Standort-Marketing Wo steht die Chemie in Frankreich? Die Chemiestandorte in Lyon und Marseille prosperieren

Autor / Redakteur: Christoph Uhlhaas / Anke Geipel-Kern

Die Chemiebranche in Frankreich ist auf Wachstumskurs. PROCESS berichtet exklusiv über Investitionen und Entwicklungen in Marseille und Lyon, den beiden größten französischen Chemiestandorten.

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Sie können mich gerne anrufen, falls Sie noch Fragen haben – oder einen Investor aus Deutschland.“ Michel Peronnet, verantwortlich für die Industrieprojekte der Häfen in Marseille, bringt den Zweck der Pressereise nach Lyon und Marseille auf den Punkt: Es geht um Standortmarketing.

Nirgendwo in Frankreich konzentriert sich die chemische Industrie so stark wie um Lyon, das sich mit einem Gesamtumsatz von neun Milliarden Euro als umsatzstärkste französische Chemieregion etabliert hat und als eine der fünf wichtigsten Industriezentren Europas gilt. Immerhin steht hier jede sechste chemische Produktions- oder Forschungsstätte Frankreichs. So forschen am Französischen Petroleum Institut (IFP) über 600 Wissenschaftler auf einem besonders zukunftsträchtigen Feld: an alternativen Treibstoffsynthesen aus Kohle, Gas oder Biomasse und der Kohlendioxid-Speicherung. Gemeinsam mit der Technischen Hochschule in Aachen arbeiten die Wissenschaftler an einem Reaktor, der mittels Kernspintomografie vollkommen durchleuchtet wird. Das bildgebende Verfahren aus der Medizin macht es möglich, chemische Prozesse in Echtzeit und an jeder Stelle im Reaktor zu beobachten, ohne die Reaktion zu unterbrechen.

Neben großen französischen Konzernen wie Total oder Air Liquide siedeln in Lyon auch BASF, Bayer und Lanxess. Ansonsten ist das Spektrum bunt gemischt. Odotec etwa, ein Spinoff der École Polytechnique de Montréal Engineering School bietet „elektronische Nasen“ zur automatischen Geruchsmessung an: Die Systeme messen und kartografieren die Stärke von Gerüchen an mehreren Stellen eines Firmengeländes. 15 davon sind bis jetzt installiert, 20 sollen bis Ende 2008 hinzukommen. Novasep-Finorga hingegen ist als Dienstleister in den Feldern Purifikationstechnik und Synthesechemie für die pharmazeutische Wirkstoffproduktion unterwegs und betreibt Labor-, Pilot- und Produktionsanlagen mit Kapazitäten bis 120 000 Liter.

Die Chinesen sind schon da

Seit Anfang des Jahres gibt es als Novum auch einen chinesischen Konzern am Standort. Bluestar, Tochter der staatlichen China National Chemical Corporation, hat die französische Rhodia Silcones geschluckt, ein Unternehmen, das ungleich effektiver produziert als das eigene Silikon-Werk in China: Im letzten Jahr – vor der Übernahme – erwirtschafteten 1200 Mitarbeiter der Rhodia Silicones 432 Millionen Euro, 1400 Kollegen in China dagegen kamen nur auf 150 Millionen Euro. Olivier de Clermont-Tonnerre, Chef der französischen Produktion, betont vor allem die langfristige Perspektive der Übernahme. Ziel sei eine führende Marktposition in der Silikonproduktion und den dazugehörigen Endprodukten, deshalb werden auch 20 Millionen Euro in den nächsten zwei Jahren in Europa investiert. Im chinesischen Tianjin entsteht derzeit eine neue Fabrik. Die Firmenzentrale und die Forschung bleiben allerdings in Lyon. Trotzdem lernt die Führungsriege in Lyon nun chinesisch.

Grundstoffchemie in Marseille

Zweihundert Kilometer weiter südlich, 60 Kilometer entfernt von Marseille, liegt Fos-Sur-Mer, der größte Industriehafen Frankreichs. Hier schlägt das Herz des Chemiestandortes, denn im Dreieck Fos-Lavera-Berre, in einem Umkreis von 20 Kilometern, betreiben Exxon, Shell, Total und BP große Raffinerien. Deshalb ballt sich in diesem Dreieck vor allem die Grundstoffchemie: 30 Prozent der französischen Raffineriekapazität, 30 Prozent der chemischen Produktion – gemessen an der Gesamtmasse produzierter Chemikalien – sind hier angesiedelt. Die Hauptprodukte sind beispielsweise Ethylen, ETBE, MTBE oder Butadien, das zu 60 Prozent aus der Region um Marseille kommt.

Fos-Sur-Mer, ein integrierter Komplex aus Hafendocks und Industrieanlagen, ist der drittgrößte Industriehafen Europas und der größte im Mittelmeerraum. 95 Millionen Tonnen werden hier jährlich verladen. Der Hafen soll in den nächsten Jahren stark erweitert werden. Bis 2010 entstehen zwei neue Hafenterminals. Shell wird bis 2016 ein drittes bauen; zurzeit sind laut Michel Peronnet, dem Direktor für Industrieprojekte, Privatinvestitionen von vier Milliarden Euro geplant. Langfristig verfolge Fos eine Diversifikationsstrategie, um vom Geschäft mit Öl unabhängiger zu werden. Denn hier sei ein Rückgang der Umsätze absehbar. 10 000 Hektar Fläche sind in Fos zur industriellen Nutzung freigegeben, davon sind 600 ausgebaut und frei verfügbar: Das Gelände ist noch nicht ausgelastet, deshalb wirbt Michel Peronnet offensiv um deutsche Investoren.

Bayer hat sich bereits in Fos eingekauft und erwarb 2000 von Lyondell (USA) eine Polyolanlage zur Herstellung von Polyurethan. 2002 entstand auf dem Gelände eine neue Anlage mit dreifacher Produktionsmenge. Als Erfolg präsentierte der Produktionsleiter Rodolphe Just auch die stark verbesserte Umweltbilanz. So verringerte sich in den letzten Jahren die Abwassermenge um zwei Drittel. Das Werk gehört zwar zu Bayer, wird aber größtenteils weiter von Lyondell betrieben: 75 der 86 Mitarbeiter arbeiten für die US-Firma.

Lyondell ist mit einem Umsatz von 22 Milliarden US-Dollar der drittgrößte Chemiekonzern der USA und steht derzeit kurz vor der Übernahme durch Basell, einer Tochter der Access Industries, die dem Milliardär Len Blavatnik gehört. Der Konzern betreibt in Fos seit 1999 eine Produktionsanlage für Ethyl-tertiär-Butylether (ETBE) mit einer Kapazität von 750 000 Tonnen pro Jahr. ETBE wird analog zur früher vorherrschenden Methylvariante (MTBE) Ottokraftstoffen als Klopfschutzmittel zugesetzt. Da ETBE auf Ethanolbasis produziert wird, das aus landwirtschaftlicher Produktion stammt, die MTBE-Produktion aber auf fossile Quellen angewiesen ist, wird ETBE in der EU steuerlich begünstigt.

1987 hat sich übrigens auch der PVC-Additiv-Hersteller Baerlocher in Marseille eingekauft und einen französische Familienbetrieb erworben. Das Werk verarbeitet einerseits Naturwachse und beliefert damit die großen Kosmetikhersteller. Die deutsche Mutterfirma profitiert von der Übernahme durch den zweiten Produktionszweig: Schmierstoffe, die für die Produktion von PVC-Zusatzstoffen benötigt werden. Insgesamt setzen die 46 Mitarbeiter jährlich 25,5 Millionen Euro um.

Hintergrund: Chemie in Frankreich

Frankreich ist nach Deutschland der wichtigste Chemieproduzent in Europa und die Nummer fünf weltweit. Knapp 1200 Unternehmen setzten im letzten Jahr rund 100 Milliarden Euro um (Deutschland: 130 Milliarden Euro). Und seit der Krise in den Jahren 2003 und 2004 wächst die französische Chemie, was vor allem der stark gestiegenen Kunststoffnachfrage zu verdanken ist. Die Aus- und Einfuhren wachsen Jahr für Jahr schneller als die inländische Produktion. Dass die Importe 2005 gleich um acht Prozent stiegen, freut die Handelspartner in Deutschland besonders. Denn ein Fünftel des Außenhandels der französischen Chemie erfolgt mit deutschen Firmen.

Wer baut in Marseille und Lyon?

Genzyme investiert 110 Millionen Euro in eine biopharmazeutische Anlage zur Produktion von Thymoglobulin.

Nächstes Jahr baut Gaz de France im Industriehafen Fos ein zweites LNG-Terminal.

Auf dem Gelände von Arcelor ist im Industriehafen Fos ein Gaskraftwerk mit 450 MW geplant.

Im Industriehafen Fos sollen zwei neue Biodiesel-Produktionsanlagen entstehen.

Ebenfalls in Fos wollen private Investoren bis 2010 zwei neue Terminals für 206 Millionen Euro bauen.

Der Autor arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist in Köln.

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