Studie Pharmastrategie „Pharma 2020“ zeigt Herausforderungen der Pharmaindustrie auf

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Eine neue Studie von PricewaterhouseCoopers wirft einen Blick in die Zukunft der Pharmaindustrie. Ihr Fazit: Wer 2020 noch Bestand haben will, muss strategisch umdenken.

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Welche Wege muss die Pharmaindustrie künftig gehen, um für die Zukunft gerüstet zu sein? Dieser Frage widmet sich die neueste Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC): „Pharma 2020: The Vision – Which Path will you take?“ Ihr vorläufiges Fazit: Es gibt viele Wachstumschancen in den neuen Märkten Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und Türkei (E7), aber um diese zu nutzen, muss die Branche allerhand Herausforderungen bewältigen. „Die Pharmaindustrie muss sich verstärkt an den Bedürfnissen und Anforderungen der Patienten in den aufstrebenden Märkten der E7 orientieren. Statt einige wenige Blockbuster weltweit zu vermarkten, sollten Unternehmen künftig eine differenzierte Produktpalette für Patienten mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen anbieten“, sagt Volker Booten, verantwortlicher Partner für den Bereich Chemicals & Pharma bei PwC in Deutschland.

Steigender Umsatz

Was den Umsatz angeht, prognostiziert die Studie bis 2020 eine Verdopplung auf weltweit rund 1,3 Billionen US-Dollar rosige Zeiten. Schrittmacher dieser Entwicklung sind vor vor allem der demographische Wandel und der Wirtschaftsaufschwung in den E7-Ländern. Der wachsende Wohlstand in den E7-Staaten Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und der Türkei lässt deren Bedeutung für die Pharmaindustrie steigen. Im Jahr 2020 wird voraussichtlich ein Fünftel des weltweiten Pharmaumsatzes in den Schwellenländern erwirtschaftet. China wäre dann der zweit- oder drittgrößte Markt der Welt, während die Türkei und Indien zu den zehn bedeutendsten Pharmamärkten gehören würden.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Allerdings unterscheiden sich die medizinischen Bedürfnisse in den Staaten der E7-Gruppe sowohl untereinander als auch von denjenigen der Industriestaaten. In Russland leiden z.B. rund 80 von 100 000 Männern an Lungenkrebs, in China rund 41, in Indien dagegen nur sieben. Demgegenüber ist Speiseröhrenkrebs in China dreimal so häufig wie in Russland. Ursächlich für diese Differenzen sind nicht nur kulturelle Besonderheiten, sondern auch unterschiedliche genetische Merkmale der Bevölkerung. „Medikamente, die in Deutschland oder den USA wirksam sind, eignen sich nicht unbedingt auch für Patienten in Brasilien oder China. Die Pharmaindustrie wird daher in den E7-Ländern nur mit einer differenzierten Produktstrategie erfolgreich sein“, betont Booten.

Bezahlbare Gesundheit

Auch bei der Finanzierung der Gesundheitssysteme steht die Pharmaindustrie mit in der Verantwortung. Die Branche solle stärker als bislang auf präventive Mittel und Maßnahmen setzen, um mit dazu beizutragen, dass die Gesundheitsausgaben nicht weiter steigen. Im Jahr 2020 sind weltweit voraussichtlich rund 720 Millionen Menschen über 65 Jahre alt. Dies entspricht einem Anteil von 9,4 Prozent der Bevölkerung gegenüber 7,3 Prozent im Jahr 2005. Mit dem demographischen Wandel wird die Medikamentennachfrage drastisch wachsen. Beispielsweise sind in Schweden und Spanien die Gesundheitsausgaben für Menschen ab 80 doppelt so hoch wie für Patienten zwischen 50 und 64 Jahren. In den USA liegt das Verhältnis sogar bei annähernd zwölf zu eins.

Gleichzeitig nehmen chronische Erkrankungen sowohl in den Industriestaaten als auch den E7-Ländern zu: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dürften in zehn Jahren fast 80 Prozent aller Todesfälle auf chronische Erkrankungen zurück zu führen sein. Im Jahr 2005 waren es erst 60 Prozent. Beide Faktoren führen dazu, dass die Gesundheitssysteme ohne einen tief greifenden Wandel langfristig nicht mehr zu finanzieren sind: Im OECD-Durchschnitt würden bei einer unveränderten Ausgabenentwicklung im Jahr 2020 rund 16 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf Gesundheitsausgaben entfallen, in den USA sogar 21 Prozent.

Mehr Prävention gefordert

Doch auf Dauer bleibt Gesundheit nur bezahlbar, wenn Krankheiten vermieden werden, anstatt sie aufwändig zu therapieren. Derzeit fließen in den OECD-Staaten nur drei Prozent der Gesundheitsausgaben in die Prävention, obwohl nach Berechnungen der WHO durch eine optimale Vorsorge fast 80 Prozent der Herzinfarkte, Schlaganfälle und Diabeteserkrankungen sowie 40 Prozent der Krebserkrankungen verhindert werden könnten.

Welche Rolle die Pharmaindustrie bei der Prävention spielen kann, zeigt das Beispiel Gardasil, ein Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Er kostet lediglich 360 US-Dollar und damit einen Bruchteil dessen, was für eine Krebstherapie aufgewendet werden müsste. Derzeit läuft die Entwicklung von Impfstoffen gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Allerdings ist die Forschung mit besonderen Risiken verbunden. Um die Wirksamkeit eines Impfstoffes ohne gravierende Nebenwirkungen belegen zu können, sind lange Testreihen erforderlich, an denen in der Regel gesunde Testpersonen teilnehmen müssen.

Forschung weniger effizient

Ein wichtiger Faktor kommt noch hinzu: Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben der Pharmaindustrie sind in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen. So investierten die im US-amerikanischen Verband PhRMA (Pharmaceutical Research and Manufacturers of America) zusammen geschlossenen Hersteller im Jahr 1996 rund 15 Milliarden US-Dollar in die Forschung, 2006 bereits 43 Milliarden US-Dollar. Inflationsbereinigt haben sich die Ausgaben verdoppelt, während die Zahl der jährlich zugelassenen Wirkstoffe im gleichen Zeitraum von 53 auf 22 gesunken ist.

Patente laufen aus

Diese Entwicklung führt dazu, dass Pharmaunternehmen heute wesentlich mehr Geld im F&E Bereich ausgeben, jedoch weniger Medikamente auf den Markt bringen.

Gleichzeitig läuft der Patentschutz für viele Blockbuster-Präparate in den kommenden Jahren aus. Nach Expertenberechnungen dürften aufgrund dieser Tatsache allein die acht größten Pharmakonzerne bis 2012 zwischen 14 und knapp 40 Prozent ihres heutigen Umsatzes verlieren.

„Die Pharmaindustrie wird ihr Geschäftsmodell grundsätzlich überdenken und anpassen müssen, um den Veränderungen Rechnung zu tragen. Dies betrifft alle Ebenen der Wertschöpfungskette. Dieser Veränderungsdruck wird auch durch Private Equity-Unternehmen ausgeübt, die sich stärker im Pharmageschäft engagieren werden und zwar insbesondere dort, wo notwendige Veränderungen verzögert werden“, lautet deshalb das Fazit von Volker Booten.

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