Die Rechnung ist einfach: Wenn alle von Nachhaltigkeit reden, wollen die Chemiefirmen mit am Tisch sitzen. Doch dafür braucht es Lösungen und Ideen, wie die Branche ihr Image vom Saulus zum Paulus wandeln kann. Zwischen chemischem Recyling und Defossilierung wird klar, dass eine echte Lösung alle Aspekte der Wertschöpfungskette einschließen muss.
Um globale Herausforderungen wie diese zu bewältigen, sind neue Lösungsansätze nötig, auch aus der Wirtschaft.
(Bild: Covestro)
Klima- und ressourcenschonend soll die Chemie der Zukunft sein, effizient sowieso und nebenbei noch die Materialien bereitstellen, die die grüne neue Welt erst möglich machen – das klingt gut. Doch die Probleme, die sich daraus für eine Branche ergeben, die zu den energieintensivsten Europas gehört, als Vorprodukt Rohöl verarbeitet und Kunststoffe herstellt, liegen auf der Hand. Und doch: Ohne die Chemie geht es nicht. Egal, ob Wasserstoffwirtschaft, Leichtbau oder Batterieelektrolyte, alle brauchen Innovationen, Materialien und Know-how, das keine andere Industrie alleine bereitstellen kann.
Für die Kreislaufwirtschaft braucht es kreislauffähige produkte, die gegenüber ihren konventionellen, nicht zirkulären Gegenstücken im Hinsicht auf Effizienz, Perfomrance, nzutzen und Preis wettbewerbsfähig sein müssen.
Der Anteil zirkulären Materials (recycled content) in Form vwiederverwerteter Komponenten und rezyklierter Rohstoffe muss gesteigert werden.
Enstrepchende Trenn-, Sortier-, und Aufbereitungstechnologien inklusive Systemen zur lebenszyklusweiten Logistik und Materialidentifikation müssen weiter entwickelt werden.
Die Rohstoffstrategie muss sich entsprechend anpassen.
Materialverluste müssen vermindert werden und, wo unvermeidlich, durch eine entsprechende Abbaubarkeit ausgeglichen werden.
Rohstoffe, die nicht ausreichend aus dem Kreislauf gedeckt werden können, müssen - ebenso wie die nötige Energie - zunehmend aus regenerativen Quellen nachhaltig gewonnen werden.
Die Gretchenfrage der Chemie: Wie hält's du's mit der Energie?
Das beginnt mit den Rohstoffen: Weg von Öl und Naphtha, hin zu Biomasse, CO2 und Altmaterialien. Dabei sollen die neuen Ausgangsstoffe nach und nach die fossilen Pendants ergänzen: So hat Covestro einen Lackhärter im Programm, bei dem bis zu 70 % des Kohlenstoffs aus erneuerbaren Rohstoffen stammt.
Anilin soll es in Zukunft auch in „bio“ geben. Bei der stofflichen Nutzung von CO2 gehören die Leverkusener bereits zu den Vorreitern: Seit 2016 gibt es mit Cardyon ein Polyol, das bis zu 20 % CO2 enthält.
Obwohl es also an Ideen für die De-Fossilierung der Verfahrenstechnik nicht mangelt, ist Ressourceneffizienz nicht nur eine Frage der Rohstoffe. Reaktionsträge Moleküle wie etwa CO2 nutzbar zu machen, erfordert neben geeigneten Katalysatoren nämlich vor allem Energie – und da hat die Chemieindustrie ein Problem. Die Branche ist in Deutschland für über 35 % des Energiebedarfs der „verarbeitenden Gewerbe“ verantwortlich. Zwar sinkt der spezifische Energieeinsatz durch Effizienzsteigerung beständig, doch werden die enormen Mengen zum Problem, wenn man es mit der Nachhaltigkeit ernst nimmt.
Entsprechend hat sich Covestro auf zehn Jahre größere Kontingente Windstrom beim dänischen Anbieter Ørsted gesichert. Dazu kommen Investitionen in energieeffiziente Technologien, wie etwa das neue Elektrolyseverfahren SVK für die Chlorproduktion. Diese Technologie soll helfen, die Stromrechnung des Verfahrens um ein Viertel zu reduzieren und in Zukunft im spanischen Tarragona eine veraltete Chorproduktion zu ersetzen.
Rohstoffe aus Reststoffen: Retorten-Material aus der der Tonne
Und was ist mit der Mülldebatte? Gerade einen Polymer-Spezialisten wie Covestro kann die Diskussion um Plastikmaterial nicht kalt lassen. Um hier nicht um eine Antwort verlegen zu sein, will sich das Unternehmen als Antreiber in Sachen Recycling präsentieren. Dabei geht es zunehmend nicht nur um das Schreddern und Einschmelzen von Kunststoffen: In Zukunft soll das chemische Recycling helfen, Polymere auf Molekülebene zu zerlegen und so eine Art synthetisches Naphtha zu erzeugen (PROCESS berichtete).
Dabei geht es nicht nur um thermische Verfahren wie die Pyrolyse (bei der die langen Molekülketten bei Hitze gespalten werden), sondern auch um die „biologische“ Zerlegung mittels maßgeschneiderter Enzyme. Covestro arbeitet im europäischen Forschungsprojekt „PUReSmart“ zur Verbesserung des Recyclings von Polyurethanschaum.
Diese drei Challenges muss die Chemie lösen
Das Ziel: Am Ende sollen 90 % des gebrauchten Polyurethans in der EU zurückgewonnen werden, um daraus Bausteine für bestehende oder neue Produkte zu schaffen. Beispielsweise ein neues Polymer, das die Haltbarkeit von Duroplasten und die Wiederverwertbarkeit von Thermoplasten in sich vereint. Covestro befasst sich im Rahmen des Projekts damit, Polyurethane nach ihrer Nutzung bestmöglich chemisch zu recyceln und die so erzeugten Materialströme qualitativ aufzubereiten.
“Die Kreislaufwirtschaft muss zum Leitprinzip werden, um Klimaneutralität zu erreichen und die schwindenden Ressourcen zu schützen“, betont Covestro-CEO Dr. Markus Steilemann
(Bild: Covestro)
Ressourcen, Energie und Kreislaufwirtschaft: Wollen sich Industrie und Gesellschaft vom Verbrauch fossiler Rohstoffe und den damit verbunden Emissionen entkoppeln, ist es nicht mit der Lösung eines dieser Probleme getan. Alle drei Herausforderungen müssen zugleich angegangen werden. Das sind von Seiten der Industrie ganz neue Töne: In Zukunft wollen die Branchenplayer nicht länger passive betroffene Zuschauer der Nachhaltigkeitsdebatte sein, sondern die Entwicklung mit innovativen Lösungen aktiv mitgestalten. In der Chemie hat sich der Wind gedreht, scheint es.
Stand: 08.12.2025
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