Handelsblatt-Jahrestagung Chemie 2014

Schiefergas – Heiland oder Hirngespinst für Deutschlands Chemieindustrie?

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Der Ruf nach einer Erlaubnis des umstrittenen Frackings kommt deshalb nicht von ungefähr, denn dann, so das Kalkül der Befürworter, würden die Energiepreise sinken und Deutschland wieder konkurrenzfähiger.

Ist heimisches Gas wirklich die Rettung?

Doch ob das wirklich eintritt und die Effekte dann ausreichen, um den amerikanischen Vorsprung aufzuholen, bezweifeln sogar Vertreter der Öl- und Gasbranche. Dazu gehört beispielsweise Michael Schmidt, der als Europachef von BP sagt, Fracking habe in Europa für BP keine Bedeutung. Dr. Ludwig Möhring, Mitglied der Geschäftsführung bei Wingas, erwartet angesichts der internationalen Verschiebungen im Gasmarkt, keine nennenswerten Preiseffekte durch eine heimische Shalegasförderung. Dennoch, so seine optimistische Vorausschau, werde der Gaspreis langfristig eher sinken. Für Preisdruck werden seiner Meinung nach vor allem die globaler werdenden Erdgasströme sorgen. „Wir sind auf dem Weg in einen globalen Gasmarkt“, präzisierte er auf der VCW-Tagung. Neben Schiefergas ist deshalb für ihn LNG der zweite Gamechanger – Gas, das auf minus 160 °C abgekühlt und damit flüssig wird. In isolierte Lagertanks abgefüllt, kann das stark volumenreduzierte Erdgas dann weltweit verschifft werden. Nicht wenige hoffen, das wenigstens ein Teil des amerikanischen Schiefergases auf diese Weise in Europa ankommt.

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Eine Hoffnung, die möglicherweise vergebens ist, denn sowohl auf der Handelsblatt- als auch auf der VCW-Tagung waren sich die Manager bemerkenswert einig. Asien sei bevorzugter Shipping-Partner für US-LNG, sagt Möhring und BASF-Vorstand Schwager teilt die Einschätzung: „Selbst, wenn alle in den USA angekündigten Terminals kommen, wird das billige Gas nach Asien gehen.“ Fest steht jedenfalls, das die USA sich für die Shalegas-Ausfuhr rüsten und neben den sieben bereits bestehenden LNG-Terminals der Bau von noch 14 weiteren im Gespräch ist. Zudem stapeln sich beim Department of Energy (DOE) 25 Genehmigungsanträge von Unternehmen, die gerne LNG verschiffen würden (Stand 18. April 2014).

Innovation und Spezialisierung

Was also ist zu tun? Wie soll die deutsche Chemie reagieren? Welche Handlungsoptionen gibt es überhaupt? In der Stratley-Befragung belegen Innovation und Spezialisierung Platz 1 der anvisierten Maßnahmen. „Alternative Rohstoffe und Routen bieten eine Möglichkeit langfristig einen Wettbewerbsvorteil zu erreichen“, sagt Stratley-Vorstand Bürger-Kley.

Olefine gibt es nicht nur aus dem Cracker, auch biomassebasierte Fermentationsprozesse und/oder die oxidative Kupplung von Methan sind mögliche Routen. Fest steht, den Königsweg kennt zurzeit niemand. Dem Schiefergasboom wird man nur mit einem Maßnahmenbündel entgegen treten können. Vielleicht hat die europäische Chemie noch das ein oder andere Ass im Ärmel.

Viele Anlagenbauprojekte in Folge des Schiefergasbooms finden Sie in GROAB, der Datenbank für den internationalen Großanlagenbau.

* Die Autorin ist leitende Redakteurin der PROCESS Kontakt: anke.geipel-kern@vogel.de

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