Biofuels und alternative Energien

Aus Stroh mach Sprit: Clariant packt die Sonne in den Tank

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Nichts wird verschwendet: Sogar der bei der Fermentation zurückbleibende Holzzucker, das Lignin, wird abfiltriert und als Brennmaterial in einer Kraft-Wärme-Anlage genutzt. Auf diese Weise sollen Sunliquid-Anlagen quasi energieautark arbeiten können. Die nährstoffhaltige „Schlempe“, der wässrige Prozessrückstand, kann als Düngemittel wieder aufs Feld ausgebracht werden.

Dass das Verfahren funktioniert, zeigt sich 150 Kilometer weiter östlich: In Straubing betreibt Clariant seit 2012 eine Testanlage für 28 Millionen Euro, die mit Sunliquid bis zu 1000 Tonnen Ethanol erzeugen kann. Natürlich wird der gewonnene Ethanol erst durch Destillation aufkonzentriert, bevor er in Tanks auf dem Gelände für die weitere Nutzung gelagert wird. Kaufen kann man Sunliquid-Produkte jetzt schon: So setzt die Firma Frosch den „Bio-Ethanol“ in einem Reinigungsspray ein. Auch die Nutzung als Biokraftstoff wird in Pilotprojekten in Deutschland und Scania in Brasilien erprobt – damit dürfte Clariant eines der ganz wenigen Unternehmen sein, dass Ethanol nach Brasilien exportiert.

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Pack die Sonne in den Tank: Ethanol im Flottentest bei Mercedes

In Straubing wurde in einem gemeinsamen Flottentest mit Mercedes ein Gemisch aus 20 % Bioethanol und 80 % Superbenzin im täglichen Dauereinsatz in Serienfahrzeugen erprobt. Das Ziel dabei: zu beweisen, dass der Ethanol/Benzin-Mix „ohne Probleme in bestehenden Motoren und mit bestehender Infrastruktur verwendet werden kann“, sagt Uwe Nickel, Chef der HCS-Group, einer Tochter des am Projekt beteiligten Mineralöl-Unternehmens Haltermann.

20 % Ethanol bedeutet 20 % weniger CO2-Emissionen, betont Nickel. Doch dass sich der Bio-Anteil an der Kraftstoffmischung ohne weiteres beliebig erhöhen lässt, darf bezweifelt werden.

Ein 700-Millionen-Tonnen-Potenzial

„Von einem Nobody zu einem Anführer in Sachen Nachhaltigkeit in nur einer Dekade,“ so Rarbach. Das Potenzial für Sunliquid sei jedenfalls da, ist man sich bei Clariant sicher: Durch die Nutzung von Lignozellulose ließen sich weltweit über 700 Millionen Tonnen Ethanol herstellen, ergaben aktuelle Berechnungen. Alleine in der EU stünden etwa 225 Millionen Tonnen Agrarabfälle bereit – und das jedes Jahr. Daraus könnten 36,7 Millionen Tonnen Ethanol gewonnen werden – genug um etwa 16 % des für das Jahr 2030 erwarteten Treibstoffbedarfs zu decken.

Teller, Tank, Retorte: Was kann die Biomasse - und was nicht? Visionen für die Zeit nach dem Öl:

Weit mehr, als die 3,5 %, die die EU in ihren Nachhaltigkeitszielen für die kommenden zehn Jahre festgeschrieben hat. Vielleicht ließe sich durch die Verwendung von Rest- und Abfallstoffen auch das Akzeptanzproblem der Bio-Kraftstoffe lösen, hoffen die Beteiligten. So fördert auch die EU das Sunliquid-Projekt mit zweistelligen Millionenbeträgen.

Die Vision: Bioplastik aus Zellulose

Wagen der Mercedes-Benz Flotte vor der Sunliquid Demonstrationsanlage zur Produktion von Zellulose-Ethanol aus Agrarreststoffen in Straubing
Wagen der Mercedes-Benz Flotte vor der Sunliquid Demonstrationsanlage zur Produktion von Zellulose-Ethanol aus Agrarreststoffen in Straubing
(Bild: Clariant)

Dabei ist die „Sonne im Tank“ gar nicht das einzige Anwendungsfeld, das die Entwickler im Visier haben. Clariant arbeitet bereits an chemischen und biotechnischen Verfahren zur Gewinnung von Basisrohstoffen für die Chemie aus Zellulose. Damit wollen die Schweizer der Nachfrage nach „nachhaltigen“ Kunststoffen aus der Industrie begegnen.

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