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Wissenschaft, Industrie und Politik ziehen bei der Abgas-Chemie an einem Strang

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Zumal auch Branchen wie Chemie oder Stahlindustrie bereits einen Bedarf an 2000 TWh erneuerbarer Energie für 2050 angemeldet haben. „Es zeichnet sich ab, dass wir nicht genügend Strom ohne signifikanten CO2-Footprint zur Verfügung haben“, erklärte Andreas Frey, Entwicklungsingenieur beim Gasspezialisten Linde. Der R&D-Experte plädiert daher für einen Paradigmenwechsel beim Stromverbrauch, weg von der Stromerzeugung bei Bedarf hin zu einem an das fluktuierende Angebot angepassten flexiblen Verbrauch mit Laststeuerung – aber passt diese Vision wirklich zur Chemie mit ihren kontinuierlichen Produktionsprozessen im Mega-Maßstab?

Moderne Anlagen, ob Stahlwerke oder Chemieparks, sind hochkomplexe Verbundstrukturen, die sich häufig entlang sorgfältiger ausbalancierter Optimalbedingungen bewegen, gab Karen Perrey von Covestro zu bedenken. Die Materialspezialisten der ehemaligen BMS sind schon einen Schritt weiter und haben eine 2016 erste Produktionsanlage in Betrieb genommen, die CO2 zur Herstellung von PUR-Schäumen nutzt. Zwar besteht nur etwa 20 % des fertigen Kunststoffs aus dem Klimakiller-Gas und mit 5000 Jahrestonnen ist auch die Kapazität der vollmundig „Dream Production“ getauften Anlage überschaubar – aber dennoch zeigen die Werkstoff-Experten eindrücklich, dass die Chemie aus dem Schornstein kein Traum bleiben muss, sondern schon jetzt echte, kommerzielle Produktion möglich ist.

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„Die Politik kann nur den Maßstab vorgeben, aber nicht gestalten oder Akzeptanz schaffen“, erklärte Ministerialdirektor Dr. Karl-Eugen Huthmacher vom Bundesministerium für Wirtschaft und Forschung. Zwar sei es erklärte Ziel der Förderung, Übergänge einzuleiten, und regulatorisch zu begleiten, doch jetzt seien Forschung und industrielle Entwicklung gefragt. Nach Klärung der grundsätzlichen Machbarkeit ginge es nun darum, Geschäftsmodelle für die technische Umsetzung zu entwickeln, war auch Prof. Schlüth sicher. Und das schnell.

Große Hoffnungen setzen die am Projekt beteiligten Firmen und Institute daher in das neue Technikum, dass Thyssenkrupp-Spezialisten derzeit am Stahlwerk Duisburg aufbauen. Die Multi-Millionen-Euro-Anlage im Pilotmaßstab soll im Frühjahr 2018 mit den Versuchen beginnen.

Was zu tun ist...

Dabei gehe es zunächst darum, im Labor entwickelte Reaktionen in Prozesse für die industrielle Nutzung anzupassen, erklärte Dr. Markus Oles, TKs Head of Innovation Strategy & Projects. Dafür veranschlage er etwa zwei Jahre. Zwei weitere wären nötig, um diese mit „echten“ Stahlwerksabgasen auf Herz- und Nieren zu erproben. Eine Produktionsanlage im Industrie-Maßstab aus dem Boden zu stampfen, würde etwa eine Milliarde Euro verschlingen, nimmt Oles an. Schwer vorstellbar, dass sich ein möglicher Investor für dieses Risiko erwärmt, solange die zugrundeliegende Verfahren sich nicht im Langzeit-Test bewährt haben.

So geht Abgas-Chemie in der Praxis – ist CO2 der Stoff, aus dem die Schäume sind?

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