Studie Integrierte Öl- und Gasunternehmen: Ein Auslaufmodell?

Redakteur: Dr. Jörg Kempf

Eine Studie von A.T. Kearney kommt zu dem Schluss, dass spezialisierte Öl- und Gasunternehmen einen besseren Unternehmenswert haben als integrierte Player. Für Unternehmen der Branche gelte es daher, ihre strategische Ausrichtung zu überprüfen – neue Geschäftsmodelle seien gefragt.

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Eine Raffinerieanlage steht fast niemals still – sogar bei Nacht verwandelt Sie Erdöl in Produkte des täglichen Bedarfs. (Bild: Deutsche BP)
Eine Raffinerieanlage steht fast niemals still – sogar bei Nacht verwandelt Sie Erdöl in Produkte des täglichen Bedarfs. (Bild: Deutsche BP)

Düsseldorf – Die Untersuchung von integrierten Öl- und Gasunternehmen hat ergeben: Gemessen am Verhältnis Unternehmenswert/EBITDA wird reinen Upstream- bzw. Downstream-Playern eine fast um die Hälfte bessere Bewertung attestiert als integrierten Akteuren. Auch beim Risiko-Gewinnverhältnis schneiden die Upstream-Player gegenüber den integrierten Unternehmen besser ab. Ihre Reserves-Replacement-Ratio beträgt 210 Prozent, während sie bei integrierten Playern nur bei 123 Prozent liegt. Für Unternehmen der Branche gilt es daher, ihre strategische Ausrichtung zu überprüfen.

Die Untersuchung der Unternehmensberatung A.T. Kearney wurde angesichts des tiefgreifenden Wandels durchgeführt, der sich aktuell in der Branche vollzieht, bedingt durch die gestiegene Marktvolatilität, zunehmende regionale strukturelle Verschiebungen und die sich wandelnde Rolle staatlicher Ölgesellschaften.

Besonders berücksichtigen sollten integrierte Öl- und Gasunternehmen, dass die herkömmlichen Lieferketten zunehmend regionalen Besonderheiten unterliegen. Damit werden die Differenzierung der eigenen Kompetenzen vom Wettbewerb sowie eine stärkere Spezialisierung immer wichtiger. Zentrale Faktoren sind darüber hinaus der zunehmende Wettbewerb vonseiten der nationalen Ölgesellschaften, wachsende finanzielle Risiken sowie die lauter werdende Forderung nach einer belastbaren Strategie für den Umgang mit erneuerbaren Energien.

Dr. Tobias Lewe, Leiter der Chemie und Öl Practice von A.T. Kearney in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Lage der Branche: „Die heutige Öl- und Gasindustrie befindet sich im Umbruch, der sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren ergibt. ‚Easy Oil and Gas‘, d.h. Öl und Gas aus leicht zu erschließenden Vorkommen werden zunehmend knapper, immer stärker verlagert sich die Förderung hin zu unkonventionellen Quellen wie etwa Öl-Sande, Tiefsee-Vorkommen oder Schiefergas. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Energie – besonders in den Wachstumsländern – rasant an und wird Branchenprognosen zufolge bis zum Jahr 2035 weltweit voraussichtlich um etwa ein Drittel zulegen. Dabei werden die Öl- und Gaspreise immer volatiler, bedingt etwa durch Spekulationen oder externe Einflüsse wie die derzeitigen politischen Umwälzungen in einigen ölfördernden Staaten.“

Integrierte Player auf dem Prüfstand

Vor diesem Hintergrund hat A.T. Kearney auf Grundlage der 20 Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung das traditionelle Geschäftsmodell integrierter Öl- und Gasunternehmen auf den Prüfstand gestellt und die Performance der integrierten Spieler mit der von reinen Upstream- (Exploration und Produktion) und Downstream-Firmen (Raffinerie und Vermarktung) verglichen.

Gemessen am Verhältnis EV/EBITDA (Unternehmenswert/Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) schneiden reine Upstream- oder Downstream-Unternehmen deutlich besser ab: Ihr Ergebnis übersteigt das der integrierten Akteure um knapp die Hälfte.

Auch beim Risiko-/Gewinnverhältnis schneiden reine Upstream-Spieler besser ab als integrierte Öl- und Gasunternehmen.

Ebenfalls vorn liegen die Upstream-Unternehmen bei der Betrachtung der Reserves-Replacement-Ratio, dem Verhältnis zwischen verkauftem Rohöl zu neu erschlossenen Vorkommen. Beträgt sie für die integrierten Unternehmen 123 Prozent, liegt sie bei den Upstream-Firmen bei 210 Prozent. Ingo Schröter, Principal in der Öl-und Gas Practice von A.T. Kearney und Autor der Studie erläutert: „Die Abspaltung von Downstream-Aktivitäten kann für integrierte Öl- und Gasunternehmen eine geeignete Maßnahme sein, um ihren Unternehmenswert zu steigern, indem sie margenschwache Aktivitäten reduzieren und die freiwerdende Mittel in attraktivere Aktivitäten wie die Exploration neuer Vorkommen mit innovativen Technologien umleiten.“

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