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Exklusiv-Interview mit VTU-Geschäftsführer Wolfram Gstrein Balanceakt zwischen Schnelligkeit und Qualität

| Redakteur: Anke Geipel-Kern

Pharmaunternehmen streichen schon seit Jahren Stellen im Engineering- und Projektmanagement. Trotzdem werden die Projektlaufzeiten immer sportlicher. Gute Zeiten also für Planungsunternehmen, die hier in die Bresche springen müssen. Für Wolfram Gstrein, den Deutschland-Geschäftsführer von VTU ist Schnelligkeit und hohe Qualität der größte Trumpf für ein Planungsunternehmen.

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Wolfram Gstrein, Geschäftsführer beim Engineeringspezialisten VTU
Wolfram Gstrein, Geschäftsführer beim Engineeringspezialisten VTU
(Bild: VTU)

Herr Gstrein, auch in Zeiten schwächelnder Konjunktur bleibt die Pharma- und hier speziell die Biotechbranche ein Wachstumsmarkt. Wie profitiert der VTU-Geschäftsbereich Pharma-/Biotechanlagen von diesem Wachstum?

Gstrein: Prinzipiell profitiert das Geschäftsfeld Pharma-/Biotechanlagen vom stabilen Investitionsverhalten der Biotechbranche. Man darf aber nicht vergessen, dass auch andere Ingenieurunternehmen und Systemlieferanten die Zeichen der Zeit erkennen und verstärkt auf Biotechanlagen setzen. Damit erhöht sich der Wettbewerbsdruck.

Wie haben sich die Anforderungen des Marktes in den letzten 25 Jahren verändert?

Gstrein: „One Face to the Customer“ wird immer mehr nachgefragt, nicht nur bei großen, sondern auch bei mittleren und kleinen Projekten. Der Anteil an Generalplanungsprojekten im kundennahen Geschäft, ist sehr stark gestiegen in den letzten Jahren. Früher hat der Kunde unterschiedliche Unternehmen für separate Leistungen beauftragt und die Schnittstellen selbst koordiniert. Diese Schnittstelle ist nun auf eine einzige reduziert – der Ingenieurdienstleister fasst alle notwendigen Gewerke zusammen und integriert nach Bedarf auch Anlagenlieferungen in seinen Leistungsumfang. Der Trend geht also ganz klar in Richtung Systemlieferung. Der Druck, die Projektlaufzeit so kurz wie möglich zu halten, ist deutlich größer geworden. Schnelligkeit ist hier der große Trumpf. Gleichzeitig erwarten die Kunden eine hervorragende Qualität und ein hohes Level an Transparenz und Nachvollziehbarkeit der erstellten Unterlagen und Modelle, um die Anlage bestmöglich nutzen zu können, wenn sie dann in Betrieb ist.

Kontraktoren werden immer gefragter

Was bedeutet das für VTU als Planungsunternehmen?

Gstrein: Die Engineering- und Projektmanagementkapazität der Kunden ist zurückgegangen, d. h. es wird mehr auf die Kontraktorseite ausgelagert. Konkret kann das bedeuten, dass das kundenseitige Projektmanagement durch ein Projektmanagement-Unternehmen übernommen wird, das seinerseits die Engineeringkontraktoren koordiniert.

Fast Track ist also mittlerweile Normalität bei Projekten.

Gstrein: Der Trend wird durch den Wettbewerb der Pharmafirmen untereinander hervorgerufen. Je früher ihre neuen Produkte auf dem Markt sind, desto größer bleibt ihr Marktanteil.

Mehr Druck also für die Planungsunternehmen.

Gstrein: Teils, teils, unser Leistungsumfang – die Anlagenplanung – macht nur einen kleinen Teil im Produktlebenszyklus des Kunden aus. Dieser muss den Wirkstoff entwickeln, testen, bis zur Zulassung durch die klinischen Phasen bringen, dann produzieren und irgendwann die Anlage stilllegen, umwidmen oder abwracken. Für den Kunden liegt die große Herausforderung darin, möglichst früh die vielversprechendsten Wirkstoffe zu identifizieren und nur diese weiterzuentwickeln.

Wir als Planungsunternehmen fokussieren uns auf unseren Leistungsanteil und entwickeln Methoden, um Anlagen-Projekte schneller mit gleichbleibender Qualität abwickeln zu können.

Welchen Einfluss hat das auf die Struktur der Projekte?

Gstrein: Die einzelnen Projektphasen (CD/BD/DD/CM) werden stärker ineinander verschoben, d. h die Anforderungen an Projektmanagement, Organisation, Koordination, Kommunikation und Dokumentation steigen deutlich. Dabei spielt das Change Management, also der Umgang mit Änderungen an den Anlagenanforderungen eine immer größere Rolle für den Projekterfolg. Der Grund liegt darin, dass mehrere Firmen gleichzeitig in unterschiedlichen Planungs- und Ausführungsständen der einzelnen Teilanlagen aktiv sind und dadurch jede Änderung komplexe Auswirkungen auf andere Gewerke haben kann, die beherrscht werden müssen. Es muss sichergestellt sein, dass jeder Planer zu jedem Zeitpunkt am aktuellen Planungsstand arbeitet.

Schnelle und kompetente Entscheidungen

Neue Methoden zur Projektabwicklung sind also gefragt. Wie reagieren Sie darauf?

Gstrein: Das lässt sich nicht so pauschal beantworten, weil ein sehr wichtiger Faktor miteinbezogen werden muss – nämlich der Kunde sowie dessen Organisation und seine Herangehensweise an das Projekt. Der ideale Kunde geht strukturiert mit klar definierten Rahmenbedingungen an das Projekt heran, trifft seine Entscheidungen schnell und kompetent und hat realistische Vorstellungen von dem, was möglich ist. Außerdem sollte er die richtigen Leute zur Verfügung haben und sie einsetzen sowie alle Projektteammitglieder motivieren.

Auf dieser Basis können wir dann, ausgehend von den unterschiedlichen Rahmenbedingungen, einen idealen Projektstruktur- und Abwicklungsplan erstellen. Dieser beinhaltet etwa Verfahrensschritte, behördliche Vorgaben und bauliche Rahmenbedingungen. Ausgehend von der Inbetriebnahmestrategie können dann die Vergabe- und die Abwicklungsstrategie, individuell auf das Projekt zugeschnitten werden.

Der Projektmanager ist eine zentrale Führungs- und Identifikationsfigur. Was erwarten sie von ihm?

Gstrein: Ein Projektleiter muss eine Vielzahl von Kompetenzen aufweisen. Speziell auf Soft Skills bezogen heißt das, er muss entscheidungsfreudig sein kommunizieren und integrieren können, gerade wenn „schwierige“ Mitarbeiter am Projekt arbeiten oder Stakeholder mit unterschiedlichen Interessen vorhanden sind. Er muss in der Lage sein Ziele SMART definieren, ohne das Projektziel aus den Augen zu verlieren, eloquent und durchsetzungsstark sein, aufnehmend und reflektiert, gut organisiert und strukturiert. Auch gehört der Mut dazu, in Konflikte zu gehen und natürlich gehört der Umgang mit Stress dazu sowie mit Unsicherheit und Veränderung umgehen können. Wir erwarten von ihm, dass er lernfähig ist, analysieren und entsprechend handeln kann, eine positive Lebenseinstellung und Ausstrahlung hat. Er soll als Vorbild fungieren und sich mit der Aufgabe identifizieren

Die Themen Single-Use, Kontiproduktion und Containment spielen momentan in der Pharma- und Biotech-Branche eine wichtige Rolle. Was bedeutet das für Sie als Planungsunternehmen?

Gstrein: Kontiproduktion ist in unseren biotechnologischen Anlagen eher die Ausnahme. Single-Use ist eine ergänzende Produktionstechnologie, die gegenüber „festen“ Anlagen in Stahl einige Vorteile bietet, aber auch nicht für alle Anwendungen geeignet ist. Das heißt, wir müssen am Stand der Technik alle relevanten Trends rechtzeitig erkennen und planerisch umsetzen können. Containment spielte immer schon eine große Rolle und wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen, da vermutlich mehr hochwirksame Substanzen produziert werden. Containment selbst sehen wir in einem übergeordneten Zusammenhang, dem der Arbeits-, Umwelt- und Produktsicherheit. Darauf legen wir als Unternehmen sehr hohen Wert, das findet sich in allen unseren Planungen in voller Tiefe wieder.

Auf welche technischen Trends werden Sie in Zukunft reagieren müssen (Digitalisierung, IoT, Predictive Maintenance etc.)?

Gstrein: Das sind viele, um nur einige zu nennen:

o Biotech, hier vor allem gentechnisch veränderte Organismen, die hohe Schutzmaßnahmen erfordern

o Single-Use

o Modularisierung der Anlagen bis hin zu Containermodulen

o Energieeffizienz von Anlagen

o Individualisierung der Produktion, die kleinteiliger und flexibler wird

o Digitalisierung, Big Data, Cloud-Technologien in Verbindung mit dem Einsatz von Artificial Intelligence zur Auswertung

o BIM Modellierung, Virtual Reality, Augmented Reality in der Planung und im Betrieb der Anlage

o Robotertechnik in der Produktion

o 3D-Druck im Anlagenbau

Wenn Sie auf die letzten 25 Jahre blicken. Auf welches Projekt schauen Sie mit dem größten Stolz zurück?

Gstrein: Den größten Stolz empfinde ich, wenn ich an eine große Produktionsanlage für einen Pharmawirkstoff zurückdenke. Bei dem Projekt war ich für die verfahrenstechnische Planung und Inbetriebnahme verantwortlich. Die Anlage brachte sehr viele unterschiedliche verfahrenstechnische Herausforderungen mit: Mikrofiltration, Nanofiltration, Umkehrosmose, Kristallisation, unterschiedlichste Chromatografieschritte, spezielle Trocknungsverfahren, Lösemittelaufarbeitung, Abluftwäsche, Inertisierung – alles mit sehr innovativen Apparaten und Detaillösungen. Gerne erinnere ich mich daran zurück, wie wir uns bei der Inbetriebnahme mit der Bedienmannschaft die Nächte um die Ohren geschlagen haben bis die Anlage reibungslos lief. Dieses Gefühl, gemeinsam durch die Höhen und Tiefen gegangen zu sein, und dann die mächtigen Apparate und Maschinen beim Arbeiten zu sehen, das Brummen von 30 Kreiselpumpen zu je 50-80 kW im Gleichklang – da werde ich jetzt noch ein bisschen wehmütig, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.

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