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Aus Chemieunfällen lernen

Chemieunfälle – Mehr Aufklärung erwünscht

| Autor / Redakteur: Tobias Hüser* / Wolfgang Ernhofer

( © Knud Nielsen - Fotolia)

Seit mehr als 20 Jahren protokolliert die Zema Störfälle in deutschen Industrieanlagen. Doch reicht der Erkenntnisgewinn aus den Ereignisdatenblättern aus, um zukünftigen Unfallszenarien vorzubeugen? Zwei Beispiele in Japan und den Vereinigten Staaten zeigen, wie eine lückenlose Aufklärung solcher Chemieunfälle möglich wird.

Aus Chemieunfällen lernen – dieses Vorhaben hatten sich die Väter der Seveso-III-Richtlinie gesetzt, als sie den EU-Staaten die Vorgabe machten, bis Mitte 2015 eine novellierte Störfallverordnung in den Ländern zu verankern, die Anlagenbetreiber dazu verpflichtet, u.a. das Datum der letzten Vor-Ort-Inspektion, Einzelheiten schwerer Unfallszenarien (Brand, Explosion) oder Informationen aus dem externen Notfallplan anzugeben.

Wie zu erwarten, nahmen zahlreiche Sicherheitsexperten deutscher Chemieunternehmen das Bestreben mit Skepsis zur Kenntnis und warnten vor der Gefahr des „gläsernen Betriebs“. Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse könnten so womöglich an die Öffentlichkeit geraten. Ein Blick in die Ereignisdatenbank der „Zentralen Melde- und Auswertestelle für Störfälle und Störungen in verfahrenstechnischen Anlagen“ (Zema) offenbart allerdings, dass bislang noch keine Erkenntniszuwächse über betriebliche Vorgänge bei deutschen Chemieunfällen in den vergangenen Jahre zu verzeichnen sind. So besagt das Datenblatt eines Toluoltank-Brandes in einem Tanklager von Shell in Köln-Godorf lediglich, dass die Ursache des Störfalls von Anfang 2014 noch immer im Rahmen einer sicherheitstechnischen Prüfung untersucht wird.

Ähnlich verhält es sich mit dem Informationsstand über den Chemieunfall bei der Firma Connect Chemicals in Vaihingen an der Enz aus dem vergangenen Jahr. Am 11. September 2014 ereignete sich dort eine Explosion, die in Folge einer außer Kontrolle geratenen Reaktion von 670 kg Ameisensäure, Wasserstoffperoxid und 1-Octen entstand. Als das größtenteils gasförmige Stoffgemisch aus der Anlage austrat, waren glücklicherweise bereits alle Mitarbeiter evakuiert. Die Umstände und Ursachen des Störfalls sind laut Zema aber auch ein halbes Jahr nach dem Unfall noch nicht bekannt.

Die Auslöser solcher Explosionen werden in der Zema-Datenbank zwar häufig rekonstruiert, wie die Produktionsabläufe aber außer Kontrolle geraten konnten, bleibt meist im Dunkeln. Unbefriedigend, wie Nutzer der Datenbank zu verstehen geben. Dass Chemieunfälle auch lückenlos aufgeklärt und so mit hohem Lerneffekt der gesamte Branche dienen können, zeigt ein Artikel des Open Journal of Safety Science and Technology aus dem vergangenen Jahr, in dem ein Chemieunfall in Japan untersucht wurde.

Beispiel Mitsui Chemicals

Hintergrund: In einer Resorcin-Produktionsanlage von Mitsui Chemicals in Waki explodierte am 22. April 2012 ein Oxidationsreaktor, infolgedessen ein Feuer ausbrach. Die 40-stündige Batch-Reaktion zur Erzeugung von organischen Peroxiden musste nach 36 Stunden unterbrochen werden, da ein Problem bei der Dampfversorgung des Reaktors festgestellt wurde. Ein Stickstoffstrom ersetzte zwölf Minuten nach dem Shut-Down der Anlage die Luftversorgung, damit die flüssige Phase im Reaktor weiterhin durchrührt werden konnte. Vorschriftsmäßig veränderten die Mitarbeiter die Wasserkühlung von „Circulating Water“ auf „Emergency cooling Water“, wodurch das Reaktionsgemisch langsam abkühlte. Fatalerweise erkannten die Mitarbeiter dies nicht und kühlten den Reaktor 80 Minuten nach dem Stopp der Anlage wieder über „Circulating Water“.

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