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Veränderungsdruck in der Prozessautomatisierung

Adieu Monolith – Welche Rolle die Prozessleittechnik in der Zukunft spielt

| Autor: Gerd Kielburger

Dr. Jürgen Brandes, CEO der Siemens Division Process Industrie and Drives, auf die Frage, ob menschenleere Anlagen jemals Realität werden: „Menschenleere Anlagen sind für uns per se kein Kundennutzen. Kundennutzen sind Anlageneffizienz, Anlagenverfügbarkeit und Anlagenflexibilität.“
Dr. Jürgen Brandes, CEO der Siemens Division Process Industrie and Drives, auf die Frage, ob menschenleere Anlagen jemals Realität werden: „Menschenleere Anlagen sind für uns per se kein Kundennutzen. Kundennutzen sind Anlageneffizienz, Anlagenverfügbarkeit und Anlagenflexibilität.“ (Bild: Siemens)

Monolithische Strukturen in der Prozessautomatisierung sind schon bald passé. Auf diese Weise entsteht sogar mehr Wettbewerb, sagt Dr. Jürgen Brandes, CEO der Siemens Division Process Industries and Drives im Doppelinterview mit seinem Kollegen und CTO Dr.-Ing. Jörn Oprzynski. Welche Rolle spielt die Prozessleittechnik zukünftig noch? Was können Assistenzsysteme heute schon leisten und wird es einen autonomen Anlagenbetrieb wirklich geben? Das Exklusivinterview gibt Antworten.

Herr Dr. Brandes, welche zentrale Erkenntnis haben Sie von der Namur-Hauptsitzung 2017 mitgenommen?

Dr. Brandes: Für mich setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine Prozessindustrie auf offene Systeme setzt und monolithische Strukturen mehr und mehr infrage stellt. Deshalb hat mir der Vortrag „Open Architectures for the Digital World!“ von Exxon Mobile Manager Don Bartusiak, Jörn Oprzynski von Siemens und Michael Krauß von BASF am besten gefallen. Es scheint die Bereitschaft zu bestehen, dass die unterschiedlichen Architekturansätze wie modulare Automation, die Erweiterung der Automatisierungspyramide um einen parallelen Daten-Layer für Monitoring und Optimierung (NOA) sowie die von Exxon Mobil vorgeschlagene offene Automatisierungsarchitektur für die Prozessindustrie gemeinsam vorangetrieben werden können. Das geht in die richtige Richtung. Was mir noch fehlt, ist die Erkenntnis, dass diese Technologie gepaart sein sollte mit Engineering-Tools, die die damit entstehende und verbundene Komplexität alles miteinander kombinieren zu können, beherrschbar macht.

Eine wesentliche Botschaft des Sponsors GE Digital war, es braucht nicht noch mehr Automatisierung, stattdessen kann man mit Big-Data-Analysen viele Probleme lösen. Stimmen Sie dem zu?

Brandes: Ein Organismus braucht sicher nicht nur ein zentrales Gehirn, es braucht auch verteilte Intelligenz und Nervensysteme. Aber allein darauf zu setzen, dass sich dann alle Intelligenz in die Cloud verschiebt, wird so nicht funktionieren. Intelligenz wird es variabel verteilt in der Feldebene, in den Kommunikationskomponenten wie einem Edge Device und in der Cloud geben. Es wird – je nach Anwendung – frei verschiebbare Softwaremodule für alle verschiedenen Funktionalitäten geben. Dafür braucht es Engineering Tools, die einem sagen, welche Intelligenz an welcher Stelle am sinnvollsten eingesetzt werden kann. Es wird auch zukünftig eine Welt mit Hardware, Software und Engineering Tools geben.

Woran liegt es, dass die Namur die Engineering-Tool-Welt bisher nicht ausreichend beleuchtet?

Brandes: Weil wir uns noch in einem traditionellen Wertschöpfungssystem befinden. Die Tradition von großen Engineering-Abteilungen beim Owner/Operator war ja eine Zeitlang verpönt. Oftmals wird das Process-, Basic- und Detail-Engineering outgesourced und der Owner/Operator beschränkt sich auf das Betreiben der Prozessanlage. Wenn der EPC nur eine Papierdokumentation übergibt, dann verliert man einen potenziellen Wert. Denn die Dokumentation veraltet. Die Anlage wird umgebaut und nachgerüstet. Die Fähigkeit eine Dokumentation immer up to date zu halten ist auf klassischem Weg nicht zu erreichen. Dafür gibt es den digitalen Zwilling, mit dem die klassische Trennung der Wertschöpfungsstufen überwunden werden kann. Der Owner/Operator muss dann Engineering- und Planungskompetenzen über den gesamten Life-Cycle einer Prozessanlage bereitstellen, um die Dokumentation aktuell zu halten, auch wenn moderne Planungstools wie Comos dabei unterstützen.

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Entsteht aus der GE Namur-Sponsorship ein neuer, relevanter Marktbegleiter in der Prozess-IT?

Brandes: Wir unterschätzen grundsätzlich keinen unserer Marktbegleiter. Wir sind stolz auf unsere kooperative Verbindung mit der Namur und anderen Verbänden. Wir unterstützen offene Systeme, wo GE sicher auch mit einigen Systemen die Möglichkeit hat Wertschöpfung zu bieten. Wir glauben aber, dass es in der Chemiebranche und Prozessindustrie notwendig ist, dass man etwas von den verfahrenstechnischen Prozessen versteht und ein aktives Mitglied der Community ist. So wie wir oder auch viele unserer mittelständischen Marktbegleiter.

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Wow, das war aber eine politische Antwort. Ja oder nein?

Brandes: Wahrscheinlich schon. Wir unterschätzen GE nicht.

Oprzynski: Über die Vielzahl der Apps werden wir zukünftig selbstverständlich schon deswegen viele Marktbegleiter haben, weil Cloud Computing inzwischen ein allgemein verfügbares Produkt ist und auch unsere Kunden eigene Vorstellungen dazu haben. Auch wenn wir Mind Sphere propagieren, sprechen wir mit dem Kunden doch in erster Linie immer über seine spezifische Applikation – und das ist das wesentliche Unterscheidungskriterium.

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