Fachpack-Trendbericht Nachhaltige Verpackung – Anspruch und Wirklichkeit

Autor: M.A. Manja Wühr

Seit Juli sind bestimmte Einwegprodukte aus Plastik in der EU verboten – zum Beispiel der Strohhalm. Ziel ist es, den Weg für eine Kreislaufwirtschaft zu ebnen. Eine Herausforderung, der sich auch Lebensmittelverpackungen stellen müssen. Was fordern Gesetzgeber? Was leistet die Branche schon heute? Und wo fehlt es an Lösungen? Wir werfen im Vorfeld der Fachpack einen Blick auf den Markt.

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Verbraucher, Gesetzgeber und Lebensmittelindustrie haben hohe Ansprüche an Lebensmittelverpackungen: Smart, nachhaltig und effizient soll sie sein. Auf der diesjährigen Fachpack präsentieren Hersteller die neusten Entwicklungen.
Verbraucher, Gesetzgeber und Lebensmittelindustrie haben hohe Ansprüche an Lebensmittelverpackungen: Smart, nachhaltig und effizient soll sie sein. Auf der diesjährigen Fachpack präsentieren Hersteller die neusten Entwicklungen.
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Sie liegen im Wald, am Strand und auch auf Straßen und Wegen – Plastikverpackungen. Und genau da gehören sie nicht hin. Da sind sich alle einig. Und so ringen Verbraucher, Industrie und Gesetzgeber um die besten Wege, deren Design, Produktion und Verwendung nachhaltig zu machen. Ob Mehrweg vor Einweg, Biokunststoffe oder Recyclingquoten –im wesentlichen folgen alle Ansätze den Prinzipien von Minimieren, Wiederverwenden und Wiederverwerten. Das spiegelt auch der „Fachpack Trendradar 2021“ wieder: Verpackungsexperten – von Packmitteln über Veredlung bis hin zu Verpackungsmaschinen – bewerteten auf einer Skala von 1 bis 5 aktuelle Trends in Hinblick auf ihre Attraktivität und ihr Veränderungspotenzial. Der Kreislaufwirtschaft schreibt die Branche mit einer Wertung von 4,21 das größte Veränderungspotenzial zu. Die ressourcenschonende Verpackung (4,48) wiederum ist für sie besonders attraktiv. Damit rücken Nachhaltigkeit bei Verpackungsmaterialien und Verpackungsdesign also verstärkt in den Fokus.

Eine Frage des Materials

Die Kreislaufwirtschaft ist zentraler Bestandteil des europäischen Green Deals. 2020 hat die Europäische Kommission dies bekräftigt und einen neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft angenommen. Ausgewählte und ressourcenintensive Branchen sollen ihre Produkte so gestalten und produzieren, dass die genutzten Ressourcen so lange wie möglich im Wirtschaftskreislauf der EU verbleiben. Verpackungen sollen beispielsweise wiederverwendbar und recyclingfähig werden. Kunststoffen wiederum will die Kommission verbindlich mehr Rezyklatanteil beigeben. Zudem wird sie Regeln für die Beschaffung, Kennzeichnung und Verwendung Biokunststoffe festlegen.

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Die Verpackungsbranche setzt zum Teil ähnliche Schwerpunkte: Vor allem der Einsatz von Monomaterialien für eine bessere Trennbarkeit (4,44) und eine Erhöhung des Rezyklateinsatzes (4,38) erscheinen sehr attraktiv. Biokunststoffe wie Polylactid (PLA) spielt für die Branche kaum eine Rolle. Das liegt laut Studie daran, dass es zwar aus nachwachsenden Rohstoffen und kompostierbar ist, aber hauptsächlich zu Einwegprodukten verarbeitet wird. Das entspreche nicht dem Geist der Kreislaufwirtschaft. Vor allem die Frage wie die Rohstoffe wieder in den Kreislauf gelangen, ist aktuell ungelöst und damit für die Industrie nicht attraktiv.

Rezyklate: nachgefragt, teuer, begrenzt verfügbar

„Spätestens bis 2045, dem Jahr in dem Deutschland klimaneutral sein will, müssen Kunststoffe komplett aus Rezyklaten und anderen erneuerbaren Rohstoffen hergestellt werden“, erläutert Dr. Isabell Schmid, Geschäftsführerin der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) die Zukunftsvision der Branche. Und auch der Gesetzgeber macht hier Druck: Ab 2025 schreibt das Verpackungsgesetz vor, dass PET-Einwegkunststoffgetränkeflaschen zu jeweils mindestens 25 Prozent aus Rezyklaten bestehen müssen. Ab 2030 dann sämtliche Einwegkunststoffgetränkeflaschen zu jeweils mindestens 30 Prozent.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Aktuell sind erdölbasierte Virgin-Kunststoffe noch deutlich günstiger als Rezyklate vergleichbarer Qualität. Hier müsste die Politik Anreize schaffen – etwa über die CO2-Bepreisung. Ein weiteres Hemmnis: Es gibt – mal abgesehen vom recycelten PET – im Augenblick nur begrenzt geeignete Rezyklate am Markt. Der „Fachpack Trendradar 2021“ zitiert Bernd Büsing, Leiter Verpackungen bei der Nestlé Deutschland: „Rezyklate im Bereich Polyethylen und Polypropylen, die lebensmitteltauglich sind, sind heute nur sehr begrenzt verfügbar.“

Rezyklate im Bereich Polyethylen und Polypropylen, die lebensmitteltauglich sind, sind heute nur sehr begrenzt verfügbar.

Bernd Büsing, Leiter Verpackungen bei der Nestlé Deutschland

Die IK nennt als Grund dafür, dass das Kunststoffrecycling in der Vergangenheit von der Erfüllung der gesetzlichen Recyclingquoten getrieben wäre, nicht vom Rohstoffbedarf der Verpackungsindustrie. Deshalb hätten in den letzten Jahrzehnten kaum Investitionen in die Produktion hochreiner Qualitäten für den Lebensmittelkontakt stattgefunden.

Trotz aller Schwierigkeiten gibt es auch erste Erfolge: Kürzlich gab das Schweizer Molkereiunternehmen Emmi bekannt, dass es seinen Caffè Latte in Trinkbecher aus chemisch recyceltem Polypropylen abfüllt. Greiner Packaging produziert diese Becher und bezieht das chemisch recycelte Material von Borealis. Der große Vorteil von chemisch recyceltem Polypropylen: Es hat den gleichen Reinheitswert wie fossiles PP und eignet sich daher für Lebensmittelverpackungen. Das Schweizer Molkereiunternehmen verfolgt hohe Ziele: Es will alle seine Verpackungen zu 100 Prozent recyclingfähig machen. Zudem sollen seine Verpackungen bis 2027 einen Rezyklatanteil von 30 Prozent haben.

Monomaterialien

Soll der Anteil an Rezyklaten steigen, müssen diese in ausreichenden Mengen und Qualitäten vorliegen. Recylingfähigkeit von Kunststoffverpackungen wird damit zur dringlichen Aufgabe. Als wichtigsten Lösungsansatz benennt der „Fachpack Trendradar 2021“ den Einsatz von Monomateriallien. Das gelte insbesondere für Einwegverpackungen. Sie müssten so gestaltet werden, dass sie sortenrein trennbar sind. Die Studie sieht auch schon erste Erfolge: So umfüllt die Rügenwalder Mühle einige ihrer veganen Produkte mit transparentem Polypropylen (PP). Das Monomaterial lässt sich sortenrein aus dem Wertstoffstrom ziehen und werkstofflich verwerten. Lediglich das Papieretikett kann nicht wiederverwertet werden. Unterstützung bei der Entwicklung der neuen Verpackung leistete der Grüne Punkt.

Für einige Anwendung gibt es noch keine Lösungen aus Monomaterial am Markt – etwa für Tiefziehverpackungen. Die Anforderungen an diese Folien sind so hoch, dass bislang nur Verbundmaterialien diese erfüllen können. Südpack hat immerhin mit Pure Line eine Verbundfolie entwickelt, die aus Polypropylen (PP) und einer peelfähigen PP-basierten Oberfolie besteht. Dieser Ansatz soll die Reycyclingfähigkeit der Verbundfolie verbessern.

Das Design entscheidet

Die beste Verpackung ist jene, die man nicht braucht. So lässt sich Absatz 3.3. des Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft übersetzen. Hier kündigt die Europäische Kommission an, Zielvorgaben und andere Maßnahmen festzulegen, um übertrieben aufwendige Verpackungen zu reduzieren. Die zentrale Bedeutung ressourcenschonender Verpackungen hat auch die Verpackungsindustrie erkannt. Mit 4,48 Punkten im „Fachpack Trendradar 2021“ ist es für die Vertreter der Branche der attraktivste Trend. Treiber dieser Entwicklung sind nicht etwa Einsparungen bei den Materialkosten. Es ist der Verbraucher. Immer mehr Verbraucher verknüpfen ihre Verantwortung an ihre Kaufentscheidungen. Wem also Umweltschutz wichtig ist, will Marken, die „nachhaltig und transparent“ sind und mit „den Grundwerten ihrer Kunden übereinstimmen“, so der Trendradar.

Neben funktionalen Aspekten spielt also der Ressourceneinsatz eine entscheidende Rollen im Verpackungsdesign. Häufiges Hemmnis beim Recyceln: Die einzelnen Materialien haften noch aneinander. Im Recyclingprozess können diese nicht mehr getrennt werden und stehen damit nicht für eine Wiederverwertung zur Verfügung. Ziel nachhaltiger Verpackungen muss es also sein, dass Verbraucher die einzelnen Bestandteile leicht und rückstandsfrei trennen können.

Ziel nachhaltiger Verpackungen muss es also sein, dass Verbraucher die einzelnen Bestandteile leicht und rückstandsfrei trennen können.

Der Verpackungsspezialist Multivac beispielsweise unterstützt Lebensmittelproduzenten mit einer Vielzahl von Ansätzen: Material lässt sich einsparen, indem man etwa die „Verpackungsgröße an das Inhaltsvolumen“ anpasst und unnötige Volumina vermeidet. Multivac weist darauf hin, dass dieser Ansatz von Verpackungsmaschinen eine hohe Flexibilität bei Formatwechseln erfordert. Tauscht man Hartfolien-Verpackungen gegen Vakuum- oder Faltverpackungen lässt sich der Materialeinsatz deutlich reduzieren. Auch bei der Sekundärverpackung können Lebensmittelhersteller sparen – etwa durch den Ersatz mit Rundumetiketten.

Trennen, Sortieren und Recyceln

Damit Kreislaufwirtschaft gelingen kann, müssen alle Beteiligten entlang der Wertschöpfung einbezogen werden. Indem Maße wie Verpackungen immer recyclingfähiger werden, müssen Verfahren und Infrastruktur zum Sammeln, Sortieren und Recyceln ausgebaut werden. „Recycling funktioniert dort aber am besten, wo Kunststoffabfälle getrennt gesammelt werden – das sehen wir am besten bei der Pfandsammlung von PET-Getränkeflaschen“, weiß IK-Geschäftsführerin Schmidt. Das System ist richtungsweisend: „Hier werden Rezyklate produziert, die sogar den strengen gesetzlichen Anforderungen im Lebensmittelkontakt gerecht werden. Um den zukünftigen Rohstoffbedarf der Kunststoff verarbeitenden Industrie zu decken, muss die Politik darauf hinwirken, dass die getrennte Sammlung in ganz Europa deutlich verbessert und die Deponierung von Kunststoffabfällen gänzlich verboten wird“, fordert Schmidt.

Um die Sortierfähigkeit von Verpackungen zu verbessern, diskutiert die Branche aktuell den Einsatz von digitalen Wasserzeichen. Diese für den Verbraucher unsichtbaren Codes auf den Verpackungen lassen sich von Sortieranlagen auslesen – zum Beispiel Informationen zum Material oder dem verpackten Produkt. So kann die Verpackung den entsprechenden Staoffströmen zugeordnet werden. Dieser Ansatz wird im Projekt „HolyGrail 2.0“ erprobt. Neben Konsumgüter- und Lebensmittelproduzenten sind auch Materialhersteller wie BASF und Borealis sowie Verpackungsspezialisten wie Bosch und Greiner Packaging beteiligt. Erste Versuche laufen bereits: Procter & Gamble setzt digitale Wasserzeichen bei elf Varianten von Lenor Unstoppables in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein. Zudem entwickelt Greiner Packaging in enger Zusammenarbeit mit den Digital Watermark Spezialisten Digimarc und Filigrade Dekorationen für K3-Becher, die aus einer Karton-Kunststoff-Kombination bestehen. In diesen Bemusterungsprojekten müssen sich nun die Technologien für digitale Wasserzeichen beweisen.

Fazit: Um die Stoffkreisläufe für Kunststoffverpackungen zu schließen, müssen innovative Lösungen entwickelt werden, die auf deren kompletten Lebenszyklus abgestimmt sind. Das geht nicht im allein. Das braucht Partnerschaften und Kooperation. Und wo lässt sich besser netzwerken als auf Messen. Also auf nach Nürnberg, auf zur Fachpack.

Ergänzendes zum Thema
Auf einen Blick
Daten & Fakten zur Fachpack 2021

Leitthema: Umweltgerechtes Verpacken

Ausstellungsschwerpunkte:
Packstoffe und Packmittel
Packhilfsmittel
Verpackungsmaschinen und Abfüllmaschinen
Etikettier-, Kennzeichnungs- und Identifikationstechnik
Maschinen, Geräte und Komponenten in der Verpackungsperipherie
Verpackungsdruck und -veredelung
Palettiertechnik
Intralogistik
Services

Foren: Packbox und Techbox

Ausstellerforum: Innovationbox

Sustainable Packaging Summit: Plattform für praxisbezogene Diskussionen rund um das Thema Nachhaltigkeit in der Verpackung sowie die Verleihung der Sustainability Awards

Sonderschau: „Nachhaltiges Verpacken“

Pavillon: „Etiketten und mehr“

Veranstaltungstermin: 28. bis 30. September 2021

Veranstaltungsort: Messezentrum Nürnberg

Preise:
Tageskarte: 50 Euro
Dauerkarte: 55 Euro

Zutritt: nur für Geimpfte, Getestete oder Genesene

* Die Autorin arbeitet als Fachredakteurin „Management“ für die Vogel Communications Group.

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Über den Autor

M.A. Manja Wühr

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Redakteurin