Energieeffizienz

So wird die Elektrolyse zum Joker im Energiemarkt

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Ökostrom macht Stromerzeugung weniger planbar

Eine Idee mit viel Charme und mehreren Gewinnern. Die Rechnung, die teuren Spitzenlastzeiten einfach zu vermeiden, geht mittlerweile nämlich nicht mehr auf. Die typischen Mittags- und Abendspitzen gibt es so nicht mehr. Die Ökostromeinspeisung hat das umgekehrt, Photovoltaikanlagen z.B. produzieren mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, am meisten Strom. Windenergieanlagen liefern Strom, wenn der Wind bläst. Stromerzeugung wird durch regenerative Energien weniger planbar. Als Folge sinkt die Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Strompreis und demzufolge auch der Anreiz, energiehungrige Anlagen in Spitzenlastzeiten vom Netz zu nehmen. „Wenn wir heute unsere Anlage ´runterfahren, verlieren wir Chlor. Das rechnet sich nur dann, wenn der Strompreis an der Börse höher ist als der Chlorwert. Aber das kommt kaum noch vor“, sagt Trennhaus.

EDC = Flexibilität

Deshalb kommt an dieser Stelle der Überlegungen eine historische Gegebenheit ins Spiel, für die Trennhaus ein wenig weiter ausholen muss. Am Standort Marl, erklärt er, gebe es ein Chlorlücke, das heißt, die Kapazität der Elektrolyse – immerhin 260 000 Tonnen im Jahr reiche nicht aus, um den Chlorhunger zur Produktion des wichtigsten Zwischenproduktes Ethylendichlorid (EDC) zu stillen. Deshalb gibt es am Hafen 7000 Tonnen fassende Lagertanks für EDC, um immer genügend davon in den PVC-Prozess einspeisen zu können. Genau um diese Chemikalie kreisen deshalb die Flexibilisierungsideen der Marler: Bei einem großen Stromangebot im Netz könnte die Elektrolyse mit Volldampf fahren und EDC fürs Lager herstellen. Bei geringem Stromangebot würden die Zellen gedrosselt und das eingelagerte EDC kann zur PVC-Produktion genutzt werden. Power-to-Chemicals also statt Power-to-Gas oder Pumpspeicherkraftwerke – auf diese griffige Formel kann man die Vorratsshaltung mittels EDC bringen. Wenngleich der Vergleich ein klein wenig hinkt, denn streng genommen wird EDC ja nicht in Energie zurückverwandelt, sondern die gewünschte Entlastung entsteht durch die flexible Fahrweise der Membranelektrolyse.

Doch gleichgültig welchen Namen das Kind erhält – der Vestolit-Ansatz befeuert in jedem Fall die Energiespeicherdebatte und bringt eine neue Idee in die Diskussion mit ein. ●

* Die Autorin ist Leitende Redakteurin der PROCESS.

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