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Verpackungsgesetz sagt Müllbergen den Kampf an und setzt auf möglichst geschlossene Kreisläufe

| Autor/ Redakteur: Manja Wühr* / M.A. Manja Wühr

Verpackungsgesetz setzt auf möglichst geschlossene Kreisläufe – Seit 1. Januar dieses Jahres ist es in Kraft: das neue Verpackungsgesetz. Und mit dem neuen Gesetz kommen auch höhere Recyclingquoten und die Verpflichtung, sich in geschlossene Kreisläufe einzubinden. Gemeinsam mit der Verpackungsindustrie versuchen nun Lebensmittel- und Getränkehersteller neue Wege zu gehen.

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Seit Beginn des Jahres ist das neue Verpackungsgesetz in Kraft. Damit kommen auf Hersteller und Vertreiber neue Verpflichtungen zu. Schafft aber gleichzeitig auch Anreize auf nachhaltige Verpackungen zu setzen.
Seit Beginn des Jahres ist das neue Verpackungsgesetz in Kraft. Damit kommen auf Hersteller und Vertreiber neue Verpflichtungen zu. Schafft aber gleichzeitig auch Anreize auf nachhaltige Verpackungen zu setzen.
(Bild: ©cienpiesnf, ©macondos, ©pogonici, ©thelightwriter - stock.adobe.com; [M]Grimm)

Rund 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll haben laut Statista die Deutschen 2016 produziert. Das macht rund 220 Kilogramm pro Kopf, allein 37,3 Kilogramm davon aus Kunststoff. Jürgen Bertling, Business Developer Geschäftsfeld Umwelt am Fraunhofer-Institut Umsicht, ist sich sicher, dass jeder Deutsche pro Jahr etwa 5,4 Kilogramm Kunststoffe in die Umwelt abgibt, dreiviertel davon in Form von Mikroplastik. Die Zahlen untermauern die Bedeutung der oft hitzig geführten Debatte um den Verpackungsmüll, die nun auch bei den Verpackern ankommt. So hat beispielsweise Krones im Juli seine Ergebnisprognose gesenkt. Neben dem ungelösten Handelskonflikt zwischen China und den USA habe die Diskussion über die Nachhaltigkeit von PET-Verpackungen die Investitionsbereitschaft gedrosselt, so der Konzern.

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Doch nicht nur die Verpackungsindustrie bekommt den Druck der Verbraucher zu spüren. Auch die Politik musste sich mit der Frage auseinandersetzen, wie mit den wachsenden Bergen an Verpackungsmüll umgegangen werden soll. Die Antwort aus Deutschland ist das seit Anfang des Jahres gültige Verpackungsgesetz. Mit diesem sollen vor allem die Kreisläufe geschlossen und die Recyclingfähigkeit der Verpackungen erhöht werden.

Mit dem neuen Regelwerk kommen auf die Hersteller wichtige Pflichten und Anforderungen zu. So gilt nun eine Registrierungs- und Meldepflicht. Hersteller müssen sich vor dem Inverkehrbringen von Verpackungen bei der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR) registrieren lassen. Für mehr Transparenz werden die registrierten Hersteller im Internet veröffentlicht. Darüber hinaus müssen die Hersteller nun auch Angaben melden, die im Rahmen einer Systembeteiligung zu den Verpackungen gemacht wurden. Das umfasst

  • Registrierungsnummer,
  • Materialart und Masse der angemeldeten Verpackungen,
  • Name des Systems bei dem die Verpackungen beteiligt wurden,
  • Zeitraum für den die Systembeteiligung vorgenommen wurde.

Wer diesen Pflichten nicht nachkommt, muss mit saftigen Strafen rechnen. So mahnte das ZSVR kürzlich an, dass schon bereits das formale Fehlen einer Datenmeldung mit Geldbußen bis 10 000 Euro geahndet werden kann. Sollte jemand eine Systembeteiligung vortäuschen, drohen bis zu 200 000 Euro an Bußgeldern oder gar Vertriebsverbot.

Zudem stiegen mit Inkrafttreten des Gesetztes die Recyclingquoten. Zum 1. Januar 2022 ist nochmal eine Erhöhung der Recyclingquoten vorgesehen. So soll 2022 die Verwertung von Glas von aktuell 80 auf 90 Prozent steigen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass dies durchaus machbar ist. Denn in Deutschland landeten 2016 85,53 Prozent der Glasverpackungen in Recyclingcontainern, so die European Container Glass Federation. Rund 90 Prozent des gesammelten Glases würden laut FEVE wieder zu neuen Flaschen oder Gläsern mit Lebensmittelqualität.

Kunststoffverpackungen stehen im Vergleich dazu weitaus stärker unter Druck. Hier gilt seit 2019 eine Recyclingquote von 58,5 Prozent. 2022 wird diese dann auf 63 Prozent angehoben. Diese Vorgaben zu erreichen, wird angesichts der Komplexität von modernen Kunststoffverpackungen schwierig. Um Lebensmittel sicher vor Sauerstoff, Licht oder anderen Umwelteinflüssen zu schützen, werden Mehrschichtsysteme eingesetzt. Sie bestehen aus verschiedenen Kunststoffen, die für ein Recycling wieder getrennt werden müssen. Bislang gelten sie als nicht recyclingfähig und werden daher verbrannt.

Recyclingfähigkeit verbessern

Um die anspruchsvollen Recyclingziele des neuen Verpackungsgesetzes zu erreichen, arbeiten Wirtschaft und Forschung an neuen Barrierelösungen. So hat KHS mit Freshsafe-PET ein Plasma-Beschichtungsverfahren entwickelt, das auf der Innenseite des PET-Behälters eine hauchdünne Schutzschicht aus Siliziumoxid (SiOx), also aus chemisch reinem Glas, aufträgt. Sie schützt sensible Produkte wie Fruchtsäfte und Nektare vor dem Eindringen von Sauerstoff und anderen Substanzen. Bei kohlensäurehaltigen Getränken verhindert sie, das CO2 durch die PET-Wand diffundiert. Die Barrierelösung ist vollständig recycelbar, was die Recyclingverbände European PET Bottle Platform (EPBP) und Association of Plastic Recyclers (APR) bestätigt haben.

Statt auf Recyclingfähigkeit setzen die Forscher des Fraunhofer IGB auf Bio. Sie haben biobasierte Schichten mit einer Barrierefunktion gegenüber Sauerstoff und Wasserdampf entwickelt. Diese bestehen zu 100 Prozent aus natürlichen Ausgangsstoffen und sind gleichzeitig auch zu 100 Prozent abbaubar. „Diese Filme und Beschichtungen stellen wir aus einer neu entwickelten wasserbasierten Dispersion her, die u.a. natürliche Wachse und Proteine enthält. Die Dispersion kann mit üblichen Beschichtungstechniken verarbeitet werden“, erläutert Dr. Michaela Müller, Leiterin der IGB-Forschungsgruppe „Polymere Grenzflächen und Biomaterialien“.

Auch wenn die Entwicklung kreislauffähiger Verpackungen noch in den Kinderschuhen steckt, Industrie und Wissenschaft arbeiten an Lösungen und konnten für einige offene Fragen Antworten finden. Beispielsweise wie man die Recyclingfähigkeit von Produkten einfach und gleichzeitig zuverlässig bestimmen kann. Für diese Aufgabe hat Henkel ein Software-Tool entwickelt. Es basiert auf öffentlichen Kriterienkatalogen, z.B. dem von Plastics Recyclers Europe, und bewertet die Recyclingfähigkeit von Verpackungen anhand ihrer Zusammensetzung und der einzelnen Gewichtsanteile der jeweiligen Bestandteile. Das umfasst Grundmaterialien, Verschlusssysteme, Labels sowie Beschriftung und Farben. Für alle in Frage kommenden Materialien sei die jeweilige Eignung für die Identifizierung bei der Sortierung sowie für die Aufbereitung zum Recycling (z.B. gute Trennbarkeit bei Schwimm-Sink-Trennung) hinterlegt, so der Konzern. Mithilfe der Software können Produktentwickler erkennen, welches Design zu welchem Prozentsatz recyclingfähig ist und welche Materialkombinationen ein Recycling verhindern. Dieser Aspekt wird wohl bei der Produktentwicklung immer mehr an Bedeutung gewinnen. Schließlich müssen Rückholsysteme mit dem neuen Verpackungsgesetz das recyclinggerechte Design bei der Bemessung ihrer Entgelte berücksichtigen. Wie Henkel mitteilt, will man für die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft die Software auf Anfrage auch anderen zur Verfügung stellen.

Produkte aus Recyclat

Damit die Kreisläufe von Lebensmittelverpackungen wirklich geschlossen werden können, bedarf es auch Produkte aus Recyclat. Diesem Ziel fühlen sich auch Verpackungsspezialisten und Getränkehersteller verpflichtet und spüren gleichzeitig den Druck, der durch das schlechte Image der PET-Flasche entstanden ist. Sie entwickeln daher Lösungen, die deren Ökobilanz verbessern. So hat z.B. der Abfüller Mineralbrunnen Allgäuer Alpenwasser in Kooperation mit KHS, dem Preform-Produzenten Plastipack und dem Berliner Start-up Share eine 0,5-Liter- sowie eine 1,0-Liter-PET-Flasche aus 100 Prozent Recyclat auf den Markt gebracht. „Die Herstellung einer PET-Flasche aus 100 Prozent recyceltem PET ist durchaus möglich, doch stecken die Herausforderungen im Detail. Hier ist eine differenzierte Betrachtung notwendig“, sagt Arne Wiese, Product Manager Bottles & Shapes bei KHS Corpoplast in Hamburg. Denn aktuell ist das im Markt genutzte recycelte PET – auch rPET genannt – meist ein unter Vakuumbedingungen gereinigtes PET. „Hier schwanken die Qualitäten je nach Herstellungsverfahren“, so Wiese. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Flaschenstabilität und auf das Gewicht. Zudem gibt der Produktspezialist zu bedenken, dass rPET aktuell nicht in der erforderlichen Qualität und in ausreichender Menge verfügbar ist. Wiese sieht aber noch einen anderen Weg: „Chemisch recyceltes PET ermöglicht Qualitäten, die genau dem von Virgin-PET entsprechen. Hier gibt es keine Einschränkungen.“

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Ersetzen statt recyceln

Kunststoffe, die man nicht verwendet, müssen auch nicht recycelt werden. Von daher versuchen Lebensmittel- und Getränkehersteller neue Wege zu gehen. So setzt beispielsweise die Unilever-Marke B-Better für seine verschiedenen Wasserprodukte auf die Kartonflasche Combidome von Sig. Sie ist vollständig recycelbar und besteht hauptsächlich aus FSC-zertifiziertem Rohkarton. Selbst die verwendeten Polymere stehen über ein Massenbilanzsystem zu 100 Prozent in Verbindung zu pflanzenbasierten Rohstoffen, so der Verpackungsspezialist. Und die ultradünne Aluminiumfolie zum Schutz der aromatisierten Wässer ist nach dem Standard der Aluminium Stewardship Initiative (ASI) zertifiziert.

In einigen Fällen lässt sich Kunststoff mittlerweile sogar gänzlich vermeiden: Nestlé verpackt beispielsweise seine Nuss- und Fruchtriegel „YES!“ in recyclingfähiger Papierverpackung. Diese kann wie eine Tageszeitung über die Altpapiersammlung wiederverwertet werden. Möglich macht dies die „High-Speed Flow Wrap“-­Verpackungstechnik, die bisher Kunststofffolien und Laminaten vorbehalten war. Nun können Hersteller von Süßwaren recyclingfähige Papierverpackungen in großem Umfang verwenden und dabei die Qualität der Produkte über den gesamten Haltbarkeitszeitraum sicherstellen. Wie auch Sig verwendet Nestlé Papier, das von den Nichtregierungsorganisation FSC oder PEFC zertifiziert wurde.

Auch im Bereich der Sekundärverpackungen lässt sich mit pfiffigen Lösungen Kunststoff ersetzen. Mit ihrer Klebetechnik Nature Multi Pack macht KHS die herkömmliche Schrumpffolie bei Multipacks überflüssig. Es ist so einfach, wie es klingt: Leicht lösbare, aber verbundsichere Klebepunkte halten PET-Flaschen oder Dosen zusammen. Das überzeugt auch im Markt: So nutzt Carlsberg die Klebetechnik unter dem Namen „Snap Pack“ für Dosen-Sechserpacks. Auch Danone Waters bündelt auf diese Weise seit 2016 seine so genannten „Prestige“-PET-Flaschen für Evian.

Fazit: Verbraucher und Politik nehmen Lebensmittel- und Getränkehersteller in die Pflicht, nachhaltige Verpackungen einzusetzen. Besonders schwierig wird es vor allem für komplexe Kunststoffverpackungen, deren Recyclingfähigkeit noch deutlich verbessert werden muss.

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