Prozessleittechnik auf der Namur Haupsitzung 2011 Zwischen Pflicht und Vordenker – Rolle der Prozessleittechnik wandelt sich

Autor / Redakteur: Sabine Mühlenkamp / Marion Henig

570 Teilnehmer diskutierten in Bad Neuenahr auf der diesjährigen Namur-Hauptsitzung über die Rolle der Prozessleittechnik. Wie wird die Zukunft aussehen und welcher Weg ist der richtige?

570 Teilnehmer diskutierten auf der Namur-Hauptsitzung 2011 über aktuelle Anforderungen an Prozessleitsysteme. (Bild: M.Henig / PROCESS)
570 Teilnehmer diskutierten auf der Namur-Hauptsitzung 2011 über aktuelle Anforderungen an Prozessleitsysteme. (Bild: M.Henig / PROCESS)

Bad Neuenahr - Eines vorneweg: Es gibt nicht nur einen Weg zum optimalen Leitsystem, dafür sind die Anforderungen der Betreiber zu unterschiedlich. Batchbetriebe haben nun einmal andere Sorgen als ein Kontibetrieb. Aber die Namur-Hauptsitzung ist sicher der ideale Ort, um die verschiedenen Wege vorzustellen, zu diskutieren und vielleicht auch einen ganz anderen Weg in Bezug auf die Automatisierung einzuschlagen. Welche Rolle ein Leitsystem einnimmt, hängt am Betreiber: „Während der konservative Anwender ein Leitsystem eher als ein notwendiges Übel ansieht, betrachtet der innovative Anwender das PLS als einen wichtigen Produktionsfaktor“, beschreibt Dr. Ulrich Schlagowski, Bayer Technology Services den schwierigen Grat.

Prozessleitsysteme können heute schon eine Menge

Die Hersteller finden in den Anwender also durchaus beides, begeisterte Mitstreiter und konservative Anwender. Für beide muss ein einheitliches Konzept gefunden werden. Prozessleitsysteme müssen verlässlich und einfach zu bedienen sein, aber auch Raum für genügend Innovationen lassen.

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Und Prozessleitsysteme können heute schon eine Menge, wie der Vortrag von Dr. Peter Terwiesch, ABB (dem diesjährigen Sponsor der Namur-Hauptsitzung), eindrücklich zeigte. „Ich bin der Überzeugung, dass neue Technologietrends auch neue Chancen bieten“, so Terwiesch. Ein Beispiel ist die Virtualisierung der Hardware oder die Optimierung der Alarmkonzepte im laufenden Betrieb für ein optimiertes Alarmmanagement. Hohes Potenzial birgt nach seiner Aussage auch die Integration der Energieverteilung in die Automatisierung: „Ein integrierter Ansatz sorgt für höhere Produktivität, Optimierung der Energiekosten und verringerte Wartungskosten“, so seine Erfahrung. Beispiel aus der Öl/Gasindustrie zeigen, dass hier Investitionseinsparungen von mehr als 20 Prozent möglich sind.

Lücke zwischen dem, was technisch machbar ist und der installierten Basis

Trotz vielversprechender Ansätze klafft häufig noch eine Lücke zwischen dem, was technisch machbar ist und der installierten Basis. „Warum werden moderne Leitsystemfunktionalitäten nicht genutzt, obwohl sie vorhanden sind?“, fragte Dr. Thomas Tauchnitz, neu in den Namur-Vorstand gewählt, etwa kritisch. „Oder warum werden moderne Regelungsstrategien angeboten, aber nicht implementiert?“ Ein weiteres Beispiel sind Advanced Solutions Systeme, die in den vergangenen Jahren von mehreren Prozessleitsystemherstellern entwickelt wurden, deren Nutzung in der chemischen Industrie bisher jedoch noch gering ist. Eine weitere Schwierigkeit: Advanced Solutions werden bisher häufig erst bei laufenden Produktionsanlagen implementiert, sofern vorab deren Wirtschaftlichkeit gezeigt wurde. „Sinnvoller wäre es jedoch, diese bereits im Engineering zu berücksichtigen“, so Dr. Olaf Kahrs.

Um letztendlich die Frage zu beantworten, ob sich die Integration solcher Funktionen für die Hersteller wirklich lohnt, startete die Namur eine Umfrage unter Betreibern, Planern, Systemintegratoren und Herstellern. Das Ergebnis war wenig überraschend. „Prinzipiell sind die Anwender sehr zufrieden mit den jetzigen Leitsystemen“, so Michael Krauß, der die Ergebnisse präsentierte. Viele moderne Funktionen, z.B. Advanced Process Control, werden von den Anwendern flächendeckend als nutzbringend angesehen. Gemeinsam für alle neuen Funktionalitäten gilt jedoch, dass sie generell weniger häufig im Einsatz sind als dass man ihren Nutzen erkennt.

Die Namur empfiehlt daher eine Strukturierung des Portfolios auf Segmente, die ihren Fokus auf Service und Funktionalität statt auf Produkte und Komponenten legt. „Dies setzt die Existenz der notwendigen Beratungskompetenz als Kern des Produktportfolios voraus und dient der Sicherung des Projekterfolgs durch frühzeitige Abstimmung der Erfolgsfaktoren und des Projektbedarfs zwischen Herstellern und Anwendern“, beendete Krauß den Vormittag.

* Die Autorin ist redaktionelle Mitarbeiterin bei PROCESS.

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