Exklusiv-Interview: Wasser und Abwasser 4.0

Prof. Paul Uwe Thamsen über aktuelle und zu erwartende Entwicklungen in der Wasserwirtschaft

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PROCESS: Wo sehen Sie Forschungs- und Entwicklungsbedarf?

Thamsen: Die gute Nachricht ist: Es bestehen bereits beste Voraussetzung aus der IT-Technologie und Automatisierung, um die Digitalisierung in der Wasser- und Abwasserwirtschaft voranzutreiben. Auch sind bereits viele mechatronische Elemente aus der Automatisierung vorhanden, die im Rahmen einer intelligenten Netzwerksteuerung weiter genutzt werden können. Die verschiedenen Bausteine müssen jedoch noch weiter entwickelt und besser vernetzt werden.

Wesentlichen Forschungs- und Entwicklungsbedarf sehe ich auch in der Kombination der verschiedenen Kompetenzen. Hier gilt es vor allem, die vorhandenen IT-Technologien für Daten- und Internetstrukturen mit dem Wissen über Prozesse und Maschinen im Sinne des Internet der Dinge zusammenzubringen. Weiterhin müssen mathematische Optimierungen angewendet werden, um die beste Entscheidung im Sinne der Aufgabe zu treffen. Hier müssen fachspezifische Grenzen überschritten werden, um neue interdisziplinäre Lösungen aus den verschiedenen Kompetenzen aufzubauen. Aus der Kombination der verschiedenen Kompetenzen werden sich dann quasi automatisch neue Ansätze zu Projekten und innovativen Lösungsansätze ergeben.

Im Detail fehlen aktuell auch noch zahlreiche handhabbare Online-Sensoren zur Beschreibung der Situation des Wassers oder Abwassers, um entsprechende Daten und Informationen zur Simulation zu bekommen. Auch fehlen geeignete mechatronische Aktuatoren, um auf das komplexe Wasser- oder Abwassersystem einzuwirken. Für die anschließende Vernetzung der Informationen und Handlungen müssen dann entsprechende Pilotprojekte die entsprechenden Erfahrungen in diesem Feld aufbauen. Hier bestehen offensichtlich zahlreiche Aufgaben für entsprechende interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsteams.

„Herauszuheben sind Projekte zur Diagnose von Störungen mit anschließender aktiver Reaktion“

PROCESS: Wurden dazu schon konkret Projekte aufgesetzt?

Thamsen: Ja, unser Fachgebiet arbeitet bereits seit über zehn Jahren sehr konkret an zahlreichen Projekten zur Verbesserung des Wasser- und Abwassersystems von Berlin, nachvollziehbar ein komplexes System. Es werden etwa vier Millionen Einwohner betreut und täglich etwa 600 000 m3 Wasser und Abwasser von mehr als hundert Pumpstationen und mehrere tausend Kilometer Kanal- und Rohrnetzwerk gepumpt. Herauszuheben sind unsere Projekte „Okadar“ und „Imeba“ zur Diagnose von Störungen mit anschließender aktiver Reaktion zu deren Beseitigung. Hierzu betreiben wir eine gesamte Labor-Pumpstation in unserem Versuchsfeld, die mit einer realen Automatisierung ausgerüstet und über das Internet erreichbar ist. Hier können gezielt Störungen simuliert und deren Wirkmechanismen studiert werden, um geeignete Sensorik und Aktuatorik zur Erkennung und Beseitigung zu entwickeln. Hier konnten wir bereits eine quasi intelligente Störungserkennung mit selbstständiger Beseitigung erfolgreich in die Praxis umsetzen.

Weitere wichtige Impulse zu dem Thema kommen aus der umfangreichen BMBF-Fördermaßnahme „Intelligente und multifunktionelle Infrastruktursysteme für eine zukunftsfähige Wasserversorgung und Abwasserentsorgung“ (INIS), die sich aktuell auf der Zielgeraden befindet und deren Ergebnisse im April auf einer Abschlusskonferenz in Berlin dargestellt wurden. In unserem Projekt „Kuras“ werden neuartige Maßnahmen zur Regenwasserbewirtschaftung und Abwasserförderung simuliert und erprobt, die sich aus den Herausforderungen des Klimawandels und der zukünftigen Stadtentwicklung ergeben.

Ist die Wasser- und Abwasserwirtschaft eher konservativ, wenn es um Wasser und Abwasser 4.0 geht? Die Antwort von Prof. Thamsen fällt deutlich aus. Mehr auf der nächsten Seite.

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