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Beobachtet man die Diskussion, drängt sich der Eindruck auf, nicht nur Umwelt-Aktivisten, Atomkraftgegner und Waldschützer seien fortschrittsscheue Warner – auch die Industrie zögert, neue Wege zu beschreiten. „Wie können wir Neugierde schaffen?“ brachte SGL-Manager Wittchen die Frage auf den Punkt. Den immer wieder gerne gehörten Ruf nach verbindlichen Regeln und Vorgaben hält er für den falschen Weg: „Was wir brauchen, ist mehr unternehmerisches Denken!“, erklärte der Carbon-Spezialist.
Warum so zögerlich?
Das Streben nach neuen Lösungswegen sei doch eine vielbeschworene Tugend der deutschen Industrie. Warum, fragte Wittchen, sei man ausgerechnet beim Thema Energieeffizienz und Wettbewerbsfähigkeit so konservativ?
Für einen „Erfahrungsaustausch über Unternehmensgrenzen hinweg“ plädierte auch Dr. Norbert Kuschnerus. Der ehemalige BTS-Manager und Namur-Vorsitzende, der die PROCESS-Diskussion moderierte, betonte mehrfach, dass es bereits viele eigenständige Ansätze und Konzepte zum systematischen Umgang mit der Energiefrage gebe.
Ein gemeinsamer Konsens jedoch sei nicht zu erkennen. Dabei sei nicht nur der Dialog zwischen Betrieb, Management und Einkauf entscheidend, sondern auch der Austausch der Unternehmen untereinander. Die Chemieindustrie kann wichtige Impulse und Trendthemen von Komponentenzulieferern und Automatisierern mitnehmen – und große Energieversorger dürften überrascht sein, was kleine Blockheizkraftwerke zu leisten vermögen.
Über Systemgrenzen hinaus denken, sei das Stichwort: Kann Strom als Nebenprodukt der Wärmeerzeugung anfallen? Was kosten Prozessmedien und Technische Gase eigentlich wirklich? Kann überschüssiger Dampf nicht auch für eine Kälteanlage genutzt werden? Bei der Klärung dieser Fragestellungen sei Zusammenarbeit der Schlüssel zum Erfolg.
Egal, welche Konsequenzen zu erwarten sind: Ein „weiter so“ kann es für die im höchsten Maße energieabhängige Prozessindustrie nicht geben. Soll der Transformationsprozess gelingen, wird es mehr brauchen als Diskussionen, schöne Worte und ein paar Lagen zusätzliche Wärmedämmung. Die Energiewende könnte eine der größten Einschnitte für die deutsche Industrie seit über 60 Jahren werden.
Und auch, wenn über das Für und Wider von Fördermaßnahmen und EEG-Befreiungen gestritten wird: Ein Zurück zum Atomstrom wird es nicht geben. Wer jetzt nicht handelt, wird unter Umständen in Zukunft keine Gelegenheit mehr dazu bekommen. Ein Roundtable kann Zeichen setzen – lösen können die Teilnehmer die Probleme nicht. Das können nur Entschlusskraft, Innovationsfreude, Investitionen – und eine Portion Neugier auf neue Wege.
* Die Autoren sind Redakteure der PROCESS.
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