Profibus-Technologie

Dank Profibus zur Multi-Vendor-Anlage – ein Vorzeigeprojekt in China macht’s vor

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Interview mit Klaus-Peter Lindner, PNO

Klaus-Peter Lindner, Vorstand der Profibus Nutzerorganisation
Klaus-Peter Lindner, Vorstand der Profibus Nutzerorganisation
(Bild: PNO)

PROCESS: Herr Lindner, was ist das Besondere an dem Kraftwerks­projekt?

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Lindner: Der Einsatz von Profibus in einem Kraftwerk ist natürlich erst einmal nicht so sonderlich spektakulär, sondern in Westeuropa Standard. Neu ist allerdings daran, dass ein chinesischer Automatisierungshersteller das Projekt in die Hand genommen und dieses unabhängig von westlichen Firmen auch durchgezogen hat. Weiter: Nicht die Europäer liefern das Leitsystem, sondern Hollysys, ein chinesisches Unternehmen. Zudem hat Hollysys ein eigenes Gerätemanagement verwendet. Und dies liegt nicht unbedingt an der Sprache, sondern daran, dass dieses Tool auf die firmenspezifischen Abläufe in der Dokumentation und der Instandhaltung besser eingeht.

PROCESS: Und was bedeutet dies aus Profibus-Sicht?

Lindner: In dem Kraftwerk gibt es jede Menge Profibus PA-Feldgeräte unterschiedlichster Technologien von verschiedenen Herstellern aus Europa, USA und Asien. Es ist also eine Multi-Vendor-Anlage par excellence. Die Betreiber haben sich die Feldgeräte ausgewählt, die sie benötigten, und nicht weil vielleicht der Leitsystemhersteller die passenden Geräte hatte – und es hat funktioniert. Ganz nebenbei: Wir haben als Hersteller keine einzige Support-Anfrage bekommen. Das beweist, dass der Profibus nicht nur sehr flexibel, sondern auch sehr robust ist.

PROCESS: Wie beurteilen Sie die Rolle der Profibus-Technologien in China?

Lindner: Nicht nur dieses Projekt zeigt, das Profibus PA bei chinesischen Unternehmen voll akzeptiert ist. Für Profibus PA-Komponenten spüren wir in China gerade einen Durchbruch. Die Automatisierungsspezialisten dort sind zudem sehr engagiert. Auf dem letzten Instrumentierungskongress, den ich besucht habe, waren 1500 Leute, die sich alle vor allem für den Einstieg in die Digitaltechnologie interessierten und im Zuge dessen Industrie 4.0 diskutierten.

PROCESS: Und wie sehen Sie die Chancen für Profinet im Reich der Mitte?

Lindner: Diese Frage beinhaltet zwei Seiten. Auf der einen Seite gibt es nach wie vor viele Unternehmen, die erst jetzt mit der Automatisierung beginnen. Auf der anderen Seite haben die Chinesen aber ein klares Ziel. Sie starten jetzt mit der Digitalisierung durch und wollen diese spätestens in 20 Jahren durchgesetzt haben. In jeder Präsentation liest man Stichworte wie Industrie 4.0 oder Internet of Things. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass chinesische Unternehmen immer schneller und billiger agiert haben als wir. Und noch eine Eigenschaft spricht dafür, dass sich Profinet schneller als gedacht durchsetzen könnte – es gibt keine Berührungsängste mit neuen Technologien und es interessiert nicht, ob eine Technologie irgendwelchen internationalen Standards entspricht. Notfalls setzt China einen eigenen Standard. Hier sind wir als PI (Profibus & Profinet International) sehr gut aufgestellt, da sowohl Profibus als auch Profinet den Status einer nationalen Norm in China genießen.

PROCESS: PI ist seit fast 20 Jahren direkt in China mit einer eigenen Niederlassung (RPA – Regional Profibus Association). Hat sich diese Vorgehensweise bewährt?

Lindner: PI besitzt in China sogar fünf akkreditierte Kompetenzzentren, die die gesamte Breite der PI-Technologien von Profibus über Profinet, mit Profisafe, für die Antriebstechnik mit Profidrive in den Anwendungsbereichen Fertigungs- und Prozessautomatisierung abdecken. Darüber hinaus betreibt PI dort ein akkreditiertes PI-Testlabor, und entsprechende PI-Trainingszentren sind im Aufbau begriffen. Zur Digitalisierung und Vernetzung der Komponenten gehört aber nicht nur eine solide Technologie, sondern auch die Bereitschaft, sich mit den Menschen, die diese Technologie einsetzen, auseinander zu setzen. Das heißt: vor Ort sein, sich die Unternehmen anschauen und mit Menschen reden. Dieses Engagement zahlt sich jetzt aus.

* Die Autorin arbeitet als freie Fachjournalistin für Profibus & Profinet International (PI).

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