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Exklusiv-Interview mit Dr. Wilhelm Otten

„Wir müssen für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen“

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PROCESS: Offensichtlich wird auch die Zusammenarbeit zwischen Chemie- oder Verfahrensingenieuren und EMR-Ingenieuren immer wichtiger. In der täglichen Arbeit scheint es da aber noch viele Probleme zu geben. Wie viel Verständnis fehlt noch für die jeweiligen Aufgaben des anderen?

Otten: Eigentlich haben wir zwei Probleme. Die Verfahrenstechniker haben noch immer zu wenig Verständnis für Dynamik und Regeltechnik. Das war ja mit ein Grund, unseren Hochschularbeitskreis zu gründen. Wenn Sie sich heute verfahrenstechnische Institute ansehen, dann können Sie dort bis auf ganz wenige Ausnahmen eine Ausbildung durchlaufen, ohne je etwas von Regeltechnik gehört zu haben. Das ist ein Unding. Unsere Prozesse, unsere Wettbewerbsvorteile, sowohl was Arbeitseffizienz angeht, als auch was Ausbeute und Verfügbarkeit der Anlagen angeht, leben in erster Linie vom Grad der Automatisierung unserer Produktionsanlagen. Gleichzeitig kommen noch 70 Prozent der Verfahrenstechniker ohne ein Verständnis für dynamische Prozesse aus ihrer Ausbildung. Auf der anderen Seite gibt es in der Ausbildung der Automatisierungstechniker noch einen sehr starken Einfluss aus der Fertigungsindustrie. Ein Großteil der Hoch- oder Fachhochschulabsolventen wechselt gleich nach dem Studium zu Siemens, Bosch, usw. Das ist unser großes Problem.

PROCESS: Und wie wollen Sie das lösen?

Otten: Das müssen wir grundlegend von der Ausbildung her ändern und für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen. Bei der täglichen Arbeit kommt der Mehrwert heute nur noch aus dem Teamansatz heraus. Die Zeiten sind vorbei, wo man isoliert Verfahrensentwicklung oder Regelungen optimieren konnte. Auch ein Automatisierer braucht ein gutes Prozessverständnis, und umgekehrt brauchen der Chemie- und Verfahrensingenieur ein Verständnis für Dynamik, um ihre Großanlagen zu optimieren.

PROCESS: Aber die Kooperation zwischen Namur und ProcessNet sowie Dechema ist doch gerade vor diesem Hintergrund aufgesetzt worden. Können Sie mit der bisherigen Form der Zusammenarbeit nicht zufrieden sein?

Otten: Nein, können wir nicht.

PROCESS: Woran hakt es dann?

Otten: Wenn man sich beispielsweise bei der ProcessNet-Tagung in Namur-relevante Vorträge setzt, dann findet man die Leute, die man sowieso schon kennt. Es ist uns dort bisher nicht gelungen, den Link zwischen Verfahrens- und Automatisierungstechnik herzustellen. Das ist zugegebenermaßen unheimlich schwierig. Meiner Ansicht nach müssen wir ganz vorne bei der Ausbildung anfangen. Wenn sie nicht in der Ausbildung ein Grundverständnis für die jeweils andere Seite schaffen, dann kriegen sie das hinterher unheimlich schwer wieder zusammen.

PROCESS: Sieht man das bei ProcessNet oder Dechema genau so? Noch vor einigen Jahren galten Automatisierer als die Zuarbeiter der Planer und Betriebsingenieure.

Otten: Ja, aber da gibt es ein deutliches Umdenken. Früher war die klassische Aufteilung so: Es gab verfahrenstechnische oder maschinenbautechnische Betriebsingenieure mit Budget- und Verfügbarkeitsverantwortung, und es gab dann irgendwo einen EMR-Ingenieur, der mehrere Anlagen gleichzeitig betreute. Wenn Sie sich etwa Evonik heute ansehen, beispielsweise am Standort Wesseling, dann sind dort zwischenzeitlich 50 Prozent EMR-Ingenieure als verantwortliche Betriebsingenieure eingesetzt. Warum? Weil die EMR-Technik für die Optimierung bestehender Anlage mit Blick auf Operational Excellence der stärkere Hebel ist.

PROCESS: Heißt das nicht im Umkehrschluss, dass auch mehr Chemie- und Verfahrensingenieure zur Namur-Hauptsitzung kommen müssten, um besser zu verstehen, was mit der Automatisierungstechnik heute schon alles möglich ist?

Otten: Ja, im Prinzip schon. Wir haben jetzt einen Schritt vorher angesetzt und vergeben ein bestimmtes Platz-Kontingent für Studenten. Die Themen der Namur-Hauptsitzung sind ja immer ein Spagat. Einerseits kommen viele Kollegen, die sich für die reine Technik interessieren. Andererseits, wenn die Mess- und Regeltechnik weiter erfolgreich sein will, dann muss sie über die reine Technik hinaus in das Management der Prozesse rein. Und dann müssen wir darstellen, welche Vorteile das generiert. Das ist der Switch von der rein technisch getriebenen zu einer Management getriebenen Organisation. Wenn wir hier weiter Fortschritte machen wollen, dann können wir nicht in unserer Technikecke sitzen bleiben. Dann müssen wir die Technik auch verkaufen, müssen sie umsetzen, müssen zeigen, welchen Mehrwert wir dadurch generieren.

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