Curevac-Impfstoffkandidat Rückschlag für Hoffnungsträger: Curevac-Impfstoff mit niedriger Wirksamkeit

Redakteur: Alexander Stark

Das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac war lange Zeit ein Hoffnungsträger bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Nun hat die Konkurrenz das Unternehmen nicht nur bei der Markteinführung geschlagen – auch die Wirksamkeit des Präparats reicht wohl nicht für eine EU-Zulassung aus. Welche Auswirkungen hat das auf die Impfkampagne in Deutschland?

Der Corona-Impfstoff von Curevac hat in Studien nur eine vergleichsweise geringe Wirkung aufweisen können. (Symbolbild)
Der Corona-Impfstoff von Curevac hat in Studien nur eine vergleichsweise geringe Wirkung aufweisen können. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Tübingen/Berlin (dpa) - Im Kampf gegen die Corona-Pandemie kann der Impfstoff des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac in absehbarer Zeit nicht helfen. Die Wirksamkeit des Impfstoffkandidaten fällt deutlich geringer aus als bei bereits zugelassenen Impfstoffen. Eine EU-Zulassung für das Präparat des Unternehmens, an dem auch der Bund beteiligt ist, ist somit erst einmal nicht absehbar.

Grund für die Enttäuschung ist eine Pflichtbörsenmitteilung von Curevac vom Mittwochabend. Darin gibt das Unternehmen, das mit dem Pharmakonzern Bayer kooperiert, bekannt, dass sein Impfstoff einer Zwischenanalyse zufolge eine vorläufige Wirksamkeit von 47 % gegen eine Covid-19-Erkrankung „jeglichen Schweregrades“ hat. Die vorgegebenen statistischen Erfolgskriterien seien nicht erfüllt. Bei den anderen in der EU zugelassenen Präparaten liegt der Wert deutlich höher.

Den vergleichsweise niedrigen Wert begründete das Unternehmen am Donnerstag mit neuen Virusvarianten. „Wir bekämpfen eigentlich ein anderes Virus“, sagte Vorstandschef Franz-Werner Haas. So sei der Wildtyp des Coronavirus bei der Zwischenanalyse in weniger als einem Prozent der Infektionsfälle nachgewiesen worden. Alle anderen Infektionen entfielen auf neuere Virusvarianten.

Der Curevac-Impfstoffkandidat CVnCoV ist schon seit Dezember in der finalen und zulassungsrelevanten 2b/3-Studienphase. Anfang Juni hieß es, das Unternehmen erwarte – abhängig von den klinischen Studiendaten – die Zulassung seines Impfstoffs in der EU bis Ende des Monats. Kurz darauf wurde bekannt, dass sich das Verfahren weiter verzögern werde. Bereits im Februar hat die EU-Arzneimittel-Agentur ein schnelles Prüfverfahren für den Impfstoff gestartet.

Die niedrige Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von Curevac ergibt sich laut dem Virenexperten Peter Kremsner daraus, dass das Vakzin nicht hoch genug dosiert werden konnte. Das wiederum habe daran gelegen, dass die einzelnen Bestandteile nicht chemisch modifiziert worden seien, sagte der Leiter der Impfstoff-Studie des Tübinger Biotech-Unternehmens dem SWR am Donnerstag. Eigentlich sei dies immer als Vorteil gepriesen worden, wahrscheinlich sei das jetzt der Hauptnachteil: „Das heißt, wir konnten nicht hoch genug dosieren wie das die anderen gemacht haben.“ Die anderen Impfstoffhersteller hätten 30 und 100 Mikrogramm verabreicht. „Mit der Curevac-Impfung konnten wir nur 12 Mikrogramm geben. Dann wurde es zu unverträglich, wenn man weiter höher dosiert hat.“

Bayer will weiter mit Curevac kooperieren

Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer setzt seine Kooperation mit Curevac trotz des Rückschlags bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes fort. Das Tübinger Biotechnologieunternehmen hatte zuvor eingeräumt, dass der eigene Impfstoffkandidat CVnCoV in einer Zwischenanalyse nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 % gegen eine Covid-19-Erkrankung erzielt habe. Die Studie wird allerdings fortgesetzt. „Mit der Fortführung der Studie wird auch unsere Unterstützung fortgesetzt, während wir die Situation genauer bewerten“, sagte ein Bayer-Sprecher der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX.

Die beiden Unternehmen schlossen Anfang des Jahres einen Kooperations- und Servicevertrag. Bayer unterstützt Curevac mit Leistungen im Bereich Entwicklung und Logistik. Eigentlich will Bayer ab Dezember soweit sein, den Impfstoff in Wuppertal produzieren zu können. 2022 sind dann 160 Millionen Impfdosen geplant.

Auswirkungen auf Impfkampagne

Das Curevac-Präparat ist Teil der EU-Impfstoffstrategie, über die auch Deutschland seine Dosen bezieht. Die Bundesregierung sieht die deutsche Impfkampagne dennoch nicht gefährdet. „Eine Auswirkung auf das Tempo unserer Impfkampagne hat diese Mitteilung nicht“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Donnerstag. Auch die EU-Kommission geht weiter davon aus, dass bis Ende Juli genügend Impfdosen geliefert werden könnten, um den EU-Staaten die Impfung von 70 % ihrer erwachsenen Bevölkerung zu ermöglichen, wie ein Sprecher sagte.

Das Gesundheitsministerium rechnet derzeit nicht mehr mit Lieferungen von Curevac, wie aus einer Lieferübersicht im Internet hervorgeht. Ursprünglich hatte der Bund allerdings auch diesen Impfstoff eingeplant. Nach Lieferprognosen vom März erwartete das Gesundheitsressort für das gesamte Jahr 323,7 Millionen Impfdosen – 24,5 Millionen davon sollten von Curevac kommen.

Der Rückschlag beim Markteinstieg eines Corona-Impfstoffs des Unternehmens Curevac wird auch nach Ansicht des das Impfversprechen der Regierung, bis Ende des Sommers allen Erwachsenen ein Impfangebot zu machen, nicht gefährden. „Wir werden die Herdenimmunität Mitte September erreichen“, sagte Lauterbach am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“. Er verwies auf die stabilen Lieferungen anderer Hersteller und die niedrigen Reproduktionswerte für das Virus im Sommer. Mitte, spätestens Ende September dürften alle Erwachsenen, die dies wollen, vollständig geimpft sein. Das seien schätzungsweise 80 %. Die Kinder fehlten allerdings.

Absturz des Börsenkurses

Der Börsenwert von Curevac stürzte am Donnerstag massiv ab. Der Anteilsschein notierte am Mittag im Xetra-Handel bei rund 43 Euro, das ist ein Minus von 40 %. Im Tagestief war es sogar um mehr als 50 % auf gut 39 Euro abwärts gegangen, womit ein Rekordtief nur knapp vermieden wurde. Im Herbst vergangenen Jahres hatten Spekulationen um den Impfstoff von Curevac den Aktienkurs der Tübinger binnen fünf Wochen von gut 40 auf mehr als 120 Euro nach oben schießen lassen. Etwa zu dieser Zeit hatte Curevac die Zulassung in der EU und in Lateinamerika ins Auge gefasst – aus der bisher aber nichts wurde.

Während der ersten Corona-Infektionswelle 2020 wurde Curevac zu einem so großen Hoffnungsträger, dass sich der deutsche Staat im Rahmen einer Finanzierungsrunde über die Förderbank KfW mit 300 Millionen Euro am Unternehmen beteiligte – wohl auch deshalb, um Fremdzugriffe auf das Know-How zu verhindern. Medienberichten zufolge hatten die USA unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump zuvor versucht, sich exklusiv die Rechte an einem Impfstoff gegen das Coronavirus von Curevac zu sichern.

Später erhielt Curevac für die Forschung an einem Corona-Impfstoff noch eine Finanzspritze des Bundes von 252 Millionen Euro. Zuletzt war der Bund noch mit rund 16 % an den Tübingern beteiligt. Zudem verschaffte sich Curevac 2020 über einen Börsengang in New York sowie mehrmals über Kapitalerhöhungen frisches Geld. Das Unternehmen vereinbarte eine Partnerschaft mit dem Leverkusener Pharmakonzern Bayer. Wacker Chemie hat eine Vereinbarung mit Curevac für eine Auftragsproduktion des Impfstoffes.

Historisch noch enger verzahnt ist Curevac allerdings mit dem SAP-Mitgründer und Investor Dietmar Hopp, der nach wie vor mit rund 47 % größter Aktionär des Unternehmens ist. Hopp investiert seit Jahren privat im Bereich von Biotechnologieunternehmen.

Kritik an Beteiligung des Bundes

Von mehreren Seiten kam Kritik an der Beteiligung des Bundes. Der FDP-Wirtschaftspolitiker Reinhard Houben erklärte, der Einstieg sei „ein Indiz für die verfehlte Beteiligungspolitik von Wirtschaftsminister Altmaier“. Unternehmenserfolg entstehe auf dem Markt, nicht durch den Staat. Der Bund habe nie glaubhaft erklären können, warum es notwendig gewesen sei, Anteile von Curevac zu kaufen. „Jetzt ist es höchste Zeit, dass die Bundesregierung ihre Beteiligung an Curevac verkauft und das Geld in zugelassenen Impfstoff investiert“, forderte Houben.

Auch der Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Achim Wambach, übte Kritik. „Zur Beschleunigung der Impfstoffentwicklung hätten andere Instrumente zur Verfügung gestanden, wie sie bei Biontech/Pfizer oder Astrazeneca verwendet wurden“, sagte er der „Rheinischen Post“. Die öffentliche Hand solle sich nicht aus Spekulationsgründen an Unternehmen beteiligen, sondern um diesen in einer Krise beizustehen oder sie bei Forschung und Entwicklung zu unterstützen.

Faire Impfstoffverteilung gefährdet

Das Präparat von Curevac ist auch ein Kandidat der internationalen Impfstoffallianz CEPI, einer Zusammenarbeit zwischen Weltgesundheitsorganisation (WHO), Regierungen, Stiftungen und Forschungseinrichtungen. Ein vereinbartes CEPI-Budget zur Forschung und Entwicklung von Curevac betrug 15,3 Millionen Dollar. Zur Vereinbarung gehörte auch, dass Curevac dem solidarischen Impfprogramm Covax einen Teil seiner Produktion verkauft und nicht nur bilaterale Verträge schließt. Covax soll vor allem die faire Verteilung der Corona-Impfstoffe in aller Welt gewährleisten. CEPI reagierte am Donnerstag enttäuscht auf die Nachrichten aus Tübingen. „Das zeigt, was für eine Herausforderung die Entwicklung eines Impfstoffs sein kann.“ Die Pandemie sei längst nicht vorbei. Es sei wichtig, die Forschung weiter zu fördern, um dem Virus und möglichen Varianten immer einen Schritt voraus zu sein. Auch der SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach sagte dazu: „Das ist in der Tat eine Tragödie“.

Wenig Hoffnung auf bessere Wirksamkeit?

Curevac will in den nächsten zwei bis drei Wochen die finale Analyse von mehr als 200 Infektionen abschließen. „Die endgültige Wirksamkeit könnte sich noch verändern“, teilte Haas mit. Ein Sprecher des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) dämpfte die Erwartungen an eine deutliche Zunahme der Wirksamkeit jedoch. Die Effizienz eines Impfstoffes könne nach der Zwischenauswertung bis zur finalen Zulassung noch um wenige Prozent steigen. „Eine enorme Zunahme ist aber nicht zu erwarten.“

Hoffnung setzt der Sprecher nun vor allem auf die zweite Generation des Curevac-Impfstoffkandidaten. Diese verfüge über eine grundlegende Veränderung im Aufbau des Präparats. Sollte sich dieser Impfstoff bewähren, wäre Curevac bei der künftigen Impfstoffversorgung sicher dabei, so der Sprecher.

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