Newsticker Juli: Aktuelles aus der Prozessindustrie Planungen für Nordsee H2-Pipeline/Evonik-Chef Kullmann will Verschiebung des Kohleausstiegs

Aktualisiert am 20.07.2026 Quelle: dpa 40 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Im ständig aktuellen Newsticker fasst die PROCESS-Redaktion das Geschehen in der Branche kompakt zusammen. Ob Chemie-, Pharma-, oder Lebensmittelindustrie, alle verfahrenstechnischen Themen werden – ebenso wie politische und wirtschaftliche Nachrichten zur Prozessindustrie – zusammengefasst.

(Bild:  gemeinfrei /  Pixabay)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

20.07.2026

Norderney (dpa) - *04:01 Uhr – Planungen für erste Nordsee-Wasserstoffpipeline kommen voran

Die Planungen für die erste Offshore-Wasserstoffpipeline in der Nordsee, genannt Aquaductus, werden konkreter. Von dieser Woche an sollen vor und auf der ostfriesischen Insel Norderney sowie an der Küste im Landkreis Aurich die Untersuchungen des Baugrundes für die Leitung beginnen, wie der Fernleitungsnetzbetreibers Gascade mitteilte. Die Leitung soll Wasserstoff, der in Elektrolyseuren mit Windenergie auf See in der Deutschen Bucht produziert wird, an die Küste transportieren.

«Mit der Durchführung der Baugrunduntersuchungen gehen wir den nächsten wichtigen Schritt bei der Realisierung von Aquaductus», sagte Sven Becker, Geschäftsführer der Aquaductus Pipeline GmbH, einer Gascade-Tochter, in einer Mitteilung. Die Untersuchungen dienen demnach dazu, die Boden- und Untergrundverhältnisse entlang der geplanten Trasse zu erkunden. Die insgesamt rund 400 Kilometer lange Pipeline auf See soll in einem ersten etwa 200 Kilometer langen Ausbauschritt bis 2030 einen Windpark nordwestlich von Helgoland ans Festland anbinden. In einem zweiten Ausbauschritt soll die Pipeline bis an den äußersten Rand der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), dem sogenannten Entenschnabel, verlängert werden. Dort sollen weitere geplante Wasserstoff-Windparks angebunden und auch Anknüpfungspunkte zu benachbarten Offshore-Wasserstoffpipelines - etwa aus Dänemark und dem Vereinigen Königreich - gebaut werden.

Zuletzt hatte Gascade die gesamte niedersächsische Küste von Emden bis Wilhelmshaven auf mögliche Routenführungen und Anlandepunkte untersucht. Präferiert wird nun eine Routenführung über Norderney und eine Anlandung im Raum Hilgenriedersiel im Landkreis Aurich. «Gerade in Kombination mit einer Routenführung über Norderney ist hier die geringste Auswirkung auf den Nationalpark Wattenmeer zu erwarten», teilte ein Gascade-Sprecher auf eine Anfrage mit.

18.07.2026

Baruth/Mark (dpa) - *13:09 Uhr – Streit ums Wasser: Neuer Anlauf für ein Red Bull-Dosenwerk

Der Bau eines Dosenwerks für Red Bull muss wegen Protesten warten: Das Vorhaben im brandenburgischen Baruth/Mark verzögert sich nach einer Gerichtsentscheidung gegen den Bebauungsplan - ärgerlich und wohl auch teuer für die Getränke- und Dosenhersteller rund 50 Kilometer südlich von Berlin. Sie sprechen von einer Verzögerung von etwa einem Jahr. Der Betrieb solle nun 2028 starten, hieß es am Rande einer Werksbesichtigung.

Doch noch ist der neue Anlauf nicht in trockenen Tüchern. Seit Monaten gibt es einen Konflikt ums Wasser, da Red Bull und der Safthersteller Rauch eine enorme Menge an Grundwasser nutzen. Rund 2,35 Millionen Kubikmeter pro Jahr können sie entnehmen. Bei der riesigen Tesla-Fabrik in Grünheide waren es - Stand 2024 - 1,8 Millionen Kubikmeter.

Wittenberg/Brüssel (dpa) - *04:00 Uhr – Warum SKW Piesteritz für Europas Versorgung so wichtig ist

Eine Düngerfabrik in Sachsen-Anhalt rückt zunehmend ins Zentrum der Landes-, Bundes- und Europapolitik.

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) reiste dafür nach Prag, EU-Agrarkommissar Christophe Hansen besuchte das Werk der SKW Piesteritz in Lutherstadt Wittenberg und die EU-Kommission legte wenig später einen Aktionsplan für die Düngemittelindustrie vor. Zuletzt machte sich auch Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) bei einem Besuch des Standorts nahe der Landesgrenzen zu Brandenburg und Sachsen ein Bild von der Lage. Aber warum bekommt ausgerechnet ein Werk in Lutherstadt Wittenberg derzeit so viel Aufmerksamkeit? Die Antwort reicht weit über Sachsen-Anhalt hinaus. Am Beispiel der SKW Piesteritz zeigt sich, warum Europa seine Produktion eines strategisch wichtigen Grundstoffs erhalten will - und warum dabei Ernährungssicherheit, Energiepreise und geopolitische Krisen eine entscheidende Rolle spielen.

Viele verbinden die SKW Piesteritz vor allem mit Düngemitteln. Tatsächlich stellt das Unternehmen zunächst Ammoniak und Harnstoff her. Daraus entstehen Stickstoffdünger, aber auch zahlreiche andere Produkte. Ammoniak zählt zu den wichtigsten Grundstoffen der chemischen Industrie. Er wird vor allem zur Herstellung von Stickstoffdüngern benötigt und ist damit wichtig für die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion. Aus Ammoniak entsteht außerdem Harnstoff, der für AdBlue zur Abgasreinigung von Diesel-Lastwagen gebraucht wird. Daneben steckt der Grundstoff in zahlreichen Industrieprodukten und dient als Ausgangsstoff für Salpetersäure, die unter anderem für Munition benötigt wird. Die SKW Piesteritz bezeichnet Ammoniak deshalb als die «nicht zu ersetzende Basis vieler systemkritischer Produkte aus den Bereichen Ernährung, Logistik, Versorgung beim täglichen Bedarf und Verteidigung».

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Für Landwirte ist Ammoniak vor allem deshalb bedeutend, weil daraus mineralische Stickstoffdünger hergestellt werden. Sie sorgen dafür, dass Pflanzen ausreichend Nährstoffe erhalten und hohe Erträge möglich sind. Auch Bundesagrarminister Rainer hob bei seinem Besuch die Bedeutung der heimischen Düngemittelproduktion hervor. «Ohne Düngemittel wäre es sehr, sehr schwierig, was unsere Ernährung anbelangt», sagte der CSU-Politiker. Deutschland brauche «eine stabile Versorgung von Düngemitteln». Gerade weil Ammoniak in so vielen Bereichen gebraucht wird, gilt seine Produktion inzwischen nicht mehr nur als Thema der Chemieindustrie, sondern zunehmend auch der Wirtschafts-, Agrar- und Sicherheitspolitik.

Warum gerät die Produktion in Europa unter Druck? Der wichtigste Grund heißt Erdgas. Es wird bei der Herstellung von Ammoniak nicht nur als Energiequelle benötigt, sondern auch als Rohstoff. «Die Herstellung ist besonders energieintensiv, weil Stickstoff sehr reaktionsträge ist und nur unter extrem hohen Drücken und mehreren hundert Grad C mit Wasserstoff verbunden werden kann», erklärt die SKW Piesteritz. Steigen die Gaspreise, verteuert sich deshalb unmittelbar auch die Produktion. Das bekam die Branche nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich zu spüren.

Inzwischen geht es nicht mehr nur um Energiepreise. Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten und die zeitweise unsichere Lage rund um die Straße von Hormus haben erneut gezeigt, wie anfällig internationale Lieferketten sein können. Nach Angaben des Industrieverbands Agrar läuft rund ein Drittel des weltweiten Harnstoffhandels über die Meerenge. Schon die Unsicherheit über mögliche Lieferausfälle habe die Preise zuletzt deutlich steigen lassen.

Warum will Europa die heimische Produktion erhalten? Die Europäische Kommission sieht eine wachsende Abhängigkeit von Importen kritisch. Rund 30 Prozent des Stickstoffdüngerbedarfs der EU werden bereits eingeführt. Gleichzeitig ist die europäische Produktionskapazität für Ammoniak in den vergangenen Jahren um nahezu zehn Prozent gesunken. Mit ihrem Aktionsplan will die EU deshalb die heimische Düngemittelproduktion stärken, Landwirte entlasten und die Versorgung langfristig sichern. Aus Sicht der Kommission haben die jüngsten Krisen gezeigt, wie abhängig Europa von funktionierenden Lieferketten und Importen ist.

(ID:50888450)