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Interview

Den Spagat meistern will der neue BTS-Geschäftsführer durch Flexibilität und Fokussierung gleichermaßen

| Redakteur: Gerd Kielburger

Bayer Technology Services (BTS) will weiter wachsen. Dazu muss vor allemdie Balance zwischen internen und externen Kunden stimmen. Dr. Dirk Van Meirvenne, der seit 1. Juni das Unternehmen führt, stand PROCESS-Chefredakteur Gerd Kielburger Rede und Antwort.

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Dr. Dirk Van Meirvenne : „Wir bringen mit echten Partnerschaften Technologien auf den Weg, die sowohl für unsere Partner als auch für uns Mehrwert generieren.“ (Bild: BTS)
Dr. Dirk Van Meirvenne : „Wir bringen mit echten Partnerschaften Technologien auf den Weg, die sowohl für unsere Partner als auch für uns Mehrwert generieren.“ (Bild: BTS)

PROCESS: Herr Dr. Van Meirvenne, wie fühlt man sich als Chemiker an der Spitze eines Engineering-Unternehmens?

Dr. Dirk Van Meirvenne: (lacht) Nun, da wir uns selbst nicht als Engineering-, sondern als Technologie-Unternehmen sehen, kann ich Ihre Frage guten Gewissens mit „sehr gut“ beantworten. Davon einmal abgesehen konnte ich als Chemiker in meiner 20-jährigen Bayer-Zugehörigkeit international sehr viele Technologieprojekte begleiten, die zu einer entsprechenden Lernkurve meines technischen Verständnisses beigetragen haben. Das kommt mir in meiner jetzigen Position zu Gute.

PROCESS: Sie kommen aus der Polymerchemie und sind jetzt für ein sehr breites Portfolio ver-antwortlich. Was ist Ihre größte Herausfor-derung, die Sie bei BTS vorgefunden haben?

Van Meirvenne: Die Kollegen bei BTS haben schon einen enormen Wandlungsprozess hinter sich – von einer zentral gesteuerten Ingenieurorganisation zu einer auf Marktkunden bezogenen technologieorientierten Plattform mit einem offenen Blick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Geschäftspartner. Die nächste Herausforderung ist jetzt zu entscheiden, wie wir unser sehr breites Portfolio positionieren und ausbalancieren. Dafür müssen auch intern noch einige Fragen beantwortet werden. Beispielsweise: Was sind die richtigen Dinge, damit wir uns ständig technologisch aber auch wirtschaftlich verbessern? Oder, in welchen Technologien wollen wir zukünftig führend sein? Worauf wollen wir uns zukünftig konzentrieren?

PROCESS: Das klingt nach mehr Fragen als Antworten...

Van Meirvenne: Natürlich haben wir den Anspruch, führende Technologien für Bayer zur Verfügung zu stellen, um damit auch einen klaren Wettbewerbsvorteil für die Teilkonzerne zu ermöglichen. Aber man kann nicht überall und in gleichem Maße führend sein, man muss sich fokussieren. Eine Herausforderung wird es sein, diese zusätzliche Anforderung an die Organisation, die Balance zwischen ausreichend Flexibilität einerseits und Fokussierungsprozess andererseits in den Griff zu bekommen.

PROCESS: Die Gretchenfrage ist doch wie BTS zukünftig das Spagat als Bayer interner Technologiedienstleister und externem Marktanbieter hinbekommt. Wie frei dürfen Sie überhaupt im externen Markt anbieten und welche Strategie hat Ihnen der neue CEO von Bayer verordnet? Gibt es womöglich eine Rückwärtsbesinnung auf mehr Bayer-internes Geschäft?

Van Meirvenne: Wir hinterfragen immer, ob das was wir tun, das Richtige ist. Sich den Herausforderungen des Marktes anzupassen ist ein kontinuierlicher Prozess. Strategischer Treiber für unsere interne wie externe Geschäftsentwicklung ist eine kontinuierliche Verbesserung der technologischen Performance für unsere Kunden. Diese Strategie sieht ein substanzielles Wachstum vor, und wir werden dort investieren, wo wir nachhaltige Wachstumsmöglichkeiten sehen.

PROCESS: Ihr Portfolio ist, wie Sie selbst formulieren extrem breit ausgerichtet. Was wollen Sie stärker ausbauen, was zurückfahren?

Van Meirvenne: Ich bitte um Verständnis, dass ich nach so kurzer Zeit noch keine detaillierten Aussagen dazu treffen möchte, wie es sich zukünftig entwickeln muss. Klar ist, dass es in diesem Portfolio unterschiedliche Wachstumsdynamiken gibt, auf die wir uns einstellen müssen und die natürlich auch zu gewissen Bereinigungen führen können. Die strukturelle und regionale Aufstellung auf die Emerging Markets ist schon sehr gut organisiert. Unser Chinageschäft etwa hat sich sehr stark entwickelt. Wir sind in Brasilien und Russland vertreten und wachsen auch in Indien sehr gut. Mit welchen Aktivitäten aus dem Portfolio wir wo auftreten, hängt auch damit zusammen, welche Fähigkeiten und Kompetenzen wir vor Ort bereitstellen können.

PROCESS: Basiert Ihr Erfolg in China nicht im Wesentlichen auf Aufträgen von Konzernschwestern und international operierender Unternehmen, während Sie bei lokalen chinesischen Unternehmen eher Preisprobleme haben?

Van Meirvenne: Jedes Unternehmen versucht sein Alleinstellungsmerkmal oder USP (Anmerkung der Redaktion: USP= Unique Selling Proposition) zu definieren. Unser USP ist die Owner''s-Engineering-Mentalität, die im Markt sehr selten zu finden ist. Ein Kunde kann uns sein Portemonnaie in die Hand drücken und weiß, dass wir damit sorgfältig umgehen. Die Zusammenarbeit mit unseren Kunden entwickelt sich dabei immer mehr zu langfristigen Partnerschaften. Kurzfristige Geschäfte oder kurzfristiges Gewinndenken im Commodity-Engineering ist nicht unsere Strategie. Auch in den Emerging-Markets wie China setzen wir weiter auf diesen Weg.

PROCESS: BTS führt die große Betreibernähe oder Owner''s-Mentalität schon seit Jahren als Wettbewerbsvorteil an. Sind das nicht Argumente, die sich nach acht Jahren Selbstständigkeit zunehmend verbrauchen?

Van Meirvenne: Nein, die sehr positive Entwicklung von BTS zeigt das doch überdeutlich. Das Thema Nachhaltigkeit wird mittlerweile überall groß geschrieben und spielt damit in unseren Kundenbeziehungen eine enorme Rolle. Meine Erfahrung ist: Alles, was man schnell und billig zu machen versucht, dauert meistens länger und kostet am Ende dann doch mehr. Mit unserem Betreiber-Background setzen wir auf das Vertrauen, die Dinge richtig zu tun, um Kunden über viele Jahre mit ihrer Performance positiv zu begleiten.

PROCESS: Trotzdem sind Sie doch durch den Bayer-Konzern in Ihrem Leistungsportfolio nach außen eingeschränkt und potenzielle ex-terne Kunden könnten Angst davor haben, dass Know-how in die falschen Kanäle abfließt.

Van Meirvenne: Die Auswahl, in welche Märkte und mit welchen Partnern wir dort Projekte umsetzen, ist für uns ein sehr selektiver Prozess. Mit unseren externen Partnern entwickeln wir selbstverständlich Mechanismen, um deren Know-how zu schützen. Ein belastbares Vertrauensverhältnis ist die Basis des Erfolgs.

PROCESS: BTS hat jüngst mit CO2rrect gemeinsam mit RWE ein Projekt zur stofflichen Nutzung von CO2 gestartet. Es gibt Stimmen in der Branche, die sagen, dass das aus Gründen der Energiebilanz keine Zukunft hat. Was ist Ihr Standpunkt dazu?

Van Meirvenne: Das Projekt ist keine Lösung unseres Klimaproblems, aber ein wertvoller Beitrag. Wenn es uns beispielsweise gelingt 40 Prozent des eigenen CO2-Ausstoßes wieder in der Polymerproduktion einzubauen, wäre viel gewonnen. Aber der Zeithorizont dafür beträgt mehr als zehn, fünfzehn oder auch noch mehr Jahre.

PROCESS: Erweitert sich Ihre Branchenausrichtung durch solche Projekte?

Van Meirvenne: Wir sind im Prinzip für alle Branchen offen. Aber in diesen Projekten muss der Vorteil für den Bayer-Konzern – dabei rede ich jetzt nicht über einen finanziellen Vorteil, sondern über einen technologischen – erkennbar sein.

PROCESS: BTS positioniert sich als Technologie-Consultant u.a. auch mit dem BayOpX-Programm im Bereich Operational Excellence. Wie wird das Angebot von Ihren Kunden angenommen?

Van Meirvenne: Wir haben sehr gute Resonanz bei Projekten im Bereich Operational Excellence. Zusammen mit den Kollegen in anderen Teilbereichen des Bayer-Konzerns laufen diverse Projekte der Anlagenoptimierungen, die durch Interaktion aller Beteiligten immer weiter vorangetrieben werden. Da steckt noch sehr viel Wachstumspotenzial für uns und Optimierungspotenzial für unsere Kunden drin. Darüber hinaus zeigt der Markt großes Interesse an den Themen Energie- und Ressourceneffizienz.

PROCESS: Sehen Sie in diesem Themenfeld einen nennenswerten Wettbewerber?

Van Meirvenne: Offengestanden nein. Auch das hat etwas mit unserer Owner''s-Mentalität zu tun. Der Komplettansatz mit dem wir eine Anlage planen, bauen und Prozesse optimieren ist absolut unique.

PROCESS: Die stärkere Ausrichtung auf Emerging-Markets bringt auch eine stärkere Internationalisierung der Mitarbeiterschaft mit sich. Wie läuft die Integration dieser Mitarbeiter und von deren Know-how ab?

Van Meirvenne: Das ist eine der größten Aufgaben für uns. Globalisierung bedeutet für ein Technologieunternehmen wie BTS einen Anpassungsprozess beispielsweise durch das Standardisieren von Engineering Solutions: Nicht immer und überall alles neu zu erfinden, sondern unsere Kompetenzen, die wir nicht überall gleichermaßen vorhalten können, dennoch in diesen Ländern zur Verfügung zu stellen. Das geht nicht über E-Mail und auch nicht über Organisationstruktur. Das geht nur über Menschen.

PROCESS: Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichen?

Van Meirvenne: (lacht) Ungeduldig. Ich hab die Neigung, schnell Dinge auf den Weg zu bringen. Natürlich nicht, ohne vorher die Mitarbeiter nach ihrer Einschätzung zu fragen. Dabei ist mir wichtig zu spüren, dass die Mitarbeiter meiner Organisation auch Freude an ihrer Arbeit haben. Dieses Leistungsniveau kann man nur abrufen, wenn das Umfeld stimmt – wie bei einem Fußballteam. International die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben.

PROCESS: Haben Sie mit dem Wechsel des Bayer-CEOs neue Vorgaben bezüglich Aufgaben oder Rentabilität erhalten?

Van Meirvenne: Unsere Rolle im Bayer-Konzern ist technologie- und innovations-getrieben und wir müssen uns in einem vorgegebenen Rahmen kontinuierlich ver-bessern.

PROCESS: Wo möchten Sie mit BTS in drei bis fünf Jahren stehen?

Van Meirvenne: Meine Ambition ist ein Unternehmen mit einem ganz klaren Portfolio und globaler Aufstellung. Ein Unternehmen, das auf Technologielösungen für den Bayer-Konzern ausgerichtet ist, und als Technologiepartner für die Industrie fungiert, wenn es um sehr anspruchsvolle und differenzierte Problemlösungen geht. Dazu gehören echte Partnerschaften, mit den wir Technologien auf den Weg bringen, die sowohl für unsere Partner als auch für uns qualitativ hochwertig und wertschöpfend sind. Und da sind wir auch dank meines Vorgängers heute schon auf einem sehr guten Weg.

Herr Dr. Van Meirvenne, wir danken für das Gespräch.

* Das Interview führte PROCESS-Chefredakteur Gerd Kielburger.

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