Dienstleistungen für die Betriebssicherheit Betriebssicherheit: 2008 fällt das Prüfmonopol des TÜV

Autor / Redakteur: Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

Zum Jahreswechsel 2008 fällt das TÜV-Monopol, dann dürfen auch andere Anbieter Dienstleistungen in Sachen Betriebssicherheit anbieten. Wie gehen Betreiber und Anbieter mit der neuen Freiheit um?

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Auch wenn die Zulassungsanforderungen hoch sind, sollten sich, so der TÜV Süd, Anlagenbetreiber vor allem bei Billiganbietern vergewissern, dass zum kalkulierten Preis tatsächlich der komplette Prüfumfang angeboten und durchgeführt wird.
Auch wenn die Zulassungsanforderungen hoch sind, sollten sich, so der TÜV Süd, Anlagenbetreiber vor allem bei Billiganbietern vergewissern, dass zum kalkulierten Preis tatsächlich der komplette Prüfumfang angeboten und durchgeführt wird.
( Bild: TÜV Süd )

Etwa 1,6 Millionen überwachungsbedürftigen Anlagen gibt es in Deutschland, die in unterschiedlichen Intervallen von sechs Monaten (Dampfkesselanlagen) bis zu zehn Jahren (Kompressoren) geprüft werden. Bislang waren – neben einigen wenigen Prüfstellen bei großen Konzernen – allein die TÜV-Gesellschaften Ansprechpartner und Dienstleister in Sachen Betriebssicherheit. Seit 2006 für Neuanlagen und ab 2008 auch für Altanlagen haben bzw. bekommen diese Konkurrenz, fällt das TÜV-Prüfmonopol.

Und auch dies wird sich ändern: „Die Betriebssicherheitsverordnung gibt Anlagenbetreibern nicht nur mehr Freiheiten, sondern auch eine deutlich höhere Eigenverantwortung“, verdeutlicht Dr. Manfred Bayerlein, Geschäftsführer TÜV Süd Industrie Service. Zu bedenken sei: Wenn im Unternehmen kein profundes Wissen um die Betriebssicherheitsverordnung vorhanden ist, würden die Betreiber entweder durch eine ‚Übererfüllung‘ der Vorschriften die in den neuen Regelungen enthaltenen Chancen vergeben oder sie setzten sich durch eine ‚Untererfüllung‘ einem hohen Haftungsrisiko aus.

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Aber dafür gibt es schließlich Dienstleister – neben den TÜV-Gesellschaften sind das Anbieter wie die Dekra, die GTÜ, Lloyd und SGS, die sich den Markt nun neu aufteilen. Und der ist mit bis zu einer Milliarde Euro allein in Deutschland beachtlich groß.

Bislang 14 zugelassene Überwachungsstellen

Als überwachungsbedürftige Anlagen gelten Aufzüge, Dampfkessel, Druckbehälter, Anlagen in explosionsgefährdeten Bereichen und Tanks zur Lagerung brennbarer Flüssigkeiten. Wer als Anbieter im Bereich der Anlagenprüfung aktiv werden will, muss sich bei der Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik (ZLS) akkreditieren lassen. „Neben den technischen Voraussetzungen müssen die Unternehmen auch gut ausgebildetes Fachpersonal nachweisen“, sagt Johann Huber von der ZLS in München (s.a. das Interview am Ende dieses Beitrags). So sei sichergestellt, dass die Qualität nicht unter dem Wettbewerb leide.

Das sieht Dr. Walter Pelka, Geschäftsführer der Dekra Testing & Inspection, genauso: „Als drittgrößte Prüfgesellschaft der Welt – hinter SGS und Bureau Veritas – leisten wir uns da ganz sicher keine Schwächen. Zudem sind die Anforderungen der Zulassungsbehörde so hoch, dass wirklich keine Qualitätseinbußen zu befürchten sind. Und: Viele unserer neuen Mitarbeiter kommen ja von TÜV-Gesellschaften oder von anderen Anbietern, das sind erfahrene Prüfer. Wir rekrutieren auch Mitarbeiter direkt aus der Industrie, die kennen die Praxis sehr gut. Zudem haben wir mit der Exam ein Unternehmen mit Spezial-Know-how im Bereich Explosionsschutz in unsere Gruppe aufgenommen.“

Dennoch: Auch wenn die Zulassungsanforderungen hoch sind, sollten sich, so der TÜV Süd, Anlagenbetreiber vor allem bei Billiganbietern vergewissern, dass zum kalkulierten Preis tatsächlich der komplette Prüfumfang angeboten und durchgeführt werde.

Wettbewerb in einem stagnierenden Markt?

Die neuen Anbieter drängen auf einen Markt, der in Deutschland voraussichtlich stagnieren wird – so jedenfalls die Einschätzung einer Veröffentlichung im F.A.Z.-Institut. Vor allem im Bereich Dampf und Druck werde die Anzahl der prüfpflichtigen Anlagen in Deutschland schrumpfen: Zum einen entfalle für ehemals prüfpflichtige Anlagen durch den technischen Fortschritt und die Aufspaltung in kleinere Einheiten die Prüfpflicht – beispielsweise bei der dezentralen Energieerzeugung durch Blockheizkraftwerke. Zum anderen wandern Produktionsbetriebe ins Ausland ab.

Vor diesem Hintergrund werde der Wettbewerb bei überwachungsbedürftigen Anlagen zwischen den zugelassenen Überwachungsstellen zum einen über den Preis und zum anderen über die Qualität der Dienstleistung erfolgen. Die neue Wettbewerbssituation werde zudem die Entwicklung innovativer Prüfkonzepte beschleunigen, die beispielsweise keine Betriebsunterbrechungen mehr zur Folge haben.

Mit welcher Strategie der TÜV Süd Marktanteile verteidigen will? „Mit branchenspezifischen Dienstleistungen, die wir kontinuierlich weiterentwickeln und mit denen wir unseren Kunden einen messbaren Mehrwert verschaffen“, so Vorstand Dr. Axel Stepken. „Wir entlasten sie bei der Umsetzung von Richtlinien und Normen. Damit können sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Wir unterstützen sie dabei, Prozesse zu optimieren und ihre Anlagen besser auszulasten.“ Mit einer ganzheitlichen Anlagentechnik und einer risikoorientierten Instandhaltung trage sein Unternehmen dazu bei, Betriebs- und Wartungskosten zu senken, die Verfügbarkeit von Anlagen zu optimieren und Risiken proaktiv einzugrenzen.

Stepken weiter: „Früher kamen wir, grob gesagt, alle fünf Jahre zu unseren Kunden. Die mussten ihre Anlagen dann oft für längere Zeit herunterfahren, damit unsere Ingenieure sie den gesetzlichen Auflagen entsprechend prüfen konnten. Heute betreuen wir technische Anlagen während des gesamten Betriebs. Wir untersuchen sie kontinuierlich auf Schwachstellen und nutzen gegebenenfalls geplante Instandhaltungsphasen, um Komponenten je nach deren Zustand für eine Reparatur oder den Austausch zu empfehlen. Dadurch reduzieren wir Stillstandszeiten und Kosten. In verschiedenen Referenzanlagen konnten durch unsere Verfahren Millionenbeträge eingespart werden.“

Ambitionierter Ausblick: die Marktführung im Visier

Die Liberalisierung in zwei Schritten, 2006 für Neuanlagen, 2008 für Altanlagen, war aus Sicht der Dekra Testing & Inspection etwas halbherzig – welcher Kunde vertraue seinen neuen Aufzug einer anderen Prüfgesellschaft an, wenn er bereits existierende Aufzüge besitze? Dennoch laufen die Geschäfte offenbar gut, wie Geschäftsführer Pelka berichtet: „Seit 2006 haben sich unsere Geschäfte mit Prüfaufträgen in diesem Bereich verdoppelt.“ Der Umsatz mit überwachungsbedürftigen Anlagen erreiche mit weit über 1000 Kunden einen „deutlich zweistelligen Millionenbereich.“ 2006 wuchs der Umsatz der Gesellschaft insgesamt um 18 Prozent, im ersten Halbjahr 2007 ist er um über 30 Prozent gestiegen. Das schnelle Wachstum dokumentiert sich auch in der Mitarbeiterzahl. Innerhalb des vergangenen Jahres wurden 100 Mitarbeiter eingestellt, in diesem Jahr sollen es noch einmal mehr als 100 werden.

Der ambitionierte Ausblick: Im Jahr 2011 sollen 1000 Mitarbeiter an 50 Standorten in Deutschland die Dekra zum Marktführer bei überwachungsbedürftigen Anlagen machen.

Fazit: Wettbewerb ist die Basis unserer Wirtschaft. Doch wie gehen die Betreiber mit der neuen Freiheit um? Nutzen sie den neuen Wettbewerb? Vermutlich wird der Beharrungseffekt bei Altanlagen der Unternehmen am größten sein, so die Einschätzung von Praktikern. Bei neuen Anlagen werde sich die Deregulierung noch am schnellsten zeigen. Andererseits nutzen offenbar größere Unternehmen den Wettbewerb, um sich gezielt einen zweiten Prüfer ins Haus zu holen. Der Mittelstand zeige bislang noch ein größeres Beharrungsvermögen, ist zu hören. Aber insgesamt schätzen Branchenkenner, dass bis zu 20 Prozent „auf jeden Fall“ vom TÜV weg wollen.

Interview mit Johann Huber, ZLS

Die „Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik“ akkreditiert zugelassene Überwachungsstellen (ZÜS). PROCESS sprach mit dem Leiter der ZLS, Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH) Johann Huber.

Herr Huber, zum Januar 2008 fällt das TÜV-Monopol zur Überprüfung von Anlagen gemäß Betriebssicherheitsverordnung. Auch andere Anbieter kommen dann zum Zuge. Was muss ein neuer Anbieter vorweisen, um als Überwachungsstelle akkreditiert zu werden?

Huber: Eine zukünftige zugelassene Überwachungsstelle muss die Gewähr dafür bieten, dass sie überwachungsbedürftige Anlagen kompetent prüfen kann. Dafür muss sie die erforderliche Organisationsstruktur haben und über qualifiziertes, erfahrenes Personal sowie über die notwendigen Prüfmittel verfügen. Zudem muss die Stelle unabhängig sein, was bedeutet, dass sie z.B. nicht an der Planung, Herstellung oder der Instandhaltung von überwachungsbedürftigen Anlagen beteiligt sein darf. Im Detail sind diese Anforderungen in den Akkreditierungsrichtlinien aufgeführt.

Wie lange dauert das Procedere einer Zulassung im Durchschnitt?

Huber: Das hängt sehr stark ab von der Aussagekraft der eingereichten Unterlagen und den Voraussetzungen, die die Stelle mitbringt. Nach unseren Erfahrungen dauert es vom Antrag bis zur Erteilung der Akkreditierung etwa sechs Monate. In dieser Zeit prüfen wir, ob die Voraussetzungen erfüllt werden, verlangen gegebenenfalls Nachbesserungen und begutachten die Stelle vor Ort. Erst wenn die Stelle die Korrekturmaßnahmen erfüllt hat, erteilen wir die Akkreditierung und benennen sie dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dann darf die Stelle ihre Tätigkeit aufnehmen.

Muss eine ZÜS in Deutschland präsent sein, um ihre Dienstleistungen hier anzubieten?

Huber: Um als ZÜS in Deutschland tätig zu sein, ist eine Akkreditierung und Benennung in Deutschland erforderlich. Die ZÜS muss aber nicht ihren Sitz in Deutschland haben.

Ist nicht zu befürchten, dass die Qualität der Überwachung leidet?

Huber: Um die Qualität der Prüfungen zu gewährleisten, ist mit den Ländern ein Überwachungsprogramm erstellt worden. Ein wesentliches Element ist die regelmäßige Überwachung der Arbeitsweise einer ZÜS durch die ZLS. Gibt es Hinweise auf Unzulänglichkeiten in der Arbeitsweise einer ZÜS – beispielsweise durch die Gewerbeaufsichtsämter – erfolgen auch kurzfristige Überprüfungen der ZÜS und entsprechende Sanktionen bis hin zur Einschränkung des Tätigkeitsbereichs oder die Aussetzung der Akkreditierung. Da die Akkreditierung ohnehin befristet auf einen Zeitraum von fünf Jahren erteilt wurde, erfolgt eine erneute Überprüfung der Arbeitsweise. Dieses Instrumentarium ist nach meiner Auffassung geeignet, die Einhaltung der gesetzlichen Anforderungen sicherzustellen.

Wie viele Anbieter sind bereits als ZÜS akkreditiert? Und wie viele Anträge sind noch in der Prüfungsphase?

Huber: Die zugelassenen Überwachungsstellen sind im Internetauftritt der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin veröffentlicht. Derzeit gibt es 14 zugelassene Überwachungsstellen und fünf zugelassene Überwachungsstellen als Prüfstellen von Unternehmen. Es gibt derzeit noch einige Stellen, die sich im Akkreditierungsverfahren befinden, über die noch nicht abschließend entschieden ist.

Der Autor ist redaktioneller Mitarbeiter bei PROCESS.

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