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Paradigmenwechsel in der Supply Chain In fünf Schritten zur bedarfsgesteuerten Supply Chain Planung in der Pharmaindustrie

| Autor/ Redakteur: Florian Sämann* / Anke Geipel-Kern

In der Pharmabranche steht ein Umbruch bevor. Kurze Produktlebenszyklen und noch kürzere Lieferzeiten krempeln das Geschäft komplett um. Alte Konzepte taugen nicht mehr. Eine bedarfsgerechte, an die tatsächliche Kundennachfrage gekoppelte Supply Chain Planung ist ein erfolgversprechender Ansatz.

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Abbildung 3: MS Excel-Planungsansicht zur Analyse der „Net Flow Position“ in „DDMRP for SAP IBP“
Abbildung 3: MS Excel-Planungsansicht zur Analyse der „Net Flow Position“ in „DDMRP for SAP IBP“
(Bild: Camelot)

Traditionelle Planungssysteme der Chemie- und Pharmabranche treffen die Liefer-, Produktions- und Transportentscheidungen auf Basis von Nachfrageprognosen. Unternehmen gehen dabei von einem stabilen und vorhersagbaren Geschäftsumfeld aus. Mittlerweile hat sich das Planungsumfeld jedoch stark verändert. Wachsende Produktportfolios und komplexere Netzwerke erhöhen den Planungsaufwand. Kürzere Produktlebenszyklen und der Wunsch des Kunden nach kurzen Lieferzeiten führen darüber hinaus zu mehr Unsicherheiten und steigender Volatilität. In diesem Umfeld sind Nachfrageprognosen häufig falsch und weichen teilweise bis zu 50 % vom tatsächlichen Bedarf ab. Hohe Lagerbestände werden aufgebaut und der Service sinkt.

Die fünf Schritte des DDMRP-Konzepts des Demand Driven Institutes (DDI).
Die fünf Schritte des DDMRP-Konzepts des Demand Driven Institutes (DDI).
(Bild: Camelot)

Als Antwort auf diese neuen Herausforderungen entwickelte das Demand Driven Institute (DDI) das Konzept der bedarfsgesteuerten Materialbedarfsplanung („Demand-Driven Material Requirements Planning“ – DDMRP). Dabei werden im Gegensatz zu traditionellen Planungssystemen Bestellungen nicht auf Basis fehleranfälliger Prognosen getätigt. Stattdessen wird eine Supply Chain durch Lagerungspunkte entkoppelt und es erfolgt eine bedarfsgerechte Steuerung, basierend auf tatsächlichen Kundennachfragen.

Dadurch kann die Variabilität der Supply Chain reduziert und der Materialfluss stabilisiert werden. Passend dimensionierte Bestände können vorgehalten werden, welche immer dann wieder aufgefüllt werden, sobald sie verbraucht wurden. Durch diese Form der Pull-Steuerung werden kosten- und kapazitätsintensive Korrekturmaßnahmen zur Sicherung der Servicequalität umgangen.

Abbildung 4: Vorteile der Implementierung von DDMRP (DDI)
Abbildung 4: Vorteile der Implementierung von DDMRP (DDI)
(Bild: Camelot)

Fünf Schritte zur intelligenten Supply Chain

Das DDMRP-Konzept umfasst fünf Schritte, welche zyklisch – z.B. täglich – durchlaufen werden. Sie umfassen die Positionierung von Entkopplungspunkten („Posi­tion“), die Festlegung von Bestandsgrenzwerten („Protect“) sowie die konkrete Planung und deren Ausführung („Pull“).

Punkte zur Entkopplung

Im „Strategic Decoupling“, wird entschieden, auf welchen Stufen der betrachteten Supply Chain Bestände an Fertig- und Zwischenprodukten sowie sonstigen Materialien gehalten werden sollen. Im Gegensatz zu anderen Ansätzen zur Bestandsoptimierung in mehrstufigen Netzwerken werden dabei über eine Kostenminimierung hinausgehende Faktoren berücksichtigt (z.B. Variabilitätseinflüsse). Zusätzlich zur Festlegung dieser Entkopplungspunkte werden die entkoppelten Durchlaufzeiten („Decoupled Lead Times“) ermittelt, die sich als Summe der individuellen Lieferzeiten zwischen zwei Entkopplungspunkten ergeben. Diese gehen dann in die Dimensionierung der Puffer mit ein.

Größe des Puffers festlegen

Der zweite Schritt des DDMRP-­Konzepts „Buffer Profiles and Levels“ dient der geeigneten Dimensionierung der Puffer an den im ersten Schritt festgelegten Entkopplungspunkten in Form von Bestandsobergrenzen. Dabei wird ein intuitives Farbschema verwendet, das Puffer in rote, gelbe und grüne Zonen einteilt. Diese Einteilung basiert auf der zugrunde liegenden Nutzung des jeweiligen Bestandes. Während der Bestand der roten Zone dazu dient, starken Schwankungen und unerwarteten Bedarfen in der Supply Chain zu begegnen, entspricht der Bestand der gelben Zone dem Lagerzyklus und gleicht somit den zu erwartenden Bedarf aus. Über die Größe der grünen Zone werden Bestellungen generiert und deren Häufigkeit festgelegt.

Puffergröße dem Bedarf anpassen

Im dritten Schritt, den „Dynamic Adjustments“, können Anpassungen der zuvor berechneten Puffergrößen vorgenommen werden. Dadurch können Veränderungen bzw. kurzfristige Anpassungen der Inputparameter oder auch ­Erfahrungen der Planer berücksichtigt werden. Diese Erfahrungen der Planer sind dabei insbesondere im Hinblick auf dynamische Marktentwicklungen wie Trends, Saisonbewegungen oder auch größere ­Verkaufsaktionen von Bedeutung.

Bestellaufträge generieren

Der vierte Schritt des DDMRP-­Konzepts, das „Demand-Driven Planning“, dient der Generierung von Bestellaufträgen an den einzelnen Lagerungspunkten. Sie hängen von der aktuellen so genannten „Net Flow Position“ und den in den vorherigen Schritten festgelegten Puffergrößen ab. Die „Net Flow Position“ setzt sich zusammen aus dem verfügbaren Lagerbestand und den noch ausstehenden Lagerzugängen, welche um den so genannten „Qualified Demand“ reduziert werden. Dieser umfasst alle Nachfragemengen, deren Fälligkeitstermin in der aktuellen Periode oder in der Vergangenheit liegt, und alle, einen gegebenen Schwellwert übersteigende Nachfragemengen mit Fälligkeitstermin in der Zukunft. Sobald die „Net Flow Position“ in die gelbe Zone fällt, wird eine Bestellung ausgelöst, welche diese wieder auf die Höhe der grünen Zone bringt.

Bestellaufträge priorisieren

Als letzter Schritt „Visible and Collaborative Execution“ des Konzepts wird dem Planer Unterstützung in der Ausführung angeboten, indem eine Priorisierung von Bestellaufträgen vorgenommen wird. Diese Priorisierung erfolgt dabei nicht anhand von Fälligkeits­terminen, sondern basierend auf dem Pufferstatus, der den aktuellen Bestand mit den Puffergrößen ins Verhältnis setzt. Dadurch wird mit minimalem manuellen Aufwand dem Planer eine klare Hilfestellung gegeben und sichergestellt, dass Bestände umso stärker priorisiert werden je stärker sie verbraucht worden sind.

Materialfluss wird stabiler und Kosten sinken

Unternehmen, welche die Camelot-­Lösung „DDMRP for SAP IBP“ nutzen, verringern die Variabilität des Materialflusses in ihrer Supply Chain und machen die Kette stabiler. Die Kunden profitieren dadurch von einer höheren Servicequalität und deutlich mehr Agilität in der Supply Chain: Die Durchlaufzeiten verringern sich um bis zu 50 %. Zusätzlich können Bestände um bis zu 40 % und Kosten um bis zu 20 % sinken.

Insgesamt stellt die Entwicklung des DDMRP-­Konzepts den größten Paradigmenwechsel der letzten Jahrzehnte im Bereich des Supply Chain Planning dar.

* * Der Autor ist Head of Competence Center Integrated Business Planning, Camelot IT Lab GmbH, Mannheim. Kontakt: Tel. +49-621-86298-0

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