Suchen

Flaggschiff Achema hält Kurs

Interview mit Dr. Alfred Oberholz, Vorsitzender der Dechema und Geschäftsführer Prof. Dr. Gerhard Kreysa

| Redakteur: Anke Geipel-Kern

Trotz weltweiter Finanz- und Wirtschaftskrise zeichnet sich zur diesjährigen Achema ein positives Bild ab. Die Ausstellerzahlen erreichen das Niveau von 2006, und die Erwartungen an die Achema als Innovationstreiber und Kommunikationsplattform sind ungebrochen. Dr. Alfred Oberholz, Vorsitzender der Dechema und Geschäftsführer Prof. Dr. Gerhard Kreysa präsentieren sich im PROCESS-Interview in zuversichtlicher Stimmung.

Firmen zum Thema

„Die ACHEMA ist die ideale Plattform, um mit Kunden und Zulieferern in Kontakt zu kommen.“ - Prof. Dr. Gerhard Kreysa
„Die ACHEMA ist die ideale Plattform, um mit Kunden und Zulieferern in Kontakt zu kommen.“ - Prof. Dr. Gerhard Kreysa
( Archiv: Vogel Business Media )

PROCESS: Herr Prof. Kreysa, nicht zum ersten Mal findet die Achema in wirtschaftlich schwierigen Zeiten statt. Auch diesmal scheint sich die weltweite Rezession in der Chemie- und Prozessindustrie nicht auf die Ausstellerzahlen niederzuschlagen. Wie erklären Sie sich diesen gegenläufigen Effekt?

Prof. Kreysa: Wir sehen zurzeit zwei Reaktionen auf die Krise. Zum einen machen sich Unternehmen wetterfest, indem sie sparen und Investitionen verschieben, um die Liquidität zu erhöhen. Und dann beobachten wir einen interessanten zweiten Effekt, und das ist für mich die Antwort auf die Frage. Die Verantwortlichen begreifen die Rezession als Chance und nutzen diese, um ihr Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen zu lassen. Die meisten sehen die Achema als die ideale Plattform, auf der man Trends sieht und bespricht, Weichen für die Zukunft stellen kann, sowie mit seinen Kunden und Zulieferern in Kontakt kommt. Auf diese Chance wollen Unternehmen gerade in schwierigen Zeiten nicht verzichten.

PROCESS: Sie haben in diesem Jahr ein neues Besucherkartensystem installiert. Welche Resonanz verzeichnen Sie?

Prof. Kreysa: Unsere Besucherakquisition ruht auf zwei Standbeinen: Sowohl die Ausssteller als auch wir als Veranstalter laden ein. Früher haben wir den Austellern die benutzten Freikartengutscheine in Rechnung gestellt. Das führte zu einem unterschiedlichen Engagement der Aussteller und damit zu einer gewissen Ungerechtigkeit. Große Austeller mit hohem Budget haben mehr Besucherfreikarten zur Verfügung gestellt als kleinere. Im neuen System erheben wir pro Aussteller eine Besucherpauschale, die sich an der Standfläche orientiert. Dafür darf jeder so viele Freikarten verteilen, wie er möchte. Das ist ein Gewinn an Gerechtigkeit und kommt gut an.

PROCESS: Herr Dr. Oberholz, China war in den letzten Jahren der Investitionsschwerpunkt der Chemiebranche. Wie schlägt sich das in den Aussteller- und erwarteten Besucherzahlen nieder?

Dr. Oberholz: Die Zahl der chinesischen Aussteller ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Noch zur Achema 2000 hatten wir 19 chinesische Aussteller, 2006 waren es 57 und in diesem Jahr sind es 85. Das sind zwar keine riesigen Zahlen, zeigt aber die wachsende Bedeutung, die der deutsche Markt auch für chinesische Zulieferer hat. An der Zahl der Visa-Anträge sehen wir, dass das Interesse, die Achema zu besuchen, in gleichem Maße wächst wie die Ausstellerzahlen. Natürlich sind die Zahlen in Frankfurt nicht zu vergleichen mit einer AchemaSIA, die im bisher stärksten Jahr 2007 über 200 chinesische Austeller und rund 20 000 Besucher verzeichnete.

PROCESS: Auch in den Nahen Osten sind große Investitionen geflossen. Welche Rolle spielt die Achema für die dortige Öl- und Gasindustrie, Chemie- und Petrochemie?

Prof. Kreysa: Schon seit Jahren wird die Achema von einer recht großen, hochkarätigen Delegation aus dem arabischen Raum besucht. Von Bedeutung ist für uns aber nicht so sehr die Zahl der Besucher, sondern die Frage, ob die Entscheider kommen. Investoren aus dem Nahen Osten greifen nämlich in der Regel auf das technische Know-how ausländischer Zulieferfirmen zurück. Eine starke Ausrüsterindustrie, wie etwa in China, gibt es dort nicht. Für viele Achema-Aussteller liegt hier eine große Chance, an Investitionsprojekten teilzuhaben.

PROCESS: Die Achema-Sonderschau „Chemie und Biotechnologie regenerativer Rohstoffe und Energieträger“ begleitet das Großthema Rohstoffwandel und Energie der Zukunft. Herr Dr. Oberholz, ist die Chemie hier Treiber oder Getriebener?

Dr. Oberholz: Wir sehen uns weder in der einen noch in der anderen Rolle, sondern die Chemiebranche stellt sich realistisch auf die Fakten ein. Und die liegen klar auf der Hand: Die Ölreserven werden irgendwann zur Neige gehen und die Preise steigen. Das bedeutet, die Branche muss darauf vorbereitet sein, dass ihr wichtigster Rohstoff irgendwann einmal nicht mehr oder nur noch zu astronomischen Preisen zur Verfügung steht. Zurzeit untersuchen wir deshalb das gesamte Rohstoffspektrum – Biomasse, Erdgas und Kohle. Speziell die Kohlechemie erlebt gerade eine wahre Renaissance: In Ländern wie Südafrika hat kohlebasierte Chemie bereits eine lange Tradition und China pumpt gewaltige Förder- und Forschungsmittel in diesen Bereich. Die Chemie auf Basis nachwachsender Rohstoffe profitiert derzeit von der Tatsache, dass wir das erste Mal in der Geschichte der Biotechnologie das nötige Wissen haben, um Entwicklungsergebnisse schnell in marktreife Verfahren umzusetzen.

PROCESS: Und wo findet der Interessierte weitere Antworten auf der Achema?

Dr. Oberholz: Wir präsentieren in unserem Kongressprogramm eine hochrangig besetzte Podiumsdiskussion mit Umweltminister Sigmar Gabriel, die sich dem Thema Rohstoffe vom Acker widmet. Viele Anregungen liefert auch die Ausstellungsgruppe Biotechnologie. Unter dem Begriff Biotechnik sind mehr als 1000 Aussteller zusammengefasst, die biotechnische Produkte, neue Verfahren und Dienstleistungen präsentieren.

PROCESS: Nur drei Wochen vor der Achema findet in diesem Jahr die Interkama in Hannover statt. Was findet der Besucher auf der Achema, was er in Hannover nicht findet?

Prof. Kreysa: Die Interkama wird in einem Achema-Jahr bevorzugt andere Zielgruppen adressieren, um die Überschneidungen gering zu halten. Außerdem ist die Achema eine sehr breit aufgestellte Ausstellung, die seit 2003 auch von der NAMUR zur Leitveranstaltung erklärt wurde, sodass wir keine Einbußen befüchten. Die Kombination mit den Diskussions-Foren ermöglicht es Anwendern und Herstellern, vor Ort Trends und Anforderungen der Zukunft zu diskutieren.

PROCESS: Herr Prof. Kreysa, die Achema 2009 wird für Sie als Geschäftsführer der Dechema die letzte sein – Grund genug für einen Blick zurück. Wie hat sich die Achema in den vergangenen 20 Jahren entwickelt oder verändert?

Prof. Kreysa: Mein Vorgänger hat mir eine hervorragend positionierte Achema überlassen, deshalb konnte das Ziel nur sein, das Event weiter zu entwickeln. Das ist uns gelungen, indem wir z.B. den Anteil ausländischer Aussteller von 29 auf 45 Prozent gesteigert haben. Nachdem die Halle 3 verfügbar war, haben wir die Gruppenstruktur der Aussteller geändert und uns dadurch Expansionsspielraum verschafft, den wir vorher nicht hatten. Die Achema belegt ja außer der Halle 1 bereits alle Hallen. Wir haben das Kongressprogramm erweitert und führen Podiumsdiskussionen mit namhaften Experten durch. Wichtige Impulse erhält die Ausstellung auch durch neue Partner wie die NAMUR, die die Achema zu ihrer Leitveranstaltung gemacht hat.

PROCESS: Herr Dr. Oberholz, Sie werden am Ende des Jahres den Abschied als Vorsitzender der Dechema nehmen. Wie beurteilen Sie rückblickend ihre Amtszeit?

Dr. Oberholz: Ein wichtiger Meilenstein ist für mich zweifellos die ProcessNet-Initiative, die mit dazu beiträgt, ein Jahre langes Nebeneinander von Organisationen zu überwinden, die viele inhaltliche Gemeinsamkeiten haben. Hier haben wir einen riesigen Schritt gemacht, der Synergieeffekte schafft und Stärken bündelt. Auch unsere Biotechnologieaktivitäten sind neu geordnet und strategisch ein gutes Stück vorangekommen. An dieser Stelle können wir alle sehr zufrieden auf das Erreichte zurückblicken.

PROCESS: Herr Prof. Kreysa, Herr Dr. Oberholz wir danken für das Gespräch.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 289147)