Aus dem Leben eines Auditors Lieferantenqualifizierung light – Nachahmung nicht empfohlen!

Autor / Redakteur: Karl Metzger / Anke Geipel-Kern

In Zeiten, in denen auch ein Auditor nicht mal schnell ins Flugzeug steigt, um nach Indien oder China zu jetten, sind alternative Ansätze zur Qualifizierung der Hersteller von Ausgangsmaterialien gefordert. Unser Auditor berichtet über Erfahrungen, die er ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfiehlt.

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(Bild: Bild: ©dedMazay - stock.adobe.com; [M]Grimm)

Vor etwa zehn Jahren war es in Indien gang und gäbe, dass viele Ausgangsstoffe nicht nur auf dem heimischen Markt, sondern auch aus dem Ausland, vor allem aus China, besorgt wurden. Diese Lieferanten waren natürlich alle qualifiziert.

Wenn man sich die entsprechende SOP zur Lieferantenqualifizierung anschaute, fiel auf, dass im ganzen Subkontinent eine Art „Risiko-basierter Ansatz“ implementiert war und alle zur gleichen Risikobeurteilung kamen: Lieferant aus Indien = kritisch; ausländischer Lieferant = nicht kritisch. Gemäß SOP hatte das zur Folge, dass indische Lieferanten auditiert werden mussten, ausländische Lieferanten dagegen nicht.

In einem Fall konnte ich mir nicht verkneifen anzumerken, dass dies ein rassistischer Ansatz sei, da indische Lieferanten pauschal als weniger vertrauenswürdig und sicher als alle Lieferanten aus dem Ausland angesehen werden. Fanden sie nicht witzig – habe ich mir bei späteren Gelegenheiten dann auch verkniffen.

Vorortbesuche werden überbewertet

In China fand ich einen anderen Ansatz, der den Reiseetat noch spürbarer entlastet. Ich hatte im Laufe des Audits schon Unmengen von mehr oder weniger fehlerhaften Dokumenten durch die QP präsentiert bekommen. Diese sollten angeblich durchgeführte Tätigkeiten belegen. Bei der Überprüfung der Lieferantenqualifizierung stieß ich dann auch tatsächlich auf einen Satz von Dokumenten, der gefälscht war.

An sich war die Lieferantenqualifizierung sehr detailliert und nachvollziehbar beschrieben, einschließlich der Berichte über die Audits bei den Rohstofflieferanten. Diese dokumentierten Audits haben jedoch nie stattgefunden, zumindest nicht vor Ort. Letztendlich wurden die Auditberichte aus Angaben, die man über Fragebögen und sonstige zugesandte Information erhalten hatte, zusammengestellt.

Ich kam der Sache Schritt für Schritt näher, und irgendwann waren fast alle am Audit Beteiligten unterwegs, um von mir nachgefragte Dokumente und andere Informationen zu besorgen. So ergab es sich, dass nur noch die für die Lieferantenqualifizierung zuständige QS-Mitarbeiterin, die alle Auditberichte unterschrieben hatte, und ich alleine im Raum waren.

Da ich vorher schon festgestellt hatte, dass diese Dame mein Englisch zumindest versteht, nutzte ich die Gelegenheit, sie weiter zu bearbeiten. Es stellte sich schnell heraus, dass sich diese Dame auch ganz passabel auf Englisch verständlich machen konnte.

So bestätigte sie mir, dass sie bei keinem einzigen der angeblich von ihr und Kollegen besuchten Hersteller vor Ort war. Die oben genannte QP hatte sie und ihre Kollegen dazu genötigt, das Audit vor Ort zu bestätigen und die Berichte dementsprechend zu verfassen.

Bitte nicht nachmachen!

Ihr Karl Metzger

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