Auftragsfertigung Lohnhersteller werden Supply-Chain-Manager

Autor / Redakteur: Christiane Hilsmann / Anke Geipel-Kern

Lohnherstellung wird immer wichtiger in der Pharmaindustrie. Denn längst ist sie keine reine Produktionsdienstleistung mehr. Mit Full-Service von der Marktbeobachtung über flexible Produktionsmöglichkeiten bis zur Logistik werden Lohnhersteller zu Supply-Chain-Managern. Pharmakonzerne können damit schnell auf Trends reagieren und Produkte in kurzer Time-to-Market platzieren.

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Outsourcing boomt in der Pharmawelt. Im vergangenen Jahr haben laut den Marktforschern von IMS Healthcare vier der zehn internationalen Top Player neue Outsourcing-Programme aufgelegt. Der Grund: Die Auslagerung der investitionsstarken Produktion schafft den großen Konzernen Kapazitäten, sich auf wettbewerbsentscheidende Maßnahmen wie Markenbildung zu konzentrieren.

Die Lohnherstellung erleichtert Unternehmen, markt- oder vorgabenbedingte Produktveränderungen schnell umzusetzen. Die flacheren Hierarchien der meist kleinen bis mittelständischen Lohnhersteller bedeuten höhere Flexibilität. Nicht selten sind es auch angegliederte Tochterunternehmen großer Pharmahersteller, die frei am Markt agieren und fokussiert neben reinen Produktions- umfassende Prozessdienstleistungen entwickeln.

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Die Vorteile machen sich insbesondere beim Faktor Marktreife bemerkbar. „Wenn ein Pharmazeut beispielsweise Salben nur beim Zulieferer statt bei sich abfüllt, hat er noch nicht viel gewonnen“, sagt Mathias Felber, der bei der BayerHealthcare-Tochter GP Grenzach Produktions für das Business Development zuständig ist. „Er braucht einen Partner, der sein Produkt marktfertig macht, und das innerhalb kürzester Zeit.“ Daher sei es unabdingbar, den Markt und dessen Anforderungen genau zu kennen und Dienstleistungen vor und nach der eigentlichen Fertigung anzubieten. Bestes Beispiel sei der aktuelle Trendmarkt „Cosmeceuticals“.

Flexibel und marktgerecht

Wellness, Natürlichkeit und kritisches Qualitätsbewusstsein sind heute Konsumentenwerte, die kaufentscheidend sein können. Cosmeceuticals, immer häufiger mit natürlichen Inhaltsstoffen, haben sich infolgedessen zu gewinnversprechenden Geschäftsfeldern entwickelt. Um tatsächlich gewinnbringend zu sein, erfordern sie jedoch die marktgerechte Anpassung des Produktionsprozesses: Cosmeceuticals werden in ihren Rezepturen immer komplexer und vielfältiger, natürliche Inhaltsstoffe sind anspruchsvoll zu handhaben. Die notwendige Flexibilität in der Herstellung erzielen immer mehr Großkonzerne durch das Einbinden von Lohnherstellern.

Die Bayer-Tochter GP hat diesen Trend frühzeitig erkannt und arbeitet deshalb an Produktionsprozessen, die auf komplexere Rezepturen mit mehr Komponenten abgestimmt sind. In der Konfektion können sie dann flexibel auf länderspezifische Varianten angepasst werden. Komplexe Rezepturen, die sich in vielstufigen Produktionsprozessen niederschlagen, müssen galenisch optimiert werden. Ziel ist es, sie auf Effizienz zu trimmen, und zwar in wenigen Arbeitsschritten und unter Zuhilfenahme einer automatisierten Produktion. Auch das Verarbeiten von Rezepturen, die überwiegend auf natürlichen Grundlagen basieren, wird ausgebaut. Eine spezielle Herausforderung, da viele oxidationsempfindliche natürliche Grundstoffe beispielsweise unter Schutzgasatmosphäre gehalten werden müssen, um die Konsistenz von Cremes und Salben zu erhalten. „In einem Technikum simulieren wir ständig neue Prozesse, sodass wir schnell am Markt sein können“, sagt Dr. Carl-Alexander Scheef, Leiter Salbenherstellung & Verpackung bei GP (s. Interview). „Produkteinführungen mit optimierten Prozessparametern und Scale-ups sind für uns innerhalb von sieben Monaten möglich.“

Logistik inbegriffen

Zur Marktbegleitung gehört mehr. Marktanalysen steuern nicht nur die Entwicklung der eigenen Produktionsprozesse. Auch das Angebot der Packformen wie Tuben, Tiegel oder Dispenser wird zielgruppengerecht angepasst. Selbst die Verarbeitung von Sekundärverpackung bis hin zum Promotionmaterial wird von Lohnherstellern umgesetzt. Diese Unternehmen übernehmen selbst die Pharmalogistik und schließen damit die Prozesskette von der Marktbeobachtung bis zur Lieferung in den Handel.

„Lohnhersteller sind heute Supply-Chain-Manager“, sagt Felber von GP. „Damit sind sie wichtiger Marktpartner für die Pharmaindustrie, die von der Flexibilität für ihre Marktperformance profitiert.“ Das Outsourcing-Modell bewährt sich. Das Pharma- und Healthcaregeschäft ist im Wandel. Internationale Marktaktivitäten mit einer Vielzahl unterschiedlicher Rezepturvorgaben, Aufmachungen am P.O.S. sowie sich verändernde Logistikkonzepte – der Direktvertrieb löst den Pharmagroßhandel ab – machen Lohnhersteller als Full-Service-Satelliten inzwischen unabdingbar.

Nachgefragt: „Was wir machen, müssen wir gut machen“

Dr. Carl-Alexander Scheef, Leiter Salbenherstellung und Verpackung bei GP Grenzach Produktions, über die Anforderungen an Lohnhersteller.

PharmaTEC: Lohnhersteller haben sich international zu messen, die Konkurrenz durch Anbieter in Billiglohnländern ist groß. Wie können hiesige Lohnhersteller sich gegen diese behaupten?

Dr. Scheef: „Zunächst einmal mit einem hohen Fertigungs-Know-how und einer entsprechenden Fertigungstiefe. Bei der GP Grenzach erzielen wir beispielsweise eine hohe Wirtschaftlichkeit, indem wir in unserer Kernkompetenz, der Bulkproduktion von halbfesten Formen, einen möglichst hohen Prozentsatz automatisieren. Beispielsweise verfügen wir über vollautomatisierte Mischanlagen, die uns eine exakte Steuerung und Kontrolle unserer Fertigungsprozesse erlauben. Den hohen Automatisierungsgrad halten wir auch in der Konfektion bei entsprechend volumenstarker Produktion durch den Einsatz von Roboter- und Servotechnik. Dadurch haben wir sehr gut Luft, kundenspezifische Sonderlösungen zu guten Konditionen zu realisieren, die nur in der Handkonfektionierung zu bewältigen sind. Kostenmäßig können wir so mit Lohnherstellern in Südamerika oder Asien problemlos mithalten. Ausstechen können wir sie über unseren Full-Service. Wir sind inzwischen in der Lage, hochkomplexe globale Supply Chains zu beherrschen. Dadurch entsteht ein weiterer wichtiger Vorteil: die Kundennähe.“

PharmaTEC: Verlieren Sie nicht an Flexibilität, wenn Sie Ihr Portfolio entlang der Supply Chain ausweiten?

Dr. Scheef: „Nein, im Gegenteil. Wir haben erst kürzlich unsere Flexibilität über Prozessoptimierungen und Flexibilisierung der Arbeitszeiten um nahezu 50 Prozent nach oben gesetzt. Neben allen technischen Optimierungsmöglichkeiten ist hier jedoch das prozess-übergreifende Denken und Handeln über alle Fertigungsstufen mit klarer Fokussierung auf den Kunden entscheidend. Bei GP haben wir die gesamte Fertigung an der Supply Chain ausgerichtet. Damit erreichen wir die notwendige Kundenorientierung bei allen Prozessbeteiligten. Für Lohnhersteller ist es in ihrem engen Wettbewerb besonders wichtig, eine „Performance Excellence“ in ihrem Fertigungssegment zu erreichen. Sie müssen nicht alles produzieren können. Aber das, was sie machen, müssen sie gut machen. Wir können prinzipiell alles produzieren, was der Markt in unseren Segmenten der Multidoses, der Salben- und der Spritzenherstellung erfordert. Doch wir suchen unsere Nischen, in denen wir uns spezialisieren können. Im Salbenbereich sind das ganz klar Cosmeceuticals, die immer stärker nachgefragt werden. Die besondere Herausforderung besteht darin, parallel die Regularien für Arzneimittel und Kosmetika effizient umzusetzen.

PharmaTEC: Wie wirken sich die Veränderungen im Apothekenmarkt auf die Dienstleistungen der Lohnhersteller aus?

Dr. Scheef: Die unterschiedlichen Distribu-tionsmodelle in den Kundenländern erfordern immer landesspezifischere Verpackungen. Hier ist ein starker Trend in Richtung „Ready- to-Shelf“. Das heißt, Verpackungen werden so gestaltet, dass sie in der Apotheke oder dem Drugstore direkt als Displays eingesetzt werden können. Die sich ankündigende Neuorganisation des Apothekenmarkts in vielen Ländern wird dieses sicherlich noch verstärken.

PharmaTEC: Welches sind Ihrer Einschätzung nach die Trends in der Produktion?

Dr. Scheef: „Die Märkte werden immer komplexer, weil vielgliedriger. Dadurch werden auch die Produkte immer komplizierter. Rezepturen setzen sich zum Teil statt aus fünf aus 25 Komponenten zusammen. Im Bereich der Cosmeceuticals geht die Formulierung immer mehr in Richtung natürlicher und naturidentischer Grundlagen. Für Salben oder Cremes werden also weniger klassische Paraffine und Mineralölderivate verwandt und natürliche Stoffe erfordern oft eine schonendere Verarbeitung. All das gilt es, frühzeitig zu erkennen, in Produktion und Services umzusetzen, um dann schnell eine markttaugliche Produktion fahren zu können. Der Markt wird anspruchsvoller. Wir versuchen uns darauf auszurichten, kompliziertere Produkte herstellen zu können. International konkurrenzfähig ist nur, wer eine perfekte Performance bietet.“

Die Autorin ist Mitarbeiterin des Redaktionsbüros Faktum.

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