Messtechnik und Automatisierung Gemessen wird immer: Generationenwechsel, Stühlerücken und neue Connectivity bei Endress+Hauser

Von Dominik Stephan 8 min Lesedauer

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Rekordumsätze – allerdings inflationsbedingt ohne Rekordergebnis: 2022 war trotz multipler Krisen ein gutes Jahr für Endress+Hauser. Die Messgeräte- und Sensorspezialisten sehen sich nach der Corona-Krise zahllosen Herausforderungen gegenüber und setzen auf Technik, Investments sowie die Fortsetzung der Strategie „Vom Labor in den Prozess“. Im Jubiläumsjahr steht das Unternehmen vor einem Generationenwechsel und auch technisch bahnt sich eine neue Ära der Konnektivität an.

Die Firmengruppe lieferte 2022 weltweit mehr als 2,9 Millionen Messgeräte mit hoher Termintreue aus.(Bild:  Endress+Hauser)
Die Firmengruppe lieferte 2022 weltweit mehr als 2,9 Millionen Messgeräte mit hoher Termintreue aus.
(Bild: Endress+Hauser)

Selten liegen Freud‘ und Leid so nah beieinander: Man sei „Gut wie nie ins vergangene Jahr gestartet“, erklärt Klaus Endress, Präsident des Verwaltungsrats der Endress+Hauser-Gruppe. Doch dann kam bekanntlich alles anders: Ukrainekrieg, Zeitenwende, Inflation und die Folgen der Zero-Covid-Strategie in China drücken auf die Stimmung. „Selten war unser Umfeld von so vielen Herausforderungen geprägt wie 2022“, sagte CEO Matthias Altendorf auf der Bilanzpressekonferenz in Basel. „Doch unser Geschäft hat sich das ganze Jahr über stabil entwickelt.“ So gelingt der Endress+Hauser-Gruppe Beachtliches: 2022 werden mit 2,9 Millionen ausgelieferten Sensoren Rekordumsätze von über drei Milliarden Euro erwirtschaftet.

Die „People for Process Automation“ konnten den konsolidierten Gruppenumsatz um fast 17 Prozent auf über 3,3 Milliarden Euro steigern – ein beachtlicher Wert, auch wenn die grassierende Inflation einen guten Teil dieses Wachstums gleich wieder aufzehrt. Damit startet das 1953 gegründete Unternehmen zuverlässig ein sein 70stes Jubiläumsjahr und will auch 2023 zweistellig wachsen. Das vergangene Jahrzehnt war von einer annähernden Verdoppelung der Umsätze und einem deutlichen Zuwachs der Beschäftigtenzahl geprägt, heißt es aus Firmenkreisen.

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Weil der betriebliche Aufwand stärker stieg als der Umsatz, wuchs das Betriebsergebnis lediglich um 9,1 Prozent auf 473,7 Millionen Euro. Endress+Hauser erreichte damit eine operative Marge von 14,1 Prozent – ein Prozentpunkt weniger als im Vorjahr, „aber ein sehr respektabler Wert“, so Finanzchef Luc Schultheiss. Gestiegene Kosten für die Währungsabsicherung und vor allem hohe Verluste aus den Finanzanlagen resultierten in einem stark negativen Finanzergebnis. Das Ergebnis vor Steuern ging um 12,0 Prozent auf 408,1 Millionen Euro zurück.

Zuletzt war es besonders das Wiedererstarken der Vereinigten Staaten, dass eine enorme Dynamik in die Endress+Hauser-Bilanz brachte: Mit satten 34,3 Prozent Plus sind die Möglichkeiten im "Land of the Free" für die Messtechnik-Spezialisten scheinbar wirklich fast unbegrenzt – selbst Asien kommt „nur“ auf 18,2 Prozent Plus, wobei das China-Geschäft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Auch das Laborgeschäft konsolidiert sich nach der Hype-Phase in Folge der Corona-Pandemie – etwas zum Leidwesen der E+H-Tochter Analytik Jena – während das „klassische“ Projektgeschäft stark zulegen kann. Endress+Hauser-Geschäftsführer Altendorf will trotzdem an der Strategie der Ausrichtung der Gruppe als Rundum-Anbieter für die Messtechnik vom Labor bis in den Prozess festhalten.

Alles Neu? Klaus Endress, Präsident des E+H-Verwaltungsrates bezieht Stellung

'Never Change a Winning Team' sagt der Engländer – bei Endress+Hause gilt das scheinbar nicht. Wie wollen Sie trotz doppeltem Stühlerücken Konstanz und Innovationsgeist unter einen Hut bekommen?

Endress: „Die Altersgrenze von 75 Jahren für den Verwaltungsrat ist in unseren Statuten festgeschrieben. Ich weiß also seit vielen Jahren, dass ich Ende 2023 einen guten Nachfolger brauche. Die Entscheidung, wer Präsident des Verwaltungsrats werden soll, ist deshalb das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses mit vielen Gesprächen. Herr Altendorf war dabei von Anfang an mein Wunschkandidat. Warum? Er kennt das Unternehmen seit 35 Jahren, führt die Firmengruppe seit fast einem Jahrzehnt mit Umsicht und Erfolg und steht für den Spirit of Endress+Hauser. Wir haben über viele Jahre gut zusammengearbeitet und vertrauen einander. Er hat in den vergangenen Jahren auch viele Angelegenheiten der Familie begleitet, weshalb ihm auch die Gesellschafter zutrauen, als Präsident des Verwaltungsrates zu handeln wie ein Familienmitglied. Zugleich kann er die jüngere Generation der Gesellschafter begleiten auf ihrem Weg, die Verantwortung zu übernehmen. Interne Nachfolgen haben den Vorteil, dass wir die Menschen gut kennen, oft über viele Jahre. Das senkt das Risiko für das Unternehmen. Der Nachteil ist, dass wir neue Lücken aufreißen, die wir wieder schließen müssen. Und Herr Altendorf reißt als CEO eine große Lücke. Der Chef der Gruppe trägt eine große Verantwortung. In diese Rolle hineinzuwachsen, ist anspruchsvoll. Aber Herr Altendorf und ich waren einer Meinung, dass wir das einer Person zutrauen: dem Chef unseres Kompetenzzentrums für Füllstands- und Druckmesstechnik, Dr. Peter Selders. Er führt eine unserer größten Aktivitäten, die weltweit verankert ist, seit Jahren mit Erfolg. Und so wie das bei Herrn Altendorf und mir der Fall ist, haben Herr Altendorf und Herr Selders bereits über viele Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet. Man kennt sich und man schätzt sich. So bleibt die Kontinuität gewahrt. In der Familie ist niemand in Sicht, der auf dem Weg wäre an die Spitze des Unternehmens. Aber es gibt in der jüngeren Generation Familienmitglieder, die sehr viel Begeisterung für Endress+Hauser an den Tag legen. Wir möchten sie als Botschafter der Familie, als Ambassadore, gewinnen, die an Events teilnehmen, ansprechbar sind für unsere Mitarbeitenden und gewissermaßen die Fackel weitertragen.“

Lieferfähig und technisch stark

Dass es so gut um die Messtechnik und Analyselösungen steht, führt Finanzchef Dr. Luc Schultheiss auf die ständige Lieferfähigkeit mit hoher Termintreue auch in der Krise zurück – immerhin konnte in rund 84 Prozent der Aufträge allen Schwierigkeiten zum Trotz termintreu geliefert werden.

Weniger gut steht es um das Engagement der Sensorexperten in Russland: Nachdem Endress+Hauser quasi bis zum letzten Moment im Lande bleiben wollte, machte das achte Sanktionspaket der EU dem einen Strich durch die Rechnung. Heute ist auch die Ausfuhr von Messtechnik für den zivilen Markt verboten, woraufhin die Gruppe ihr lokales Vertriebszentrum aufgelöst hat.

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Damit es erfolgreich weitergeht, investieren die Schweizer kräftig: In den vergangenen fünf Jahren floss eine halbe Milliarde Euro in Infrastrukturprojekte Weltweit. „Mit diesen Investitionen bereiten wir den Boden für künftiges Wachstum“, sagte der CEO. Die vier größten Projekte betreffen die Standorte Maulburg (Deutschland), Suzhou (China), Jena (Deutschland) und Greenwood (Indiana/USA). Flankiert werden diese – wie könnte es andres sein – durch die passenden Technologien: „Produktinnovationen sind ein Treiber unseres Wachstums“, sagte Matthias Altendorf. 2022 brachte Endress+Hauser 43 Produkte neu auf den Markt.

Zu den Highlights der jüngsten Vergangenheit gehören etwa der Coriolis-Durchflussmesser Proline Promass Q, der Radarfüllstandssensor Micropilot FMR6xB mit Ethernet-/APL-Konnektivität oder die automatisierte Probenvorbereitung APU28 von Analytik Jena. Ebenfalls im Labor hält die bewährte Memosens-Technologie von Endress+Hauser Einzug, zunächst mit den Liquiline-Mobile-Geräten und einer Reihe Sensoren. 242,4 Millionen Euro, das entspricht rund 7,2 Prozent des Umsatzes, wandte die Firmengruppe für Forschung und Entwicklung auf – immerhin satte 13,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Entsprechend freuen sich die Mess-Experten über 235 Erstanmeldungen bei Patentämtern in aller Welt.

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Allerdings wird Altendorf bereits die nächste Bilanzpressekonferenz wohl nicht mehr als CEO erleben: Der langjährige Geschäftsführer (seit 2014) folgt seinem Vorgänger Klaus Endress auf den Posten des Verwaltungsratspräsidenten der Gruppe nach. Neuer CEO soll der derzeitige Leiter des Kompetenzzentrum für Füllstands- und Druckmesstechnik Dr. Peter Selders werden. Der promovierte Physiker ist in verschiedenen Funktionen seit 2004 bei E+H und hat das Vertrauen des scheidenenden Verwaltungsratsvorstand: „Als Chef von Endress+Hauser Level+Pressure hat er bewiesen, dass er Menschen führen und begeistern kann, dass er den Spirit of Endress+Hauser in sich trägt und dass er fähig ist, eine große Organisation erfolgreich weiterzuentwickeln“, erklärt Klaus Endress.

Generationenwechsel beim Automatisierungs-Experten

Der Sohn des Firmengründers übernahm 1995 die Geschäftsführung von seinem Vater Georg Endress und gilt als Architekt des Generationenwechsels in Unternehmen und Gesellschafterfamilie. Endress selbst verlässt die E+H-Gremien 2024 im Alter von 75 Jahren planmäßig und so, wie es die Unternehmenstatuten vorsehen. Er bleibt allerdings Vorsitzender des Familienrats, der über alle wichtigen Fragen im Verhältnis zwischen Familie und Unternehmen berät. Die Gründerfamilie ist derzeit durch Sandra Genge und ab 2024 durch Steven Endress, Geschäftsführer von E+H in Großbritannien vertreten, so dass weiterhin zwei Verwaltungsratposten aus der Verwandtschaft kommen.

Überraschender ist da schon die Ablöse Altendorfs als CEO, wurde während seiner Zeit als E+H-Geschäftsführer doch der Umsatz von 1,8 Milliarden Euro 2013 auf 3,3 Milliarden Euro 2022 gesteigert. „Never change a winning team“ mag sich der Engländer denken, in Reinach scheint man das anders zu sehen.

Auch technologisch steht mit APL ein Generationenwechsel an: Ethernet-APL soll endlich die Vision vom Ethernet im Feld wahr werden lassen – und die Erwartungen sind gewaltig. Auch bei Endress+Hauser ist man nach aufwändigen Lasttests (übrigens mit Komponenten verschiedener Hersteller) überzeugt, dass APL ein Meilenstein für die industrielle Kommunikation darstellt. Um diese Feldversuche möglichst realistisch zu gestalten, wurde die BASF mit der Definition der Anforderungen aus Kundensicht betraut, während E+H zusammen mit Pepperl+Fuchs, Honeywell und ABB die Hardwarekomponenten lieferte. Dabei vereint das Open Integration Partnerprogramm von Endress+Hauser mehr als ein Dutzend Hersteller, die das reibungslose Zusammenspiel ihrer sich ergänzenden Produkte sicherstellen wollen.

Mit Ethernet und dezentraler Logistik in die nächsten 70 Jahre

„Die Lasttests beweisen, dass Ethernet-APL in der Praxis einsetzbar ist”, erklärt Jörg Reinkensmeier, Leiter des Open Integration Partnerprogramms bei Endress+Hauser. „Die Komponenten verschiedener Hersteller funktionieren reibungslos zusammen und die Systeme laufen zuverlässig. Wir sind stolz darauf, dass die enge Zusammenarbeit mit unseren Open Integration Partnern die Validierung dieser Technologie ermöglicht hat. Wir haben einen Meilenstein erreicht, um Ethernet in die Feldebene der Prozessautomatisierung zu bringen.“

Ebenfalls neu ist ein regionales Logistik-Hub mit 4.500 Quadratmetern Fläche in Indianapolis (US-Bundesstaat Indiana), mit dem sich die Schweizer unabhängiger von Lieferketten und Marktschwankungen wollen. Die Gruppe betreibt derzeit zwei regionale Logistik-Hubs, einen in Deutschland für ganz Europa und einen weiteren in China. Ein viertes regionales Logistik-Drehkreuz entsteht derzeit in Indien. „Mit diesem neuen regionalen Logistik-Hub können wir Produkte innerhalb eines globalen Netzwerks transportieren, ganz unabhängig davon, wo sie produziert werden und wohin sie gehen“, sagt Steve Demaree, Supply Chain Manager für die Region Nordamerika bei Endress+Hauser. „Außerdem haben wir unsere Logistiksysteme jetzt soweit automatisiert und standardisiert wie möglich.“

Für die nächsten 70 Jahre ist Verwaltungsratspräsident Endress jedenfalls nicht bange: „Der Markt entwickelt sich zu unseren Gunsten – Unsere Kunden müssen messen”, erklärt er. Die Forderungen nach mehr Produktivität und Effizienz seien anders gar nicht zu erfüllen – jetzt gelte es darum nicht nur „ein Anbieter unter vielen” zu sein. Im Jubiläumsjahr lädt Endress+Hauser mehr als 1.000 Kunden, Partner und Fachleute nach Basel ein, um über den nachhaltigen Umbau der verfahrenstechnischen Industrie zu diskutieren. Matthias Altendorf ergänzt: „Wir haben 70 Jahre lang alles dafür getan, eine gute Zukunft zu haben – und das werden wir auch weiter tun.“

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