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Exklusiv-Interview mit Prof. Dr. Uli Paetzel (DWA)

Ob Gülle oder Arznei im Wasser – die Menge macht das Gift

| Autor/ Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

Mit einem jährlichen Politikmemorandum artikuliert die DWA (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall) Forderungen zu Themen aus den Bereichen Wasser- und Abfallwirtschaft sowie Bodenschutz. PROCESS hat einige der Punkte aufgegriffen und den Präsidenten der DWA um Konkretisierungen dazu gebeten – seit Januar 2019 ist das Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft und Lippeverband. Fazit der Redaktion: Wir alle müssen „im Kopf umparken“ (dank an das Opel-Marketing für diese schöne Formulierung).

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Prof. Dr. Uli Paetzel, seit 2016 Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft und Lippeverband, ist seit Januar 2019 Präsident der DWA.
Prof. Dr. Uli Paetzel, seit 2016 Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft und Lippeverband, ist seit Januar 2019 Präsident der DWA.
(Bild: EGLV/Klaus Baumers)

PROCESS: Herr Paetzel, der Wasserwirtschaft kommt bei der Bewältigung des Klimawandels eine Schlüsselrolle zu. Wo sehen Sie Prioritäten?

Paetzel: Der Wasserwirtschaft kommt in der aktuellen Debatte eine doppelte Rolle zu: Einerseits verbrauchen wir mit unseren Kläranlagen und Pumpwerken sehr viel Energie. Wenn ich das mal am Beispiel der Emschergenossenschaft konkret machen darf: Die energieintensivste Kläranlage in Bottrop verbraucht jedes Jahr 35 Millionen kWh, so viel wie eine 30.000 Einwohner-Stadt. Entsprechend sind wir – beim aktuellen deutschen Energiemix – für den Ausstoß von sehr viel CO2 verantwortlich. Wir haben daher in Bottrop früh mit Möglichkeiten experimentiert, um den Energieverbrauch nach und nach zu senken, eigene, saubere Energie zu produzieren und den CO2-Ausstoss zu minimieren. Durch die Nutzung von Klärgas und die Verbrennung von Klärschlamm in Blockheizkraftwerken sowie durch den Bau eines Windrads und den Einsatz von Photovoltaik sind wir an diesem Standort in der Summe energieautark. Dadurch konnten wir etwa 10.000 Tonnen CO2 einsparen. Zusätzlich wird die Emschergenossenschaft in diesem Herbst den Grundstein für die weltweit größte Anlage zur thermosolaren Klärschlammtrocknung legen. Dadurch werden wir nicht mehr gezwungen sein, dem feuchten Klärschlamm Kohlestaub beizumischen, um ihn brennbar zu machen. Auch durch diese Maßnahmen werden wir in der Summe ca. 60.000 Tonnen CO2 einsparen.

PROCESS: Und andererseits ...

Paetzel: ... merken wir, dass das Thema Wasser beim Klimawandel an sehr vielen Stellen an Bedeutung gewinnt. Insbesondere in den trockenen Sommern stellt sich die Frage nach Verfügbarkeit und besserer Nutzung von Wasser. Hier werden wir in den nächsten Jahren sicherlich neue, intelligentere Konzepte zur Nutzung finden müssen. Darüber hinaus spielt das Thema ‚Grün und Blau‘ bei der Klimafolgenanpassung in den Städten eine zentrale Rolle. Aktuell können wir im Sommer im Vergleich zwischen den verdichteten Innenstädten und dem Umland Temperaturdifferenzen von bis zu 10 °C messen. Die Städte heizen sich im Laufe des Tages sehr stark auf und sind nachts nicht mehr in der Lage, abzukühlen. Diese Zustände in den Städten mindern die Lebensqualität und haben sogar messbare Auswirkungen auf die Gesundheit der Bürger. Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2018 in Deutschland rund 10.000 Menschen durch die hohen Temperaturen gestorben sind. Durch mehr Stadtgrün, Flächenentsiegelungen, Gründächer, Fassadenbegrünung und weiteren Maßnahmen der Wasserspeicherung ist man in der Lage, die Verdunstung in solchen Hitzeinseln zu steigern und die Temperaturen damit zu senken. Durch diese Maßnahmen mildern wir darüber hinaus auch entscheidend die Anfälligkeit der Städte für Starkregen­ereignisse. Hier sehen wir eine echte Win-Win-Situation.

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PROCESS: Landwirtschaft und Gewässerschutz passen offenbar nicht gut zusammen – Stichwort Nitratrichtlinie. Fleisch und Gemüse schätzen wir aber doch (fast) alle. Was ist zu tun?

Paetzel: Wir haben aktuell eine Situation, die so nicht weiter fortbestehen kann. Da sind sich, glaube ich, alle einig. Das Umweltbundesamt schätzt, dass seit 2008 der zulässige Grenzwert an Nitrat von 50 Milligramm pro Liter an fast 20 Prozent der Messstellen überschritten wird. Die EU-Kommission hat Deutschland daher auch immer wieder zum Handeln aufgerufen und die bisher getroffenen Maßnahmen und Instrumente als unzureichend deklariert. Ich glaube schon, dass Landwirtschaft und Gewässerschutz gut zusammenpassen, nur brauchen wir eine Landwirtschaft, von der die Bauernhöfe leben können und die nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Das bedeutet nicht, dass wir jetzt hier an kleinen Stellschrauben drehen, uns noch drei bis vier weitere Maßnahmen für die besonders nitratbelasteten Gebiete ausdenken und im Prinzip alles so weiterläuft wie bisher. Wir müssen zu einer grundsätzlich anderen Form der Landwirtschaft kommen, die die Böden weniger stark beansprucht und mit weniger Massentierhaltung auskommt. Dazu müssen wir u.a. die europäische Subventionspolitik so gestalten, dass der Erhalt der natürlichen Ressourcen, der Gewässerschutz und die Biodiversität künftig einen deutlich höheren Stellenwert haben und dass kleine Familienbetriebe stärker von den Fördergeldern profitieren. Das ist aktuell nicht der Fall.

PROCESS: Beim Thema anthropogene Stoffe im Wasser reiben Sie sich u.a. mit der Pharmaindustrie – Arzneimittel sind jedoch wie unser Essen nicht verhandelbar. Wie ist das Dilemma zu lösen?

Paetzel: Das Thema Arzneimittelrückstände ist in der Tat sehr komplex. Natürlich steht die Gesundheit von Patienten immer an erster Stelle und es wäre geradezu absurd, beispielsweise bei Krebsmedikamenten den Gewässerschutz vor das Leben der Menschen zu stellen. Doch darum geht es ja überhaupt nicht.

PROCESS: Sondern? Worum geht es Ihnen?

Paetzel: Schaut man sich die aktuelle Situation in Deutschland an, stellt man zunächst fest, dass wir immer mehr Medikamente zu uns nehmen. Und in der Masse sind das eben nicht nur Dinge, die man im Alter oder bei schweren Krankheiten nehmen muss, sondern wir erleben an vielen Stellen einen zu achtlosen Umgang mit Arzneimitteln. Solange z.B. den Menschen eingeredet wird, dass sie sich vor jedem Sport erst einmal mit Schmerzsalben einreiben müssen, haben wir ein Problem. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland rund 90 Tonnen Diclofenac verbraucht werden, rund 70 Prozent des Wirkstoffes den Körper wieder auf natürlichem Wege verlassen bzw. nach dem Sport mit dem Duschwasser in den Wasserkreislauf gebracht werden. Und weil viele Arzneimittelrückstände – beispielsweise Diclofenac – mit der aktuellen Kläranlagentechnik nicht herausgefiltert werden können, kam der Spurenstoff-Dialog, den das Umweltministerium mit den Akteuren unter anderem aus der Wasserwirtschaft, Pharmaindustrie, Landwirtschaft und Umweltverbänden veranstaltet hat, auch zu dem Ergebnis, dass wir an vielen Stellen ansetzen müssen.

PROCESS: Als da wären ...?

Paetzel: Wir müssen versuchen, den übermäßigen Konsum einzuschränken. Dort, wo bestimmte Medikamente zwingend notwendig sind, beispielsweise Kontrastmittel vor Röntgenuntersuchungen, können Einzelfall-Lösungen wie Urinbeutel helfen, mit denen das ausgeschiedene Medikament aufgefangen wird. Darüber hinaus müssen wir uns auch anschauen, wie Medikamente entsorgt werden. Befragungen zeigen, dass viele Menschen abgelaufene oder überzählige Medikamente einfach über die Toilette oder das Waschbecken entsorgen. Hier können wir mit gezielter Aufklärung eine Veränderung herbeiführen. Und am Ende kann es durchaus sein, dass weitere abwassertechnische Verfahren in Kläranlagen wie der Einsatz von Aktivkohle oder eine Ozonierung sinnvoll sind. Dort müssen wir uns aber über die Finanzierung unterhalten. Es kann nicht sein, dass wir diese aufwändige Technik ausschließlich über die Abwassergebühren finanzieren. Auch hier muss das Verursacherprinzip gelten. Die Pharmaindustrie muss sich an den Kosten für die Reinigung der Abwässer beteiligen und über die Finanzierung zusätzlich auch einen Anreiz haben, den Eintrag von Spurenstoffen in die Gewässer beispielsweise über neue Wirkstoffe zu mindern.

PROCESS: Die digitale Transformation ist natürlich auch in der Wasserwirtschaft ein Thema. Doch erweisen sich die Risiken hier als besonders schwerwiegend, Stichwort IT-Sicherheit. Wie schützen sich kritische Infrastrukturen am besten?

Paetzel: Die Wasserwirtschaft ist als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge auch Teil der Kritischen Infrastruktur des Bundes. Allein bei Emschergenossenschaft und Lippeverband verzeichnen wir jedes Jahr rund 18.000 Angriffe auf unsere IT-Systeme. Das bedeutet, dass wir besonders strengen Kriterien bei der IT-Sicherheit unterliegen müssen. Die Verbände DVGW und DWA haben daraufhin einen Branchenstandard entwickelt, der 2017 vom BSI anerkannt wurde. Darin haben wir festgelegt, wie Risiken und Schwachstellen in der IT-Infrastruktur zu ermitteln und geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen sind. Ich glaube, dass künftig auch weiterhin viel in die Sicherheit unserer Anlagen investiert werden muss, um den gewohnten hohen Standard des Wassersektors aufrechterhalten zu können.

PROCESS: Was sind aus Ihrer Sicht die bedeutendsten Trends in der Wasser- und Abwasserwirtschaft. Technisch? Wirtschaftlich? Ökologisch?

Paetzel: Technisch werden wir weitere Schritte in der Digitalisierung der Prozesse erleben – beispielsweise eine weitergehende virtuelle Anlagensteuerung aus der Ferne, den Einsatz von Big Data und Künstlicher Intelligenz in der Predictive Maintenance oder den Einsatz von Drohnen in der Inspektion. Wirtschaftlich werden wir einerseits durch die Nutzung digitaler Tools Prozesskosten senken können, auf der anderen Seite sind höhere Ausgaben im Re-Invest zu erwarten. Viele Kanäle, die nach dem zweiten Weltkrieg neu gebaut wurden und viele Kläranlagen in der Nachkriegszeit müssen in den nächsten Jahren saniert werden. Dies bedeutet auch weiterhin entsprechende Investitionssummen, soll die hohe Qualität der öffentlichen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung gehalten werden. Im Bereich der Ökologie wird der Beitrag der Wasserwirtschaft immer deutlicher, sei es – wie eingangs beschrieben – bei der Bekämpfung des Klimawandels und bei der Bekämpfung der Folgen oder bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie.

PROCESS: Vielen herzlichen Dank für diese spannenden Ausführungen, Herr Paetzel!

Tipp: Politikmemorandum 2019 der DWA

* Der Autor ist freier Mitarbeiter bei PROCESS.

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