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Kläranlagen

Was kostet die 4. Reinigungsstufe in Kläranlagen wirklich?

| Autor / Redakteur: Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

Allein in Deutschland wären zur Ausstattung aller Kläranlagen mit der 4. Reinigungsstufe – bezogen auf die Lebensdauer der betrachteten Anlagen – über 37 Milliarden Euro zu investieren.
Allein in Deutschland wären zur Ausstattung aller Kläranlagen mit der 4. Reinigungsstufe – bezogen auf die Lebensdauer der betrachteten Anlagen – über 37 Milliarden Euro zu investieren. (Bild: © Werner, © Werner Dreblow - stock.adobe.com)

Kommunale wie industrielle Kläranlagen arbeiten heute in der Regel mit mechanischen, biologischen und chemischen Verfahren dreistufig. Ein weiterer Verfahrensschritt, die 4. Reinigungsstufe, eliminiert anthropogene Spurenstoffe – und kostet ...

Eine flächendeckende Einführung der 4. Reinigungsstufe, die mit Membrantechnologien (Ultra- und Nanofiltration), Ozonbehandlung oder Aktivkohleverfahren arbeitet, um Medikamentenreste, Hormone, Röntgenkontrastmittel sowie Mikroplastiken zu entfernen, wäre einer Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zu Folge mit erheblichen Kosten verbunden. Allein in Deutschland wären zur Ausstattung aller Kläranlagen mit dieser zusätzlichen Reinigungstechnologie – bezogen auf die Lebensdauer der betrachteten Anlagen – über 37 Milliarden Euro zu investieren (europaweit 110 Milliarden Euro). Der BDEW fordert deshalb eine nachhaltige Vorsorgestrategie nach dem Verursacherprinzip (Eintragsvermeidung).

Basis für die Kostenschätzung ist eine Studie vom IWW Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasser Beratungs- und Entwicklungsgesellschaft. Als Datengrundlage wurden Berichtsdaten zu mindestens 92 Prozent aller europäischen Kläranlagen herangezogen. Die Kostenschätzung des BDEW beruht auf Annahme der errechneten Jahresgesamtkosten mit Basisjahr 2014 für einen Betrachtungszeitraum über die Lebensdauer der Anlagen von 30 Jahren. Als mögliche Reinigungstechnologien wurden die Ozonung sowie die Zugabe von Pulveraktivkohle einschließlich einer Nachbehandlung betrachtet.

Milliardenkosten für die Bürger

„Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, welche enormen zusätzlichen Milliardenkosten auf die Bürger zukommen würden. Sie müssten diese Zusatz-Belastungen entweder über höhere Abwassergebühren oder indirekt über öffentliche Zuschüsse tragen“, betont Martin Weyand, BDEW-Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser. Notwendig sei eine Kehrtwende von der kurzfristigen Reparaturmentalität zur nachhaltigen Vorsorgestrategie nach dem Verursacherprinzip, betont Weyand. „Wir brauchen eine neue Arzneimittelstrategie in Deutschland und eine Wende in der Agrarpolitik, die auf dem Verursacherprinzip aufbaut. Eintragsvermeidung ist der beste Schutz für die Gewässer und den Geldbeutel der Bürgerinnen und Bürger.“

Zum Thema Arzneimittel hat der BDEW eine andere Studie initiiert. Das Beratungsinstitut Civity kommt dabei zum Ergebnis, dass die Überalterung der Gesellschaft und der steigende Pro-Kopf-Verbrauch zu einem Anstieg des Medikamentenverbrauchs um bis zu 70 Prozent bis 2045 führen. Rückstände von Medikamenten lassen sich bereits heute in Gewässern nachweisen.

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Unter dem Gesichtspunkt eines vorsorgenden Umwelt- und Gesundheitsschutzes sollte aber der Eintrag von Arzneimitteln in die Umwelt so gering wie möglich sein. Die Hersteller seien gefordert, umweltschädliche Wirkstoffe nach Möglichkeit zu ersetzen. Apotheken sollten auf bedarfsgerechte Verpackungsgrößen achten und Verbraucher ihre alten Medikamente sachgerecht über den Haus- oder Sondermüll entsorgen. Umwelt-Politiker wollen im Übrigen, dass die Pharmahersteller in die finanzielle Verantwortung zur Entfernung problematischer Stoffe aus der aquatischen Umwelt einbezogen werden.

Fazit: Vorsorge allein wird keine 100-prozentige Lösung bringen, die grundsätzliche Problematik bleibt erhalten. Zumindest in den großen Kläranlagen werden weitergehende Verfahrensschritte unvermeidlich sein.

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* H.-J. Bittermann ist freier Mitarbeiter bei PROCESS.

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