Atomausstieg

Interview: Wie reagiert die deutsche Chemie auf den Atomausstieg?

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PROCESS: Welche möglichen Auswirkungen könnte der Atomausstieg auf die Standortpolitik und -entscheidungen der Unternehmen des VCI haben?

Tillmann: Energiepreise spielen bei Standortentscheidungen in Bereichen mit energieintensiver Produktion eine sehr wichtige Rolle. Unternehmen mit verschiedenen Standorten auf der Welt machen Investitionsentscheidungen für stromintensive Prozesse u.a. davon abhängig, wie hoch die Stromkosten in den verschiedenen Regionen sind. Bei einem solchen Vergleich schneidet der Standort Deutschland schon heute nicht gut ab. Stromkosten sind nicht der einzige Faktor, doch sie werden immer wichtiger. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Standort Deutschland durch steigende Strompreise immer mehr an Attraktivität verliert. Das wirkt sich negativ gerade auf Investitionen in neue Produktionsanlagen aus. Mit der Energiewende droht daher eher ein schleichender Produktionsverlust in Deutschland, weniger die Stilllegung und Abwanderung von bestehenden Kapazitäten.

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Zur Person
Dr. Utz Tillmann

Dr. Utz Tillmann wurde am 10. Oktober 1953 in Berlin geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Fernmeldetechniker und studierte anschließend Biologie an der Universität Frankfurt, wo er 1985 zum Dr. rer. nat. promovierte. Nach beruflichen Stationen bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt und der Düsseldorfer Henkel KGaA wechselte Tillmann 1986 als Wissenschaftlicher Leiter zur TU Darmstadt. 1990 trat er bei der BASF AG ein, wo er als Gruppenleiter Emissionsüberwachung im Ökologielabor fungierte. 1995 wurde Tillmann Gruppenleiter Zentrale Aufgaben im Bereich Umwelt, Sicherheit und Energie. 2001 entsandte ihn das Unternehmen für drei Jahre als Executive Director zur CEFIC. Im April 2004 übernahm er bei der BASF die Funktion des Senior Vice President Corporate and Governmental Relations für Umweltfragen. Ab September 2006 war er dort für die Themen Sicherheit und Gefahrenabwehr verantwortlich. Seit 1. Juni 2008 ist er Hauptgeschäftsführer des VCI.

PROCESS: Deutsche Chemieunternehmen haben bei den Entwicklungen energieeffizienter Produktionsverfahren weltweit eine Poleposition. Könnte die Energiewende dazu beitragen, dass die deutsche Chemie diese Position weiter ausbaut?

Tillmann: Es liegt im wirtschaftlichen Eigeninteresse eines jeden Unternehmens, seinen Energieverbrauch zu senken, um Kosten zu sparen. Die deutsche Chemie arbeitet nicht erst seit den Beschlüssen zur Energiewende an Produkten zur Steigerung der Energieeffizienz. Uns ist es allein seit 1990 gelungen, den Strombedarf durch Effizienzmaßnahmen trotz einer Produktionssteigerung von 40 Prozent konstant zu halten. Die energiebedingten CO2-Emissionen sind sogar um fast 50 Prozent gesunken. Nur so ist es heute überhaupt noch möglich, wettbewerbsfähig am Standort Deutschland zu produzieren. Der Wille und die Tendenz zur Effizienzsteigerung sind bei den Chemie-Unternehmen sehr ausgeprägt, Unternehmen sehen Investitionsentscheidungen in Energieeffizienz aber natürlich immer unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Nach den Erfolgen der letzten 20 Jahre wird das Potenzial, die Effizienz noch weiter nach oben zu treiben, immer geringer und auch teurer zu realisieren.

* Das Gespräch führte PROCESS-Redakteurin Anke Geipel-Kern.

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