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Exklusiv-Interview mit Dr. Wilhelm Otten

„Wir müssen für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen“

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PROCESS: Mit welchen aktuellen Themen und Trends beschäftigen Sie sich derzeit am meisten?

Otten: Namur-intern diskutieren wir derzeit die Notwendigkeit eines Wandels von der reinen Equipment-Sicht hin zu einer Prozesssicht. Das spiegelt sich auch in den Namur-Arbeitsfeldern wider. So haben wir zwei Arbeitsfelder, die eher Equipment-orientiert sind, während die Arbeitsfelder eins und vier mehr prozessorientiert betrachtet werden. Beide Aspekte zu berücksichtigen, ist ein Balanceakt, der einer sehr intensiven Diskussion bedarf, wo diese letztlich aufzuhängen sind. Equipment- und Prozesssicht überschneiden sich relativ häufig. In der Konsequenz müssen wir unsere vier Arbeitsfelder stärker vernetzen. Damit dort ein Gesamtverständnis entsteht, wird es noch einmal ein Strategiemeeting mit den Arbeitsfeldleitern und ausgewählten Kollegen aus den Arbeitskreisen geben, denn wir werden mit starren Strukturen diese Probleme nicht lösen. Die Fragestellung lautet: Wie müssen wir unsere Organisationsstrukturen anpassen, damit wir diese Themen effizienter bearbeiten können?

PROCESS: Welchen Einfluss hat etwa die 50-Prozent-Idee auf die Automatisierungstechnik?

Otten: Wir sind in der Diskussion, ob die Denkmodelle und Strukturen, die man uns mit der Automatisierungspyramide einmal gegeben hat, langfristig noch die richtigen sind. In der Automatisierung denken wir in Strukturen, nicht in der Pyramide. Vielmehr sehen wir die Pyramide mehrfach für jedes Modul abgebildet. Ob das zukünftig in der Diskussion noch einmal eher in funktionale Modelle geht, um die Automatisierungsfunktionen noch überschaubarer zu beschreiben, kann ich heute noch nicht abschließend beurteilen. Für mich stellen sich im Kontext der Modularisierung vielmehr Fragen wie: Wie designe ich das dann? Wie mache ich meine Projektabwicklung? Wie gestalte ich die Prozesse? In der eigentlichen Technik sehe ich im Augenblick noch keine großen Effekte.

PROCESS: Gibt es Entwicklungen, die Ihnen als Vorsitzender der Namur missfallen?

Otten: Oh ja, das große Thema der internationalen Normung. So wie das derzeit gesteuert oder – besser gesagt – nicht gesteuert wird, missfällt uns das absolut. Der ursächliche Sinn einer Normung ist es doch, bestimmte Standards zu setzen, um Technik zu vereinfachen und deren Ausbreitung zu beschleunigen. Doch was wir oftmals sehen, ist, dass die Normung immer mehr dazu genutzt wird, Barrieren aufzubauen, sowohl als Abschottung von Ländern oder von Herstellerseite, um proprietäre Lösungen zu zementieren. Das kann natürlich nicht im Sinne einer Namur sein. Ein weiterer Punkt ist der bedauernswerte Trend, dass wir zunehmend auf Komponenten zurückgreifen müssen, die immer kurzlebiger sind und nicht zu unseren langlebigen Produktionsanlagen passen. Den Spagat zwischen Langlebigkeit, Verfügbarkeit und Kostenoptimierung müssen wir gut im Auge behalten.

PROCESS: Ein Blick in die ferne Zukunft: Was wollen Sie am Ende Ihrer Funktion als Namur-Vorsitzender erreicht haben?

Otten: Strategisch sollten wir den bereits beschrittenen Weg der Internationalisierung deutlich weiter vorangekommen sein und dies als permanenten Prozess verstanden haben. Wir brauchen noch einen klaren Blick, wo überall wir international agieren wollen und können. Dafür müssen wir uns auch eine saubere Strategie geben, wo wir in zehn oder fünfzehn Jahren stehen wollen. Die europäische Vernetzung und Abstimmung ist ein wichtiger weiterer Schwerpunkt. Nicht zuletzt sollte die die EMR- und Automatisierungstechnik in der Prozessindustrie deutlich stärker mit der Verfahrenstechnik vernetzt sein. Wenn wir heute die letzten zehn Prozent aus den Anlagen her-ausholen und sie flexibilisieren wollen, dann geht das nur mit Automatisierungstechnik. Dafür brauchen wir gut ausgebildete EMR-Mitarbeiter, die aber nicht nur EMR-Technik können, sondern auch Betriebstechnik, Instandhaltung und Projektabwicklung und damit auch die Prozesse beherrschen, nicht nur die Technik. Die Aus- und Weiterbildung wird daher länger dauern und zu einem permanenten Prozess. Derzeit gibt für Betriebstechnik EMR-Ingenieure eigentlich keine strukturierte Ausbildung. Da müssen wir bei der Namur dringend etwas tun.

PROCESS: Herr Dr. Otten, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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