Atomausstieg Interview: Wie reagiert die deutsche Chemie auf den Atomausstieg?
Investitionen in energieeffiziente Verfahren alleine werden die Auswirkungen des Atomausstiegs nicht mildern. Schon heute leidet die deutsche Chemie unter hohen Energiepreisen und steigender Abgabenlast. Dr. Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des VCI, sieht daher die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemie in Gefahr, wenn die Politik nicht gegensteuert.
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PROCESS: Herr Dr. Tillmann, wie wird sich nach Ansicht des VCI der Atomausstieg auf die Wettbewerbsfähigkeit des Chemie-Standorts Deutschland gegenüber seinen europäischen Nachbarn auswirken?
Tillmann: Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass die Stromkosten durch die Energiewende stärker ansteigen, als die Bundesregierung glaubt. Dabei haben wir schon heute in Deutschland Strompreise und Belastungen, die in dieser Höhe keiner unserer Wettbewerber stemmen muss – weder in Europa noch sonst irgendwo auf der Welt. Hinzu kommen die Abgaben auf die Ökosteuer, die EEG-Umlage und der Emissionshandel. Die chemische Industrie in Deutschland wird aus diesen drei Regelungen 2011 mit 1,3 Milliarden Euro zusätzlich belastet. Die Hauptlast kommt momentan mit 720 Milionen Euro aus der EEG-Umlage – und zwar trotz der bestehenden Härtefallregelung. Beim Emissionshandel gehen wir von 500 Millionen Euro aus. Ab 2013 werden diese Belastungen noch weiter steigen. Verschärft sich die Situation durch die Energiewende zusätzlich, beeinträchtigt das unsere Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Die Branche operiert bei vielen Produkten mit Weltmarktpreisen, steigende Energiekosten können wir nicht einfach an unsere Kunden weitergeben.
PROCESS: Chemie wird in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung sehr häufig auf die Großen reduziert. Tatsächlich gibt es aber viele KMUs in der Branche. Welche Möglichkeiten haben diese Unternehmen auf die Energiewende zu reagieren?
Tillmann: Die Möglichkeiten sind begrenzt. Da die mittelständischen Chemieunternehmen in Deutschland durchweg keine eigenen Kraftwerke für die Stromerzeugung besitzen, müssen sie Strom einkaufen. In eine eigene Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage zu investieren, die gleichzeitig Strom und Wärme produziert, würde immense Investitionen erfordern und sich erst nach mehreren Jahrzehnten rechnen.
PROCESS: Welche Maßnahmen der Politik sind nach Auffassung des VCI nötig, um einen möglicherweise durch den Atomausstieg entstehenden Wettbewerbsnachteil der Chemischen Industrie auszugleichen?
Tillmann: Das Industrieland Deutschland braucht trotz Energiewende eine sichere und bezahlbare Energieversorgung. Der Spitzenausgleich und die Härtefallregelung müssen deshalb unbedingt erhalten bleiben. Und auch auf die Kompensation beim Emissionshandel, die die EU-Richtlinie ausdrücklich vorsieht, sind wir angewiesen, damit unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht Schaden nimmt. Ohne diese Entlastungen würden unsere Energiekosten explodieren: Rund 900 Millionen Euro mehr pro Jahr, wenn man einen Zertifikatepreis von 30 Euro als Basis nimmt, könnte die Branche ohne Folgen nicht verkraften. Die Chemie als energieintensive Branche ist auf eine zuverlässige Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen angewiesen – das ganze Jahr und rund um die Uhr. Für die Übergangsphase der Energiewende bis 2022 braucht die Industrie Planungssicherheit. Deshalb fordern wir von der Bundesregierung die Einsetzung eines Parlamentarischen Beauftragten, der den Erfolg der Maßnahmen für die Energiewende regelmäßig überprüft. Für ein solches Monitoring sollten Kriterien definiert werden, die transparent machen, ob die drei Ziele Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit erreicht würden.
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