Ergänzendes zum Thema
Interview mit Dr. Peter Wenzel, Geschäftsführer PROFIBUS Nutzerorganisation e.V.
„Wir wollen eine nachhaltige Ethernet-Lösung“
Viele Anwender sehen bereits heute PROFINET als feste Größe in Industrie 4.0-Anwendungen, da es sowohl die schnelle Übertragung von wenigen Daten sowie eine effiziente Übertragung von großen Datenmengen bei gleichzeitiger Wahrung der Real-Time-Fähigkeit meistert. Zur Situation in der Prozessindustrie äußert sich Dr. Peter Wenzel.
Dr. Peter Wenzel, Geschäftsführer PROFIBUS Nutzerorganisation e.V: „Wir wollen eine nachhaltige Ethernet-Lösung.“ ( Bild: PNO )
? Herr Dr. Wenzel – Industrie 4.0 steht und fällt mit der Standardisierung von Schnittstellen. Welche Rolle spielt die PNO beim Setzen von Kommunikationsstandards in der Prozessindustrie?
Dr. Wenzel: PI (PROFIBUS und PROFINET International) e.V. setzt seit mehr als 30 Jahren Standards in der Feldbuskommunikation. Dabei geht es nicht allein darum, eine Technologie auf den Markt zu bringen, sondern eine Lösung zu etablieren, die gemeinsam von vielen Anwendern, Herstellern und Nutzerorganisationen getragen wird. Wir besitzen die Konsensfähigkeit und die Bereitschaft, immer wieder aktuelle Probleme aus der Industrie aufzugreifen und in ein funktionierendes Produkt umzusetzen. Diesen Weg gehen wir auch bei den aktuellen Aufgaben in der Prozessindustrie, u.a. bei der Etablierung von Ethernet im Feld und Ausrichtung auf den Mehrwert, der von Industrie 4.0 ausgeht.
? Warum eignet sich PROFINET als Lösungsplattform für die Kommunikation in der Prozessautomation?
Dr. Wenzel: PROFINET ist schnell, leistungsfähig, flexibel und offen. Aus gutem Grund hat sich daher PROFINET bereits als Backbone für Industrie 4.0-Anwendungen in der Fertigungsindustrie etabliert – wohlwissend, dass man heute noch nicht weiß, welche Aufgaben und Herausforderungen sich noch ergeben werden. Auch in der Prozessindustrie werden inzwischen die Chancen von Industrie 4.0 erkannt und diskutiert. Wir haben aber bereits lange vor diesen Diskussionen PROFINET für die besonderen Aufgaben der Prozessindustrie ertüchtigt. Dazu zählen Anforderungen an die Redundanz, Configuration in Run für den reibungslosen Gerätetausch im laufenden Betrieb, Zeitstempelung etc. Damit ist die technologische Basis gelegt, damit die Anwender der Prozessindustrie von den Vorteilen profitieren können.
? Die Prozessindustrie verhält sich gegenüber Neuerungen oft abwartend. Wie schaffen Sie hier Akzeptanz?
Dr. Wenzel: Von außen wirkt es vielleicht, als ob die Prozessindustrie zögerlich reagiert. Ich finde es verständlich, die Prozessindustrie will langfristige und nachhaltige Lösungen, darin ähnelt sie sich im Übrigen der PI. Generell funktionieren solche Technologieablösungen nur gemeinsam. Und wir arbeiten, wie man derzeit an FDI sehen kann, sehr gut mit den Anwendern zusammen. Bedingt durch die Diskussionen um modulare Anlagen, Industrie 4.0 etc hat die Namur das Thema Ethernet im Feld längst aufgenommen. In diesem Sinne haben wir, also die PI und die Namur, im Rahmen eines Symposiums gemeinsam den Einsatz von Ethernet in der Prozessindustrie erörtert. Ziel war es, Anforderungen an ein Ethernet-Kommunikationssystem für die Prozessautomatisierung zu bewerten, diese abzustimmen und zu priorisieren.
? Es zeichnet sich ab, dass OPC UA sich als Kommunikationsprotokoll für Industrie 4.0 durchsetzt. Wie ist der Stand der Integration in PROFINET?
Dr. Wenzel: PI und die OPC Foundation arbeiten bereits seit Jahren zusammen. Diese Zusammenarbeit wurde Ende 2015 intensiviert, um die Integration von OPC UA in die Systemarchitektur von PROFINET konsequent weiterzuführen. Heute zeichnet sich ab, dass die serviceorientierte Architektur von OPC UA (Unified Architecture) ein Baustein für die Entwicklung von Industrie 4.0 sein wird, insbesondere wenn es z.B. um die Kommunikation mit Geräten wie Bedienerstationen über der Controller-Ebene oder um Produktionsdaten von den Geräten zur Unternehmens-IT geht, vor allem in einer Umgebung mit unterschiedlichen Anbietern. Daher ergänzen sich PROFINET und OPC UA perfekt, da PROFINET offene Kommunikation auf Basis von TCP/IP ohne zusätzlichen Aufwand parallel erlaubt. Weitere Anforderungen und Lösungskonzepte werden derzeit in den Arbeitskreisen der PNO in Zusammenarbeit mit OPC-Experten erstellt.
? Erwarten Sie durch Industrie 4.0 langfristig die Ablösung von PROFIBUS durch PROFINET?
Dr. Wenzel: Der PNO kommt es primär darauf an, den technologischen Fortschritt mitzugestalten. Dies tun wir, indem wir das Thema Industrie 4.0 aktiv angenommen haben und Anforderungen mit den Anwendern abstimmen und in entsprechenden Arbeitskreisen umsetzen. Im Rahmen des natürlichen technologischen Fortschritts wird aber in fernerer Zukunft die Bedeutung von PROFIBUS abnehmen. Dies wird aber – wie immer in der Praxis – schrittweise erfolgen. Hierzu hat die PNO mit der Definition der Proxy-Technologie eine Lösung zur Verfügung gestellt, die es ermöglicht, PROFIBUS-Systeme auf längere Sicht in PROFINET-Systemen zu integrieren. Der Anwender entscheidet damit selbst, wann und in welchem Umfang er auf PROFINET setzt
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