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Covid-19 Herstellung von Desinfektionsmittel: Aus groß wird klein

| Redakteur: Alexander Stark

Angesichts der Corona-Pandemie hat der Verband der Chemischen Industrie (VCI) dem Bundesgesundheitsminister seine Unterstützung bei der Notfallversorgung mit Desinfektionsmitteln zugesagt. Zahlreiche Unternehmen der Branche haben bereits Initiative ergriffen und ihre Produktion auf die Herstellung von dringend benötigten Hand-Desinfektionsmitteln umgestellt.

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Zahlreiche Chemieunternehmen haben ihre Produktion für die Herstellung von Handdesinfektionsmitteln umgestellt.
Zahlreiche Chemieunternehmen haben ihre Produktion für die Herstellung von Handdesinfektionsmitteln umgestellt.
(Bild: BASF Schwarzheide)

Würzburg – Für gewöhnlich stellen die großen Chemieunternehmen Desinfektionsmittel – wenn überhaupt –nicht in kleinen Gebinden her. Ihre Produktion war bisher auf große Mengen ausgerichtet – mit entsprechenden Herstellungsprozessen und Verpackungen. Da durch den gestiegenen Bedarf während der Corona-Krise viele Gesundheitseinrichtungen bereits unter der Knappheit von Desinfektionsmittel gelitten haben und im gewerblichen und privaten Bereich kaum noch Handdesinfektionsmittel zu haben waren, haben viele Chemieunternehmen schnell reagiert und ihre Produktion kurzfristig umgestellt. So werden bereits seit Mitte März an vielen Evonik-Standorten in Deutschland Desinfektionsmittel hergestellt. Auch Clariant, BASF, Infraserv Höchst, CHT, Richard Geiss und Ineos wollen mit eigenen Initiativen für Nachschub an Hand-Desinfektionsmitteln sorgen.

Clariant produziert Desinfektionsmittel für Bayern

Die bayerische Staatsregierung will im Kampf gegen Covid-19 in den nächsten drei Monaten insgesamt zehn Millionen Liter Desinfektionsmittel produzieren. Clariant unterstützt den Freistaat mit der Produktion von monatlich etwa zwei Millionen Litern Desinfektionsmittel.

In Gendorf verfügt Clariant über eine Infrastruktur, um in großem Maßstab die notwendigen Inhaltsstoffe zu Desinfektionsmittel zu mischen. Damit kann das Unternehmen fast zwei Drittel des monatlichen Zielbedarfs der bayerischen Behörden erfüllen, die in den nächsten drei Monaten insgesamt zehn Millionen Liter Desinfektionsmittel produzieren wollen. Die Kosten der Initiative werden aus einem vom Freistaat Bayern eingerichteten Krisenfonds finanziert. Das Unternehmen bietet seinen Beitrag zum Selbstkostenpreis an.

Das Desinfektionsmittel wird direkt oder über Partner an regionale Krankenhäuser und andere zentrale Einrichtungen in Bayern geliefert. Aufgrund des Ausbruchs von Covid-19 ist das wichtige Produkt derzeit nur begrenzt verfügbar.

Um die Produktion solch großer Mengen an Desinfektionsmitteln zu realisieren, arbeitet Clariant mit mehreren Partnern zusammen. Den Hauptbestandteil, Ethanol aus erneuerbaren Quellen, stellt Crop Energies zur Verfügung. Das Ethanol wird in ihrer Anlage im sächsischen Zeitz, eine der größten europäischen Produktionsstätten für Ethanol, produziert und dann an Clariant in Gendorf geliefert. Dieser Vorgang wurde von mehreren Logistik- und Infrastrukturpartnern unterstützt. Nach Prüfung und Freigabe wird das Ethanol dann in den Produktionsanlagen mit anderen Inhaltsstoffen gemischt, um Desinfektionsmittel nach offiziellem Standard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herzustellen. Nach der Fertigstellung wird das Desinfektionsmittel in große Tankcontainer abgefüllt. Partnerunternehmen übernehmen die Abfüllung in geeignete Größen von einem bis 1000 Litern, im Anschluss wird das Desinfektionsmittel an regionale Krankenhäuser und andere wichtige Einrichtungen verteilt.

Dank all dieser Leistungen war es möglich, die bayerischen Behörden zu unterstützen und kurzfristig und in großem Umfang eine stabile Lieferkette für Desinfektionsmittel aufzubauen. Die insgesamt zehn Millionen Liter entsprechen etwa 750 ml Desinfektionsmittel für jeden Einwohner Bayerns.

Evonik stellt Produktion um

Um dem steigenden Bedarf nach Desinfektionsmittel nachzukommen, hat Evonik an vielen Standorten die Produktion angepasst und stellt nun Desinfektionsmittel für den internen Gebrauch her; auch Krankenhäusern und Apotheken in unmittelbarer Nähe der Produktionsstandorte hilft der Konzern bei dringendem Bedarf aus. Die Desinfektionsmittel werden nach der Produktion in Großgebinde abgefüllt, die bis zu 1000 Liter fassen. Das Prinzip „Je mehr, desto besser“ stößt jedoch schnell an die Grenzen. Viele Stellen, wie Apotheken, verfügen nicht über die nötigen Mittel, um die riesigen Container zu bewegen oder zu lagern. Die Lösung für das Problem: Aus den riesigen Kanistern müssen kleinere handhabbarere Größen für eine sinnvolle Verteilung abgefüllt werden.

In der Kleingebinde-Anlage am Standort Essen Goldschmidtstraße ist das jetzt unter Einhaltung aller Sicherheitsstandards möglich: die Desinfektionsmittel, die von verschiedenen Standorten in den Großgebinden angeliefert werden, können dort auf kleinere Gebinde von 25 Litern umgefüllt und für die weitere Verwendung zur Verfügung gestellt werden. Am Standort produzierte Mengen wurden bereits in der letzten Woche verarbeitet. Vergangene Woche haben Mitarbeiter an der Goldschmidtstraße damit begonnen, neben ihrer normalen Tätigkeit zusätzlich 21.000 Liter Desinfektionsmittel vom Standort Marl in kleinere Behälter abzufüllen.

BASF in Schwarzheide schließt sich Aktion „Helping Hands“ an

Auch BASF Schwarzheide hat seit dem 30. März 2020 etwa 6000 Liter Hand-Desinfektionsmittel hergestellt. Dafür wurden zunächst die rechtlichen und technischen Voraussetzungen geschaffen. Das dringend benötigte Produkt auf der Basis von Isopropanol wird vom Unternehmen kostenlos für den Einsatz in Krankenhäusern und weiteren medizinischen Einrichtungen in der Region bereitgestellt. Ziel ist es, der deutlich erhöhten Nachfrage und dem daraus entstandenen Engpass, zu begegnen. Dafür wurde der BASF in Schwarzheide vom Gesundheitsministerium Brandenburg eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

Das Mittel für die Handdesinfektion wurde in 5-Liter-Kanistern verpackt und wird sowohl durch den Krisenstab des Landkreises Oberspreewald-Lausitz als auch vom Unternehmen verteilt. Weiterhin hat sich der Logistikdienstleister Alfred Talke Spedition, der auf dem Werksgelände der BASF angesiedelt ist, bereit erklärt, die Verteilung unentgeltlich zu unterstützen.

Die Herstellung des Hand-Desinfektionsmittels beruht auf Rohstoffen, die nur in begrenzter Menge am Standort zur Verfügung stehen. Schnell zu helfen ist in der aktuellen Situation wichtiger gewesen als langfristig eine Herstellung abzusichern. Das Aufrechterhalten der weiteren Produktion von Hand-Desinfektionsmittel bleibt deshalb eine Herausforderung, warnt das Unternehmen.

Handdesinfektion für Gewerbetreibende

Um den Bedarf an Hand-Desinfektionsmitteln bei Gewerbetreibenden erfüllen zu können, hat auch Caramba seine Produktion umgestellt: Nach Flächendesinfektionsmitteln kann das Duisburger Unternehmen nun auch kurzfristig Handdesinfektionsmittel anbieten. Ob in der Werkstatt, im Büro oder unterwegs: „WHO Ethanol“ und „WHO IPA“ sollen einen sicheren Schutz am Arbeitsplatz bieten. Beide Produkte sind gemäß BAuA AllgVg vom 13. März 2020 hergestellt und nur für berufsmäßige Anwender zugelassen. Die Caramba-Profi-Produkte, zu denen die WHO-Ethanol- und WHO-IPA-Produkte gehören, sind für den professionellen Anwender in Gewerbe und Industrie bestimmt und werden im Direktvertrieb oder über den Fachhandel vermarktet.

PCC steigert Produktion von Seifen und desinfizierenden Handreinigern

Seit dem 23. März hat die Konzerngesellschaft PCC Consumer Products Kosmet (PCC CP Kosmet) ihre Produktion von antibakteriellen Seifen und desinfizierenden Handreinigern auf drei Schichten gesteigert. Damit reagiert der polnische Konsumgüterproduzent auf die aufgrund der Covid-19-Verbreitung stark gestiegene Nachfrage. Seit Ende März werden mit „Hysepta Antivirus“ und „Hysepta Antivirus+“ auch zwei neu-zertifizierte Desinfektionsmittel in die Produktion gehen. PCC CP Kosmet bedient vor allem Kunden in Polen.

Sicherheit der Pflegekräfte

In ihrem Kampf gegen Covid-19 unterstützt Infraserv Höchst die Krankenhäuser in der Region des Chemieparkbetreibers mit eigens hergestellten Desinfektionsmitteln. Ein kleinerer Teil wird für den Eigenbedarf im Arbeitsmedizinischen Zentrum des Industrieparks und in verschiedenen Infraserv-Betrieben benötigt, mehr als die Hälfte kann kostenlos an Krankenhäuser in der Umgebung weitergeben werden.

Anhand einer Rezeptur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) produzierten vier Ausbilder des Fachkräfte-Entwicklers Provadis innerhalb weniger Tage das Hygienemittel. Rund 400 Liter produzierten die engagierten Ausbilder täglich.

Die Qualität des selbst hergestellten Hygienemittels ist einwandfrei. Das Umweltschutz-Team des Unternehmens hat das Produkt analysiert. So ist sichergestellt, dass alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt werden. Die Anlieferung der Rohstoffe wurde von der Logistik-Tochtergesellschaft Infraserv Logistics übernommen, die bei der Beschaffung der mittlerweile rar gewordenen Ausgangschemikalien unterstützt hatte und das Desinfektionsmittel auch im Industriepark Höchst lagert sowie die Auslieferung übernimmt. Sollten genug Ausgangschemikalien vorhanden sein, wollen Mitarbeiter der Gruppe auch in den kommenden Wochen weitere Mengen an Desinfektionsmittel herstellen, um noch mehr Kliniken und Einrichtungen in der Region unterstützen zu können.

Ineos weitet Produktion aus

Als größtem Hersteller der beiden wichtigsten Rohstoffe für Handdesinfektionsmittel komme Ineos in Zeiten des Coronavirus eine bedeutende Rolle zu, so das Unternehmen. Deshalb werde der Konzern nun neue Anlagen für bis zu einer Million Flaschen Handdesinfektionsmittel in Betrieb nehmen. Der Hersteller stellt Krankenhäusern in Großbritannien und Deutschland die Desinfektionsmittel während der Krise kostenlos zur Verfügung.

Die beiden Rohstoffe Ethanol und Isopropylalkohol werden an den Standorten in Grangemouth, Vereinigtes Königreich, sowie in Herne und Moers, Deutschland, hergestellt. Das Unternehmen will innerhalb von zehn Tagen in Newton Aycliffe, Vereinigtes Königreich, eine Produktionsanlage errichten, die eine Million Flaschen pro Monat herstellt. Eine vergleichbare Anlage wird in Herne, Deutschland, in Betrieb genommen.

Der Hersteller will sich auf den Bedarf an Desinfektionsmitteln von medizinischem und pflegerischem Personal fokussieren und auch kleinere Flaschen für den persönlichen Gebrauch herstellen. Das Unternehmen beabsichtigt, Apotheken, Krankenhäuser, Schulen, Betriebe und Supermärkte zu beliefern.

Desinfektionsmittel statt Lösemittel

Der Lösemittel-Spezialist Richard Geiss hat seine Produktion ebenfalls umgestellt und sichert so die Versorgung mit Händedesinfektionsmittel im Landkreis Günzburg in Bayern. Rund 40.000 Liter pro Woche wird das Familienunternehmen in der ersten Ausbaustufe an öffentliche Einrichtungen in Schwaben liefern. Diese wiederum verteilen das Desinfektionsmittel dann weiter dorthin, wo es am nötigsten gebraucht wird: in Krankenhäusern, Kliniken, Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen sowie sämtlichen öffentlichen Einrichtungen.

Die ersten knapp 15.000 Liter Desinfektionsmittel gingen bereits vereinzelt an Krankenhäuser und Apotheken sowie das Landratsamt Günzburg. Diese Woche werden die Produktionskapazitäten auf 40.000 Liter wöchentlich erhöht, um Bayern und Schwaben mit Desinfektionsmittel versorgen zu können.

Ethanol, als wichtiger und mittlerweile knapper werdender Rohstoff am Desinfektionsmittelmarkt, stellt das Familienunternehmen am Standort Offingen selbst her. In speziellen Destillationskolonnen wird das Ethanol zu hochreinen Destillaten aufgearbeitet. 2017/18 hat das Unternehmen in zwei neue Destillationskolonnen zur Aufarbeitung halogenfreier Lösemittel, wie Ethanol, investiert.

Dank der Technik in den neuen Kolonnen lässt sich Ethanol in sehr hoher Qualität aufarbeiten. Die Ethanol-Destillate erreichen 99,9 % der Qualität von Frischware und dürfen deshalb auch in hygienisch sensiblen Bereichen wie der Pharmaindustrie verwendet werden. Im Vergleich zum Einsatz von Ethanol-Frischware sind Ethanol-Destillate besonders nachhaltig.

Das gebrauchsfertige Desinfektionsmittel wird für den Transport in der Regel in 20-Liter-Kanister abgefüllt. Hierfür hat sich Richard Geiss eine extra Abfüllanlage zugelegt. Über den firmeneigenen Fuhrpark kommen die vollen Kanister zum Landratsamt Günzburg, das das Händedesinfektionsmittel dann an die entsprechenden Stellen weiterverteilt. Neben Krankenhäusern und Kliniken sind hierbei auch Seniorenheime und anderweitige Pflegeeinrichtungen des Landkreises im Fokus.

CHT erhält Genehmigung zur Herstellung von Desinfektionsmittel

Auch CHT Germany hat die Produktion eines eigenen Händedesinfektionsmittels aufgenommen. Nach der Beantragung am 07. März 2020 hat das Unternehmen die Genehmigung zur Produktion des Händedesinfektionsmittels erhalten. Diese basiert auf einer erweiterten Allgemeinverfügung, die die Bundesstelle für Chemikalien (BAuA) in Absprache mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) bekannt gab. Damit gehört die CHT Germany als produzierendes Unternehmen der Spezialitätenchemieindustrie zum individualisierten Adressatenkreis von "Apotheken, Unternehmen der pharmazeutischen Industrie und Unternehmen der chemischen Industrie“, an die sich die erweiterte Allgemeinverfügung der BAuA richtet.

Das Händedesinfektionsmittel wird auf Basis einer öffentlich zugänglichen Standardrezepturen der WHO hergestellt. Aufgrund des hohen Nachfrageaufkommens wird das CHT Händedesinfektionsmittel im 3-Schichtbetrieb am Dußlinger Standort produziert.

Aktuell werden die Anfragen der regionalen Organisationen wie DRK, Kliniken und Altersheimen bevorzugt bedienen. Im Anschluss will die CHT allen weiteren Anfragen nachkommen und den aktiven Verkauf an gewerbliche Kunden, wie Großhändler zur Apotheken- oder Drogeriemarktversorgung, aufnehmen. Der Vertrieb des CHT Desinfektionsmittels, der in 1 und 5 Liter-Gebinden erfolgt, richtet sich somit ausschließlich an gewerbliche Kunden und nicht an den Endverbraucher.

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