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Standortentscheidung

Gute Noten für den Produktionsstandort Deutschland

| Autor/ Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Jörg Kempf

Ein hohes Steuer- und Lohnniveau, gepaart mit einem unflexiblen Arbeitsrecht und viel Bürokratie – über den Standort Deutschland ist schon viel gelästert worden. Nüchtern kalkulierende Manager sehen das aber in Relation zu gewichtigen anderen Standortfaktoren: Qualifizierte, gut ausgebildete Mitarbeiter und Performance-Faktoren wie hohe Produktivität und beste Prozessqualität. Wer Erfahrungen mit dem Global Sourcing hat, weiß um weitere Standortvorteile wie Termintreue und Qualität der Produkte.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Seit 1919 produziert der Textilbetrieb Trigema im schwäbischen Burladingen T-Shirts und Tennisbekleidung. Der Fernsehspot der Firma hat schon beinahe Kultcharakter – man muss das gesehen haben, wie zuerst ein Schimpanse auftritt und dann Trigema-Chef Wolfgang Grupp mit Grandezza durch die Werkshalle schreitet und selbstbewusst betont, dass seine Firma nur in Deutschland produziert. Ein Einzelfall? Werblich gesehen sicher. Ansonsten aber nicht.

Es gibt viele Beispiele von Unternehmen, die schon immer und nur in Deutschland produziert haben. Und es gibt eine Reihe von (hauptsächlich mittelständischen) Unternehmen, die nach einem Auslandsengagement wieder zurückgekehrt sind. „Die Rückkehr der Reumütigen“ titelte das Manager-Magazin im Januar. Diese Standortentscheidung hat viele Gründe. Einer davon: Die Liebe zum gern und viel zitierten „Global Sourcing“ scheint gebrochen – nicht wenige Abnehmer auch aus den Großkonzernen kehren einigermaßen ernüchtert wieder zum lokalen Zulieferer zurück. Grund: Qualitätsprobleme, Terminverzögerungen und der vielfach unterschätzte, nicht unerhebliche Abwicklungsaufwand mit ausländischen Lieferanten. Und mancher Hersteller, der sich in eines der Niedriglohnländer flüchtete, musste lernen, dass z.B. ein höherer Koordinierungsaufwand oder das plötzlich fehlende Know-how langjähriger Mitarbeiter vermeintliche Kostenvorteile wieder zunichte machte.

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Produktivität als wichtiger Standort-Faktor

Das Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen und Kienbaum Management Consultants (KMC) haben Führungskräfte aus der Industrie danach befragt, welche Gründe für den Standort Deutschland sprechen. Das Fazit der Untersuchung ist überraschend eindeutig: Der Standort Deutschland habe großes Potenzial und Zukunft, so die Auffassung sowohl von national wie international agierenden Unternehmen mit Entwicklungs- und Produktionsstandorten in Deutschland. „Deutsche Manager müssen nur ihre Chance ergreifen“, so Michael Linnhoff, Partner und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Managementberatung Kienbaum.

Nach Einschätzung der befragten Unternehmen bieten in Deutschland Standortfaktoren wie die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Mitarbeiter, ein guter Technologiezugang und Performance-Faktoren wie Produktivität und Prozessqualität deutliche Vorteile gegenüber Osteuropa und Asien (siehe Graphiken). Die Bedeutung des Labels „Made in Germany“, die kundennahe Entwicklung individueller Problemlösungen sowie das Know-how der Zulieferer sind für mehr als 80 Prozent der Befragten entscheidende Faktoren. Darüber hinaus sehen mehr als 70 Prozent der Befragten die Nähe zu den Lieferanten als einen weiteren Faktor, der klar für den Standort Deutschland spricht.

Negativ für den Standort Deutschland fallen die als gering eingestufte Flexibilität und Motivation der Mitarbeiter auf. Hier liegen Osteuropa und China/Indien in der Bewertung klar vorn. Dagegen wird der Standort Deutschland bei unternehmensexternen Faktoren wie Industrienetzwerke, Technologiezugang, Lieferzeiten und Know-how der Zulieferer im Vergleich zu Osteuropa bzw. Asien positiv beurteilt.

Attraktivität für US-Investoren wächst

Auch amerikanische Unternehmen in Deutschland sehen den Standort im deutlichen Aufschwung. Dies zeigt besonders der Jahresvergleich des IV. AmCham Business Barometer, das die Boston Consulting Group (BCG) und die Amerikanische Handelskammer in Deutschland (AmCham Germany) bei den führenden US-Investoren durchgeführt haben. Mehr als die Hälfte der befragten US-Unternehmen (53 Prozent) gibt an, dass sich die Attraktivität Deutschlands im Vergleich zum Vorjahr weiter verbessert hat. Als Standort für Unternehmenszentralen liegt Deutschland im europäischen Vergleich an der Spitze.

Dies schlägt sich auch bei den Umsatzerwartungen nieder: 80 Prozent der US-Investoren erwarten in diesem Jahr trotz Mehrwertsteuererhöhung Umsatzzuwächse, 57 Prozent wollen ihre Investitionen auch 2007 erhöhen. „Deutschland hat in den letzten Jahren für US-Investoren kontinuierlich an Attraktivität gewonnen“, sagt Fred B. Irwin, Präsident der American Chamber of Commerce in Germany (AmCham Germany).

Waren zu Beginn des Jahres 2006 nur 31 Prozent der US-Unternehmen davon ausgegangen, dass sie neue Mitarbeiter einstellen würden, hatten am Jahresende deutlich mehr, nämlich 45 Prozent, tatsächlich neue Stellen geschaffen. Noch positiver sind die Einstellungsziele für 2007: Weitaus mehr US-Unternehmen wollen Mitarbeiter einstellen (40 Prozent) als Personal reduzieren (24 Prozent). „Die Pessimismus-Spirale ist gestoppt. Stattdessen verstärken das reale Wachstum und das neu gewonnene Vertrauen in den Standort einander gegenseitig“, sagt BCG-Geschäftsführer Martin Koehler.

Trendwende bei Verlagerungen

Eine Ursache für die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist auch eine Trendwende bei Verlagerungen. Osteuropa ist im europäischen Vergleich für US-Unternehmen zwar der mit Abstand attraktivste Investitionsstandort, aber „neue F&E-Zentren in Rumänien oder der Fabrikausbau in Tschechien gehen nicht automatisch zu Lasten Deutschlands“, berichtet Koehler aus Gesprächen mit US-Investoren.

Gerade in der Produktion hat sich der Trend bei Abbau und Verlagerung verlangsamt. 2006 planten noch 24 Prozent einen Abbau der Produktion in Deutschland, 2007 sind es nur noch 16 Prozent. Jeder fünfte US-Investor will seine Produktionskapazitäten sogar ausbauen. „Wir sehen in Einzelfällen auch eine Rückverlagerung von komplexen Produktions- und Verwaltungsaufgaben nach Deutschland“, betont Koehler.

Fazit: Meckern war gestern. Deutschland hat durchaus und zu Recht eine Zukunft als Produktionsstandort.

Der Autor ist freier Mitarbeiter bei PROCESS.

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Über den Autor

Jörg Kempf

Jörg Kempf

Chefredakteur, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik