Automatisierung/Messtechnik Interessante Zeiten: Innovations-Offensive im zweiten Corona-Jahr

Autor Dominik Stephan

Der Anbieter von Mess- und Automatisierungstechnik Endress+Hauser bleibt trotz Pandemie auf Kurs: Zwar geht der Umsatz der Gruppe 2020 um 2,8 Prozent zurück, trotzdem glaubt CEO Matthias Altendorf, 2021 im einstelligen Bereich zulegen zu können. Dabei helfen könnten rund 70 neue Produktneuheiten, darunter die Drucktransmitter Cerabar und Deltabar sowie die zweite Generation der Memosens-Technologie.

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Neben Messtechnik und Automatisierungslösungen gehört der Service bei Endress+Hauser zum Tagesgeschäft - in Zeiten von Homeoffice und Reisebeschränkungen auch virtuell.
Neben Messtechnik und Automatisierungslösungen gehört der Service bei Endress+Hauser zum Tagesgeschäft - in Zeiten von Homeoffice und Reisebeschränkungen auch virtuell.
(Bild: Endress+Hauser)

Es heißt, ein alter chinesischer Fluch laute „mögest du in interessanten Zeiten leben“ – und auch, wenn diese Weisheit vielleicht weder alt noch sonderlich chinesisch ist, die Zeiten sind „interessant“. Herausfordernd, könnte man wohlwollend sagen. Und definitiv nicht vorhersehbar. Wird das zum Problem für eine Branche wie der Automatisierungstechnik, die sich das Messen, Analysieren und – in Zeiten von Industrie 4.0 – auch das Prognostizieren zum Daseinszweck gemacht hat? Dem kann Dr. Andreas Mayr, seit 2019 COO bei Endress+Hauser, nicht zustimmen: „Ich habe die letzten Jahre unglaublich positiv erlebt, weil wir für uns viele wichtige Themen bewegen konnten“, erklärt der Leiter des operativen Geschäfts der Gruppe auf Nachfrage.

Tatsächlich kommen die „People for Process Automation“, so die Selbstbezeichnung des Spezialisten für Messtechnik und Automatisierungslösungen, gut durch die Krise: Für Endress-+Hauser steht 2020 lediglich ein – im Wesentlichen wechselkursbedingtes – Umsatzminus von 2,8 Prozent in den Büchern. Zudem konnte das Unternehmen im Bereich der Laboranalyse stark zulegen.

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Der virtuelle Techniker: Per App auf die Anlage

„Wir sind Spezialisten darin, dem Kunden die Informationen zur Verfügung zu stellen, die er braucht, um richtige Entscheidungen zu treffen“, erklärt Mayr. Seiner Meinung nach war es dieser „Spirit“, der es dem Unternehmen möglich machte, im Corona-Jahr schnell und gezielt Prozesse an die veränderte Lage anzupassen. So war es auch kein Zufall, dass Endress+ Hauser seinen Kunden gleich zu Beginn der Corona-Pandemie mit digitalen Services wie dem Remote Support zur Seite stehen konnte. Die Technologie wurde schon seit längerem mit Weitsicht entwickelt, „dennoch war Corona ein unglaublicher Beschleuniger, der vielen Themen, die wir in der Pipeline haben, unglaublichen Schub verliehen hat“, erklärt Mayr weiter. So bringt heute die App Sight Call Visual Support bei Bedarf den Servicetechniker virtuell auf die Anlagen der Kunden, und selbst Werks­abnahmen finden videounterstützt aus der Ferne statt.

Fürs laufende Jahr hat Endress+ Hauser etwa 70 neue Produkte in der Pipeline: Dazu gehören Highlights wie die Industrie-4.0-fähigen Druckmessgeräte Cerabar und Deltabar, die mit Heart­beat Technology und optionaler Bluetooth- Schnittstelle vorausschauende Wartungs- und Instandhaltungskonzepte ermöglichen. Ebenfalls neu: Der Grenzstandschalter Liquiphant mit verschiedenen Gabelbeschichtungen und in einer Hochtemperatur-Variante sowie smarte Gas-Durchflussmessgeräte.

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Mess- und Automatisierungstechnik vom Labor in den Prozess

Zusätzlich kündigt Mayr für die Zukunft eine Softwareplattform zur vernetzten Labor- und Prozessanalytik an, die Sensordaten, z. B. von Sensoren zur Flüssigkeitsanalyse mit Memosens-Technologie, mit Daten aus dem Labor verknüpfen soll, um eine echte Durchgängigkeit und Vergleichbarkeit herzustellen. So soll noch stärker zusammenwachsen, was aus Sicht von Endress+Hauser ohnehin zusammengehört: Mit der Raman- und TDLAS-Spektroskopie finden schon jetzt vermehrt Technologien für die Laboranalytik ihren Weg in die Prozessmesstechnik.

Entsprechende Expertisen haben die Automatisierer seit 2016 mit den Tochterunternehmen Analytik Jena, Spectra Sensors oder Kaiser Optical Systems im Haus. So sollen Anwender künftig eine einheitliche Messtechnik mit vergleichbaren Werten vom ersten Versuch über das Technikum bis in die Produktion nutzen können, erklärt Mayr: „Ich glaube, dass Schlüsselelement hier heißt „Einfachheit“ im Sinne des „Ease of Use“ für den Benutzer, sowie Robustheit im Sinne der Prozess­tauglichkeit. So schaffen wir es, Messungen, die heute noch im Labor stattfinden müssen, online, inline und at-line zu ermöglichen.“

Neue Gerätegeneration Industrie-4.0-fähiger Sensoren

Zugleich setzen die Automatisierungsexperten mit der Weiterentwicklung der Memosens-Technologie zu Memosens 2.0 auch in der Flüssigkeitsanalyse ein echtes Ausrufezeichen: Mit der Digitalisierung der Messwerte direkt im Sensor gelang Endress+Hauser schon 2004 ein Coup – seitdem wurden über eine Million Memosens-Sensoren produziert.

Mit der neuen Generation wird die Technologie nun Industrie 4.0-fähig und wertet Prozess- und Gerätedaten aus, um beispielsweise den Zustand von Sensoren zu überwachen. Zusammen mit hinterlegten Sensor- und Prozessdaten soll die neue Gerätegeneration nicht nur helfen, Trends zu identifizieren, sondern die Basis für vorausschauende Wartung und IIoT-Services zu liefern.

Mission Zukunft: Was KI und Machine-Learning für die Automatisierung bedeuten

Damit die Daten aus den Feldgeräten zu Informationen verarbeitet und schließlich zu Wissen werden können, kommen vermehrt KI-Technologien wie das Machine Learning zum Einsatz: „Schon heute können wir beispielsweise aus der Analyse des Schwingungsspektrums eines Coriolis-Massedurchflussmessgeräts lernen, was Veränderungen der Schwingfrequenzen für Korrosion oder Ansatzbildung bedeuten“, erklärt der Endress+Hauser-COO.

Derartige Analysen würden in der Cloud durchgeführt, da sich so die nötige Rechenpower „zum Feldgerät“ bringen ließe. Auch die komplexen Chemometrie-Modelle, die bei der Spektroskopie nötig sind, wären hervorragend für die Anwendung von Machine Learning geeignet.

Ausgangspunkt zukünftiger Automatisierungs-Offensiven soll die angekündigte Unternehmens-Strategie 2027 werden: Mit der Evolution – nicht Revolution – der bisherigen Agenda „2020+“ will sich das Unternehmen für die Zeit nach Corona aufstellen.

Automatisierungs-Spezialist Endress+Hauser sieht sich gut aufgestellt

Um auch in Zukunft für „interessante Zeiten“ gerüstet zu sein, gab Endress+Hauser im vergangenen Jahr 195,1 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus (das entspricht 7,6 Prozent des Umsatzes). Als Annerkennung konnte sich 2020 ein Entwicklerteam der Automatisierer über den AMA-Innovationspreis des Verbands für Sensorik und Messtechnik freuen: Das Multisensorsystem QWX43 für den Einsatz in Brauereien überzeugte mit kompaktem Design, hoher Messgenauigkeit, einfacher Anwendung und unkomplizierter Installation auf der Sensor and Measurement Science International in Nürnberg.

Für 2021 sieht die Unternehmensführung von Endress+Hauser keinen Grund zur Sorge: „Das Unternehmen ist in exzellenter Verfassung“, war sich Verwaltungsratspräsident Klaus Endress bei seinem Redebeitrag im Rahmen der Bilanzmedienkonferenz sicher. Obwohl die Aussichten ungewiss bleiben, peile man ein Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich an. Der Start verlief schon einmal nach Maß: Im ersten Quartal 2021 lag der Auftragseingang sogar über den eigenen Zielen wie auch über dem noch starken ersten Quartal des Vorjahres. ●

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