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Interview zum Legionellen-Ausbruch in Warstein

Deutschland bisher bei Regulierung von Rückkühlwerken nicht beispielgebend

| Autor/ Redakteur: Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Bittermann / Jörg Kempf

Professor Martin Exner gilt als einer der profiliertesten Legionellen-Experten Deutschlands und ist auch im Fall Warstein bei der wissenschaftlichen Aufklärung des Legionellen-Ausbruchs beteiligt. Im exklusiven PROCESS-Interview gibt er interessante Einblicke in einen beispiellosen Fall.

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Prof. Dr. med. Martin Exner: „Viele andere Länder haben längst eine Registrierungspflicht und strenge Auflagen zum Betrieb von Rückkühlwerken erlassen.“
Prof. Dr. med. Martin Exner: „Viele andere Länder haben längst eine Registrierungspflicht und strenge Auflagen zum Betrieb von Rückkühlwerken erlassen.“
(Bild: Universität Bonn/Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit)

Der Hintergrund: Im August 2013 ereignete sich in Warstein die drittgrößte Legionellen-Massenerkrankung in Europa und gleichzeitig der größte Legionellen-Ausbruch in Deutschland. Insgesamt waren zwei Tote und 160 Erkrankungsfälle zu verzeichnen.

Unmittelbar nach Bestätigung und Deklaration des Legionellen-Ausbruchs wurde am 21. August 2013 ein Stab für außergewöhnliche Ereignisse des Kreises Soest unter Leitung des Kreisdirektors eingerichtet, wobei sowohl das Landeszentrum Gesundheit NRW als auch das Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn einbezogen wurde. In der Retrospektive konnten am gleichen Tag durch intensive Ortsbegehungen gemeinsam mit Gesundheitsamt und dem ortskundigen Bürgermeister von Warstein sowie aufgrund veranlasster Untersuchungen zwei Rückkühlwerke, in denen schließlich der Epidemiestamm nachgewiesen wurde, durch Desinfektionsmaßnahmen, die bereits am 21. August umgesetzt worden sind bzw. durch Abstellen unter Kontrolle gebracht werden.

Das Problem speziell bei Legionellen-Erkrankungen besteht darin, dass die kulturelle Isolierung von Legionellen auch im Umfeld notwendig ist, um eine Übereinstimmung mit Patientenstämmen sicher nachweisen zu können. Diese kulturelle Identifizierung benötigt jedoch mehrere Tage. Martin Exner hat bereits nach drei bzw. vier Tagen die kulturellen Ergebnisse, die normalerweise nach zehn Tagen abgelesen werden, untersucht und typische Kolonien, die Hinweise auf den möglichen Epidemiestamm gaben, isoliert und zur weitergehenden molekularen Typisierung zum nationalen Referenzzentrum für Legionellen nach Dresden gesandt. Hierdurch war man in der Lage, nach 13 bzw. 19 Tagen, betroffene Rückkühlwerke dem Epidemiegeschehen zuordnen zu können. Zum Vergleich: Die Typisierungsergebnisse z.B. beim Legionellen-Ausbruch in Ulm wurden erst am 29. Tag mitgeteilt.

Neben dem Nachweis von Legionellen in Rückkühlwerken konnten Legionellen auch in hohen Konzentrationen in einer betrieblichen Kläranlage, in dem Kanal zwischen betrieblicher Kläranlage und kommunaler Kläranlage, in der kommunalen Kläranlage sowie in den Flüssen Wester und Möhne nachgewiesen werden. Die Kontamination mit Legionellen der beiden Flüsse ließ sich erst ab Einleitung des kommunalen Kläranlageneinlaufes feststellen. Zum damaligen Zeitpunkt ließen sich Konzentrationen zwischen 11 000 und 20 000 Legionellen pro 100 ml in diesen Flusssystemen nachweisen. Eines der Rückkühlwerke, das den Epidemiestamm aufwies, entnahm für seine Rückkühlzwecke Wasser aus der Wester.

Selbst nach Abstellen von Rückkühlwerken als wichtigster Emissionsquelle für Legionellen kommt es nicht unmittelbar zum Sistieren der Neuerkrankungen, da die durch Legionellen ausgelösten Erkrankungen eine Inkubationszeit von bis zu 20 Tagen aufweisen. In der Regel liegt die Inkubationszeit bei bis zu zehn Tagen. Dennoch musste diese Zeit abgewartet werden, um sicherzustellen, dass nicht weitere Erkrankungen auftraten. Erst dann konnte man sicher sein, dass durch das Sistieren weiterer Erkrankungen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem „Stopfen“ der Infektionsquelle – wie dies im infektionshygienischen Sprachgebrauch heißt – auszugehen ist.

In der Folgezeit wurden umfangreiche Untersuchungen sowohl durch den Kreis Soest, die Bezirksregierung Arnsberg wie durch das koordinierende Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen veranlasst und durchgeführt. Von besonderer Bedeutung ist, dass in diesem Fall erstmalig in Deutschland die hohe Kontamination einer betrieblichen und einer kommunalen Kläranlage als Vermehrungsort für Legionellen festgestellt werden konnte. Durch den Ablauf der kommunalen Kläranlage wurde das Gewässer kontaminiert. Dies hat zu umfangreichen Sanierungsmaßnahmen auf den Kläranlagen geführt. Als wichtigste akute Maßnahme wurden die bis dahin offenen Belebungsbecken abgedeckt, um Emissionen und Verdriftungen z.B. in Rückkühlwerke zu vermeiden.

Das Interview mit Prof. Exner lesen Sie auf der nächsten Seite.

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