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Messen – Schätzen – Raten

Aus dem Leben eines Auditors – Messen ist gar nicht so einfach

| Autor/ Redakteur: Karl Metzger / Anke Geipel-Kern

Zum Standardrepertoire bei der Auditierung gehört die Überprüfung diverser Kalibrierprozeduren – Kenntnisse in Mathematik und Physik sind dabei von Vorteil. Doch mathematisches Verständnis ist nicht jedem in die Wiege gelegt. Vom Messen zum Raten ist dann nur ein kleiner Schritt, wie unser weitgereister Auditor bei seinen Einsätzen festgestellt hat.

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Dieses Mal nimmt unser Auditor die Tücken der Mathematik ins Visier.
Dieses Mal nimmt unser Auditor die Tücken der Mathematik ins Visier.
(Bilder: dedMazay- fotolia, [M]-Sahlmüller)

Ein Carl-Friedrich Gauß zugeschriebenes Zitat besagt: „Der Mangel an mathematischer Bildung gibt sich durch nichts so auffallend zu erkennen wie durch maßlose Schärfe im Zahlenrechnen.“ Diese Weisheit kommt mir bei der Auditierung von Vorgängen, die etwas mit Messen zu tun haben, oft in den Sinn.

Weltweit, aber insbesondere in Indien, einer Nation, der eigentlich eher ein hoher mathematischer Sachverstand zugeschrieben wird, finde ich immer wieder haarsträubende Beispiele für die komplette Ignoranz mathematischer und physikalischer Zusammenhänge. Eine wahre Fundgrube.

Man hat sich schon fast daran gewöhnt, dass bei der Überprüfung der Waage mit einem Norm-Gewicht von 1,0000 kg jeder Mitarbeiter, der den Check durchführt, immer genau 1,0000 kg einträgt. Egal, ob in der Anzeige 1,0 kg erschienen ist, da die Waage nur eine Genauigkeit von ± 0,5 kg hat, oder ob sich die Anzeige der Feinwaage bei 1,0002 kg eingependelt hatte.

In der Produktion sah ich einmal einen portionierten Rohstoff mit einer Menge von 126,350 kg liegen. Auf die Frage, wie das so genau abgemessen werden konnte – die Waage, die für das Dispensieren solcher Mengen genutzt wurde, hatte eine Genauigkeit von ± 0,5 kg – wurde ich wegen meiner offensichtlich mangelhaften Praxisnähe etwas überheblich aufgeklärt: Die 126 kg wurden auf der großen Waage abgewogen, die fehlenden 350 g auf einer kleineren Tischwaage im selben Bereich, und anschließend den 126 kg zugefügt.

Kalibrieren – Das Lineal!

Den Gipfel in dieser Hinsicht schoss jedoch die Kalibrierung einer Schieblehre ab. Die Schieblehre wurde für die Bestimmung von Schichtdicken von Folien (z.B. zur Blisterherstellung) verwendet. Die meisten anderen Kalibrierungen wurden durch einen externen Dienstleister durchgeführt, der zwar einen göttlichen Namen trug, aber unterirdische Qualität lieferte.

In diesem Fall hatte man jedoch einen eigenen Standard und ich war voller Erwartung in meinem Bericht jetzt noch etwas Positives zum Thema Kalibrierung dokumentieren zu können. Der Messstandard befand sich in einer kleinen, aber massiven und ordentlich beschrifteten Holzkiste. Als die Kiste geöffnet wurde, war ich fassungslos. Darinnen lag ein blaues, ursprünglich wohl einmal 20 cm langes Kunststofflineal. Eine Ecke war abgebrochen, die anderen angekaut – so wie man das aus dem Faulenzer eines Grundschülers mit ADHS kennt.

Ihr Karl Metzger

* Karl Metzger ist Geschäftsführer von GM plan in Pinneberg und als Auditor weltweit unterwegs.

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