Chemieparks in der Krise Trotz trockenem Sommer: Der Chemieregion steht das Wasser bis zum Hals

Von Dominik Stephan

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Die Chemieindustrie hat derzeit wenig zu lachen – nicht einmal in Köln. Einerseits soll die milliardenschwere Transformation gelingen, andererseits plagen die Branche altbekannte Sorgen. Und dann ist da noch die Gaskrise… Gehen in den Chemieparks die Lichter aus? Nicht, wenn es nach den Teilnehmern des 13. Chemieforums geht.

Mehr als 200 Besucher kamen beim 13. Chemcologne Chemieforum im Feierabendhaus des Chemiepark Knapsack zusammen, um sich über die aktuelle Lage der Branche und die derzeitigen Herausforderungen der Wirtschafts- und Energie-Krise auszutauschen. (Bild:  Chemcologne)
Mehr als 200 Besucher kamen beim 13. Chemcologne Chemieforum im Feierabendhaus des Chemiepark Knapsack zusammen, um sich über die aktuelle Lage der Branche und die derzeitigen Herausforderungen der Wirtschafts- und Energie-Krise auszutauschen.
(Bild: Chemcologne)

Die Chemie hat es wirklich nicht leicht: Verschärfte Klimaziele, die Forderung nach weitgehender Defossilierung, Lieferschwierigkeiten aufgrund maroder Brücken oder Niedrigwasser und dann auch noch die Gasmangellage - Die Branche steht mit dem Rücken zur Wand. „Energieintensive Unternehmen kommen an ihre Grenzen“, mahnt Yncoris-Geschäftsleiter Christoph Kappenhagen. Die Folge: Investitionen wandern ins Ausland, Standorte drosseln die Produktion und Branchenvertreter wie VCI-Geschäftsführer Wolfgang Große Entrup fürchten nicht ganz zu Unrecht, dass Deutschlands Industrie in Zukunft höchstens noch Museumsstück sei.

Da mutet es wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde an, wenn Kappenhagen beim Chemieforum 2022 in Köln davon spricht, man wolle „nach vorne schauen, nicht nach hinten“. Hinten, da liegen über ein Jahrhundert Industriegeschichte am Rhein. Vorne, da liegt – ja was genau? Darauf sucht die Industrie Antworten zwischen Abwanderung, Industriemuseum und alles halb so schlimm.

Wen wundert es da, dass auch das 13. Chemcologne-Chemieforum etwas von einem Freiluft-Pfeifkonzert im Forst hat. Mit dem Industriepark Knapsack ist der Veranstaltungsort der Kölner Chemieregion symbolisch gewählt: Zwischen einem Kohlekraftwerk der RWE, dem Gaskraftwerk eines norwegischen Betreibers und einer Wasserstofftankstelle will die Mutter der Industrien neue Wege beschreiten, eben auch auf dem Chemieforum.

So viel investiert die chemisch-pharmazeutische Industrie in Umweltschutz
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Daher bemühen sich die Veranstalter, neben etablierten Playern und Prozessen auch neue Technologien wie Wasserstoff, Wärmepumpe und PVC-Schwimmdächer für Lagertanks auf die Bühne zu bekommen – alles spannende Themen, aber lieber wäre der Branche verständlicherweise Energie – und natürlich Geld.

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

Das soll nicht zuletzt in Form von Förderungen vom Staat kommen, wünscht sich die Wirtschaft. Damit bliebe auf absehbare Zeit die deutsche Chemieindustrie bei Umsatz und Investitionsaktivität weiterhin mit Abstand die Nummer eins in Europa, betonte Dr. Thorsten Bug, Senior Manager Chemicals bei Germany Trade and Invest. Allerdings: Der Blick in die Zukunft sei trübe. Das zeigen auch jüngste Großinvestitionen, die aller Heimatverbundenheit zum Trotz eben doch im Ausland erfolgen.

„Das sind alles Projekte mit hohen Investitionskosten. Das geht nur mit Unterstützung. Das Thema Förderung treibt uns alle um“, betonte van Assche in seinem Vortrag über das Net Zero Accelerator-Projekt der BASF. Die Ludwigshafener arbeiten an allen Fronten an Alternativen Prozessen vom Windpark über Wasserstoff bis zum elektrischen Steamcracker. Ob diese Technologien allerdings wirklich ausgerechnet in Deutschland im großen Stil ausgerollt werden? Angesichts derzeitiger Investitionen des Chemieriesen ist das vielleicht mit einem kleinen bis mittelgroßem Fragezeichen versehen.

Niedrigwasser, Energiekrise und Co: Wo der Staat gefordert wird

Ebenfalls den Staat in der Pflicht sieht Lanxess-Vorstand Dr. Hubert Fink beim Thema Niedrigwasser im Rhein, einer der Hauptverkehrsadern der rheinischen Chemieunternehmen. Was waren das für Zeiten, in denen die Industrie am liebsten vom Staat in Ruhe gelassen wurde.

Jetzt schreit die Branche: Nach schnelleren Verfahren, Fördermitteln und natürlich nach Energie. Auch NRW-Verkehrs- und Umweltminister Verkehr Oliver Krischer meint „um die Chemieindustrie der Region klimaneutral zu machen, muss doppelt so viel Strom erzeugt werden.“ – Eine reichlich konservative Schätzung, sollen nicht nur die Energie- sondern auch die stofflichen Wertschöpfungsketen ohne Kohle, Gas und Naphtha auskommen.

Vom Wunderstoff Wasserstoff ist der Minister nicht im gleichen Maße begeistert: Das Gas sei ein Mittel, könne aber nicht die einzige Lösung sein. Die Argumente (Umwandlungsverluste, schwieriges Handling und Transportinfrastruktur) sind bekannt. Also direkt elektrifizieren mit erneuerbaren Energien und Grünstrom-Importen, meinen zumindest Teile der Politik. Auch die Prozesswärme, Energiefresser Nummer Eins, soll nach Willen der Politik (aber auch der Agora Energiewende) einen Stecker bekommen und dank Strom emissionsneutral werden.

Das Spiel mit dem schwarzen Peter

Wer bisher den Dauerbrenner, die Forderung nach beschleunigten Genehmigungsprozessen, vermisst hat, wurde nicht enttäuscht: „An der ein oder anderen Stelle müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden“, so Evonik-Vorstand Thomas Wessel. „Es steht auf dem Spiel, dass die Wertschöpfungsketten in Deutschland wegbrechen.“

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Krischer versprach, der Chemieindustrie und anderen produzierenden Branchen die Priorität bei den Genehmigungsverfahren einzuräumen. Um diese zu beschleunigen, seien zudem bereits 240 Personalstellen geschaffen worden – nicht in der Industrie, sondern in der Verwaltung, klar. In Bezug auf die Logistikengpässe prognostizierte der Minister allerdings keine zeitnahen Fortschritte und stellte klar: „Hier wird sich so schnell nichts ändern. Es wurde lange zu wenig investiert. Es ist schon schwer, den Status quo zu halten.“

Dann gibt Krischer den Schwarzen Peter an die freie Wirtschaft zurück, die ebenfalls Beiträge leisten müsse (alles andere würde in einer Marktwirtschaft auch verwundern) und etwa in die Modernisierung der Schiffsflotten investieren müsse – Also, Leinen los und in See stechen, auch wenn das Wasser der Branche bis zum Hals steht.

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