Handelsblatt-Jahrestagung Chemie 2014

Schiefergas – Heiland oder Hirngespinst für Deutschlands Chemieindustrie?

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Schon jetzt führen die in den USA entstehenden Gas-Crackerkapazitäten zu einer Veränderung der auf Ethylen basierenden Wertschöpfungsketten, da weniger Propylen und Butadien entsteht. „Die Verknappung von Butadien in den USA ist schon Realität“, sagt Lanxess-CEO Matthias Zachert. Die Stratley-Experten erwarten bis zum Jahr 2017 Überkapazitäten von sechs Millionen Tonnen Ethylen, was Europa zwingen würde, mindestens zwei Millionen Tonnen vom Markt zu nehmen. Das Resultat wäre eine weitere Verknappung im Downstreaming der C3- und C4-Rohstoffe Propylenoxyd und Butadien und in der Folge auch erhöhte Rohmaterialkosten für die Basischemie.

In Deutschland wird immer weniger Erdgas gefördert

Befeuert werden die Schiefergas-Diskussionen durch Studien, wie sie der, vom VCI beauftragte US-Informationsdienst IHS im Februar veröffentlicht hat. Die Wettbewerbsvorteile der USA – bedingt durch die günstigen Energiepreise – seien kaum aufzuholen, darum müsse Deutschland die Energiewende so wettbewerbsfähig wie möglich gestalten, lautet eine Erkenntnis, die IHS-Vize Wirtschaftswissenschaftler Daniel Yergin auf einer VCI-Veranstaltung in Berlin, zum Besten gab.

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Ein Einstieg in die Schiefergasförderung könne bis zum Jahr 2030 den Anteil von selbst produzierten Erdgas in Deutschland auf 35 % steigern und den Großhandelspreis für Erdgas um 20 % senken, prognostiziert die Studie und legt damit den Finger in die Wunde. Denn es besteht durchaus Handlungsbedarf.

„Wir haben in den letzten Jahren systematisch Gas durch Kohle verdrängt“, kritisierte Dr. Roland Mohr, Infraserv-Geschäftsführer, auf einer Tagung der Vereinigung für Chemie & Wirtschaft (VCW), die wenige Tage vor der Handelsblatttagung stattgefunden hat. Eine schizophrene Situation, denn Erdgas ist mit einer weitaus besseren CO2-Bilanz gesegnet als Kohle und wäre damit die ideale Brücke ins Zeitalter der Regenerativen Energien.

Tatsächlich ist aber die Gasfördermenge seit Jahren rückläufig. Momentan liegt laut Exxonmobile der Anteil des inländisch geförderten Erdgases lediglich bei 12 %, ein Drittel wird hydraulisch aus dem Boden gepresst – Ein rein physikalisches Verfahren, das dem hydraulischen Fracking ähnelt, aber ohne die Frackchemikalien auskommt. Der Löwenanteil von 88 % stammt aus Norwegen, Niederlanden und Russland – die Importabhängigkeit ist also hoch und die Möglichkeit, die Preise zu beeinflussen entsprechend gering.

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