Bioverfahrenstechnik Sartorius Stedim Biotech ist jetzt an den Start gegangen

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Mit der Kombination seiner Biotech- Sparte mit Stedim hat Sartorius die Serie an Kooperationen und Zukäufen gekrönt. Jetzt ist die Fusion zum Teilkonzern Sartorius Stedim Biotech perfekt. Reinhard Vogt, Vorstandsmitglied des Unternehmens, erläutert im Exklusiv-Interview die Hintergründe.

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Sartorius Stedim Biotech deckt fünf Produktfelder ab: Filtration, Fluid Management, Purification, Fermentation und Labor. Der Schwerpunkt liegt auf der Disposable-Technologie.
Sartorius Stedim Biotech deckt fünf Produktfelder ab: Filtration, Fluid Management, Purification, Fermentation und Labor. Der Schwerpunkt liegt auf der Disposable-Technologie.
( Bild: Sartorius )

PROCESS: Herr Vogt, Sartorius hat in den letzten Jahren die Sparte Biotechnologie durch zahlreiche Kooperationen und Zukäufe verstärkt. Wie passt die Übernahme von Stedim, dem Marktführer für Bag-Technologien, in diese Strategie?

Vogt: Wir beobachten in der biopharmazeutischen Industrie schon seit Anfang 2000 einen deutlichen Trend von sogenannten Reusables hin zu Disposable-Produkten und -Technologien. Seitdem haben wir das Thema aufmerksam auch in Richtung möglicher Kooperationen verfolgt. Der tatsächliche Einstieg in die Einwegtechnologie im Bereich der Einwegbeutel hat für uns 2004 mit der Kooperation mit TC Tech und der Entwicklung von Disposable Bags zum Transport steriler Flüssigkeiten begonnen.Mit dem Paradigmenshift in Richtung Einweg haben sich Bags von der Komponente zur Kerntechnologie entwickelt. Wer bei einer solchen Entwicklung ganz vorne dabei sein will, muss die Kerntechnologie im Haus haben – entweder als Eigenentwicklung oder durch eine Akquisition. Stedim war in dieser Hinsicht unser Wunschkandidat: Wir bekommen nicht nur die Technologie sondern darüber hinaus mit den Stedim-Kunden einen erweiterten Marktzugang.

PROCESS: Akquisitionen und Kooperationen sind also für Sartorius auch ein Mittel, um die Geschwindigkeit bei der Entwicklung neuer Produkte und Technologien zu erhöhen?

Vogt: Kooperationen sind für ein innovatives Unternehmen ein Muss. Ein Unternehmen, das sich schnell entwickeln will, muss die Kompetenz haben, Kooperationen einzugehen. Wir sehen das sogar mittlerweile als eine unserer Kernkompetenzen an. Alles selbst zu entwickeln, erfordert einen hohen Aufwand, bindet Kapazitäten und nimmt viel zu viel Zeit in Anspruch.

PROCESS: Wo liegt für Sie der besondere Charme der Stedim-Transaktion?

Vogt: Wir sind fest davon überzeugt, dass Stedim und Sartorius perfekt zusammen passen. Das betrifft sowohl die komplementären Produktportfolios als auch eine gleiche Kundenstruktur innerhalb der biopharmazeutischen Industrie. Darüber hinaus ergänzen wir uns auch geografisch mit dem Zugang zum US-amerikanischen und asiatischen Markt hervorragend. Hinzu kommt auch die Struktur beider Unternehmen: Beide sind ursprünglich aus Privatunternehmen hervorgegangen und haben sich diesen Charakter bewahrt. Die berühmte Chemie stimmt einfach zwischen beiden Partnern. Ich habe schon mehrere Akquisitionen und Integrationen in meinem Geschäftsleben erlebt, aber selten haben beide Partner nach einer Fusion in einem Integrationsprozess so schnell das Wort „wir“ verwendet.

PROCESS: Wieweit ist der Integrationsprozess mittlerweile?

Vogt: Der Integrationsprozess ist weit vorangeschritten, da wir die vier Monate zwischen der Bekanntgabe und dem Vollzug der Transaktion bereits zur Planung und Integration der Geschäftsvorgänge nutzen konnten. Der Grund dafür liegt darin, dass diese Gespräche auf Vorstandsebene schon weit vor der Bekanntgabe unseres Zusammenschlusses begonnen haben. Aufgrund der ungewöhnlichen Transaktionsstruktur eines Reverse Mergers, konnten wir nämlich nicht auf Routineprozesse zurückgreifen, sondern mussten intensiv und in einer frühen Phase miteinander über die Struktur des Unternehmens diskutieren. Das hat sich im nachhinein als großer Vorteil erwiesen. Auch deshalb können unsere Kunden bereits heute auf die gesamte Produktpalette von Sartorius Stedim Biotech zugreifen.

PROCESS: Sie sprechen immer von Zusammenschluss und Partner, tatsächlich aber ist der Sartorius Konzern Mehrheitsaktionär....

Vogt: Zwar sind wir nominell Mehrheitsaktionär und verfügen damit über einen größeren Einfluss. Aber für uns liegt der besondere Spirit darin, dass sich hier zwei gleichwertige Partner zusammengeschlossen haben, die ihre Kompetenzen zusammenführen und dadurch zu einem weltweiten Technologieführer im Bereich von Einwegprodukten werden.

PROCESS: Sie erwähnen immer wieder das komplementäre Produktportfolio. Können Sie das konkretisieren?

Vogt: Stedim entwickelt und produziert flexible Kunststoffbeutel in beliebiger Größe für die Formulierung, die Lagerung sowie den Transport steriler Medien, Puffer und biologischer Lösungen. Hinzu kommen aseptische Transfersysteme, wie beispielsweise das Rapid-Fluid-Aseptic-Transfer-System, einer flexiblen Lösung, die das Einschleusen steriler Lösungen innerhalb unterschiedlicher Reinraumklassen ermöglicht. Außerdem verfügt Stedim über die patentierte Freeze-Thaw-Technologie zur Konservierung von Proteinlösungen in Einmalbehältern. Wir sind jetzt in der Lage, die Einweg-Beutel von Stedim mit unseren Filtern auszustatten. Schließlich braucht fast jeder Bag auch einen Filter – bislang gab es nur kein Unternehmen, das beides liefern konnte. Der Kunde kann jetzt auf validierte und gebrauchsfertige Filter-Bag-Systeme zurückgreifen und das Equipment für seine gesamte Prozesskette aus einer Hand erwerben. Der Marktanteil vorinstallierter Filter-Bag-Systeme liegt bisher bei zehn Prozent, bis 2011 erwarten wir einen Zuwachs auf 30 Prozent.

PROCESS: Zurzeit dominiert in der Biotechnologie noch viel Edelstahl. Was macht Sie so sicher, dass der Markt verstärkt auf Disposables setzen wird?

Vogt: Der Markt hat das Konzept bereits angenommen. Gerade die Impfstoffherstellung ist prädestiniert für Einwegsysteme. Die Volumina sind klein und das Risiko von Kreuzkontaminationen ist durch häufige Chargenwechsel hoch. Solche Anforderungen sind mit Disposables, die beim Chargenwechsel einfach gegen ein neues System ausgetauscht werden, leichter beherrschbar. Außerdem vereinfacht sich die Validierung. Auch das Time-to-Market lässt sich beschleunigen, Impfstoffhersteller müssen schnell auf Nachfragen reagieren können. Ein Einwegsystem ist sehr viel schneller installiert und erweitert als eine konventionelle Produktion.

PROCESS: Wird es in absehbarer Zeit einen vollständigen Paradigmenwechsel in der biotechnologischen Produktion geben – also nur noch Einweg?

Vogt: Wir sprechen nicht von einer hundertprozentigen Marktabdeckung mit Einwegsystemen. Edelstahl wird immer dort seine Berechtigung finden, wo Fermentervolumina von zehn- oder fünfzehntausend Liter benötigt werden, wie bei der Herstellung monoklonaler Antikörper. Die Produktion rekombinanter Proteine hingegen erfordert sehr viel kleinere Fermenter. Auch der Trend zur kontinuierlichen Perfusionsfermentation senkt die Fermentervolumina ebenso wie Produktionsstämme, die höhere Ausbeuten liefern. Das Alles sind Faktoren, welche die Nachfrage nach Einwegsystemen fördern. Wir sind überzeugt davon, dass der Anteil an konventioneller Technik stark sinken wird. Der biopharmazeutische Markt wächst mit zwölf Prozent, der Markt mit Disposables aber sogar mit ungefähr 18 Prozent..

PROCESS: Letztlich bewährt sich eine Fusion am Markt nur dann erfolgreich, wenn der Kunde einen Mehrwert dabei erzielt. Wo liegt der Mehrwertfür die Sartorius Stedim Kunden?

Vogt: Angesichts eines sich ständig verändernden Wettbewerbsumfelds, bei denen Konsolidierungen an der Tagesordnung sind, kommt aus Kundensicht der Assurance of Supply eine ganz entscheidende Bedeutung zu – schließlich kann er bei validierten Prozessen nicht einfach die Komponenten wechseln. Insofern sucht die Pharmabranche nach integrierten Lösungen und kann dabei nicht mit unzähligen Lieferanten und Unterlieferanten zusammenarbeiten. Nur wer die gesamte Prozesskette abdeckt, kann wirklich integrieren. Mit Sartorius Stedim Biotech sind wir am Markt nun das einzige Unternehmen, das – neben klassischen Systemen – Einwegsysteme für die Fermentation, die Membranfiltration und die Aufreinigung bietet. Dazu kommen Bags, ein patentiertes Lyophylisierungsverfahren und Disposable-Sensoren. Und das Alles aus einer Hand – das ist unserer Meinung nach ein echter Mehrwert für den Kunden.

Herr Vogt, wir danken Ihnen für das Gespräch.n

Zur Person Reinhard Vogt

Reinhard Vogt ist Mitglied des Vorstands und Director of Sales and Marketing der Sartorius Stedim Biotech S.A. Zuvor leitete er als Senior Vice President die Bereiche Sales and Marketing der Biotechtechnologie-Sparte der Sartorius AG, wo er die Fokussierung des Konzerns auf den Wachstumsmarkt Biotechnologie und die Entwicklung der Sparte zu einem Total Solution Provider maßgeblich mitgestaltet hat. Reinhard Vogt ist seit 1983 für Sartorius tätig

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