfgang Hansen. Zurzeit entwickelt sich das Geschäft mit den nachwachsenden Rohstoffen, allem voran die Bioethanolproduktion zum wichtigen Standbein. Die größte Baustelle steht momentan in der Ukraine bei KoronAgro. GEA Wiegand liefert die gesamte Prozesstechnik, die verfahrenstechnischen Anlagen für Vermahlung, Fermentation, Destillation und Trocknung stammen zum Teil von Schwesterfirmen.

Stark diversifiziert sind beide Unternehmen, was bei den zyklischen Märkten in denen beide agieren überlebensnotwendig ist. So hat sich z.B. der Industrieschwerpunkte bei Jet Pumps seit der Ausgründung von der Chemie in Richtung Mineralölindustrie und Stahlerzeugung verlagert. „Zehn Jahre lang war das Mineralölgeschäft fast tot. Das hat sich 2006 gedreht“, berichtet Höpfinger.

Patente von Anfang an

Dabei begann die Story der Wiegand-Technologie einst völlig unspektakulär, nämlich in einer Merseburger Lederfabrik. Hier, im väterlichen Betrieb, arbeitete Wilhelm Wiegand als Betriebsleiter und entwickelte zur Leimherstellung einen mehrstufigen Umlaufverdampfer, der energiesparender war als die bis dahin verwendeten einstufigen und 1908 patentiert wurde. Seither sind noch viele weitere Patenturkunden dazugekommen. Erst im letzten Jahr sicherte ein europäisches und amerikanisches Patent das Know-how für einen Kurzwegverdampfer, der nach dem Prinzip des Fallstromverdampfers konstruiert ist.

Verfahren zum Verdampfen, Destillieren und Kristallisieren sind das ursprüngliche Kerngeschäft von GEA Wiegand, doch heute ist die Ingenieurleistung fast noch wichtiger. „Wir sehen uns als Ingenieurbüro im Anlagenbau, das dem Kunden komplette Systemlösungen bietet“, sagt Braun und verweist auf die Einbindung in die GEA Group, die den Zugriff auf die komplette verfahrenstechnische Kette ermöglicht vom Dekanter bis zum Wirbelschichtapparat.

Seit 2002 gehört auch die Membranfiltration, die konzernintern bei GEA Filtation angesiedelt ist, mit zum Portfolio. Damals, so erinnert sich Braun, bestand die Gefahr, dass die Membranfiltration die klassische Verdampfertechnik in Teilbereichen substituiert und ein Teil des Marktes wegbricht. Heute bietet man Membranverfahren als Alternative zur klassischen Eindampftechnik und Hybridverfahren an und integriert Membrantechnik, um beispielsweise die Qualität des Brüdenkonsensates zu verbessern oder die Standzeit des Verdampfers zu verlängern. Rechtzeitig auf solche Marktveränderungen zu reagieren, ist eine Stärke beider Schwestern, und das geht nur mit einem Stab ideenreicher Mitarbeiter. Dann, so sind sich beide Geschäftsführer sicher, sind auch die nächsten 100 Jahre gesichert.

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