Die Situation der chemisch-pharmazeutischen Industrie zeigt sich ähnlich dem Sommer durchwachsen. Neben sonnigen Abschnitten kämpft die Branche sprichwörtlich mit teilweise heftigem Regen.
VCI-Präsident Dr. Markus Steilemann: Sieht die konjunkturelle „Talsohle durchschritten“. Dennoch müsse sich die chemisch-pharmazeutische Industrie derzeit „mit Sparflamme zufrienden geben“.
(Bild: VCI)
Im ersten Halbjahr 2024 konnte die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland die Produktion um 3 Prozent hochfahren. Dem gegenüber stehen jedoch ein sinkender Branchenumsatz und fallende Erzeugerpreise. Damit habe die Branche dir „Talsohle durchschritten“, sagte VCI-Präsident Markus Steilemann in seiner Rede. Aber von einem stabilen Aufwärtstrend könne keine Rede sein.
Auch wenn die chemisch-pharmazeutische Industrie dank mehr Bestellungen aus dem In- und Ausland die Produktion steigern konnte, lag sie aber immer noch rund 11 Prozent niedriger als 2021. Viele Anlagen waren deshalb nach wie vor nicht ausgelastet und konnten somit nicht rentabel betrieben werden. Laut Steilemann dauert diese Entwicklung bereit zweieinhalb Jahre an.
Zur Halbjahresbilanz gab der VCI Einblick in die Entwicklung der Produktion der einzelnen Sparten der chemisch-pharmazeutische Industrie im Vergleich zum ersten Halbjahr 2023:
Anorganische Grundstoffe: 12 Prozent
Petrochemikalien: 8,5 Prozent
Polymere: 1,5 Prozent
Fein- und Spezialchemikalien: -2,0 Prozent
Konsumchemikalien: 2,0 Prozent
Pharma: 1,5 Prozent
Als Grund für den Produktionsrückgang in der Spezialchemie sieht Steilemann, dass viele industrielle Kunden ihre Produktion im ersten Halbjahr gedrosselt hatten und sich dementsprechend mit Bestellungen zurückhielten. Lichtblicke gibt es im Pharmageschäft. Nicht nur Produktion stieg an, sondern auch der Umsatz dank hoher Nachfrage um 6 Prozent.
Insgesamt lag der Branchenumsatz von Chemie und Pharma im ersten Halbjahr mit rund 112 Milliarden Euro rund 1 Prozent niedriger als im Vorjahr. Ursache dafür waren vor allem die Erzeugerpreise, die im ersten Halbjahr unter Druck gerieten. Sie sanken im Branchendurchschnitt um 4 Prozent.
Wir müssen uns mit Sparflamme zufriedengeben.
kommentiert VCI-Präsident Markus Steilemann die Situation
Besonders im Inlandsgeschäft ist die Erlössituation trotz steigender Verkaufsmengen weiter enttäuschend. Hier steht ein Minus von fünf Prozent in den Büchern. Besser läuft es nach langer Durststrecke im Auslandsgeschäft. Der Umsatz mit Exportprodukten verzeichnete in den ersten sechs Monaten des Jahres ein leichtes Plus und lag 1,5 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Für das für das Gesamtjahr prognostiziert der VCI ein Produktionsplus von 3,5 Prozent und ein Umsatzplus von 1,5 Prozent.
Immer wieder Sorgen mit dem Standort
Laut einer VCI-Umfrage sind die größten Störfaktoren für chemisch-pharmazeutische Unternehmen Bürokratie, Genehmigungsverfahren und Regulierung.
(Bild: VCI)
Mehr als 70 Prozent der Unternehmen sehen sich durch regulatorische Anforderungen massiv behindert. Damit bleibt die Bürokratie das größte Geschäftshemmnis. Grund dafür sind nicht nur die dadurch entstehenden Kosten, die laut VCI-Mitgliederbefragung mittlerweile bei rund 5 Prozent des Umsatzes liegen, sondern auch die stetig steigende Zahl an neuen Regelungen, die die Unternehmen zunehmend überfordern. Ein weiterer erheblicher Kostenfaktor für die Unternehmen bleiben die hohen Energiepreise. Noch immer sehen 45 Prozent ihre Geschäfte dadurch erheblich belastet. „In allen Punkten kann und muss politisch gegengesteuert werden. Und die Ampel behauptet ja auch, dies zu tun. Doch die Realität sieht anders aus“, stellt Steilemann fest.
Auftragsmangel, hohe Energiepreise, steigende Bürokratie: In dieser Gemengelage entscheiden sich immer mehr Unternehmen gegen den Standort Deutschland. Laut VCI-Mitgliederbefragung gingen die Investitionen der Branche in Deutschland im vergangenen Jahr um 2 Prozent auf 9,2 Milliarden Euro zurück. Gleichzeitig stiegen die Investitionen im Ausland mit rund 12 Milliarden Euro um gut 8 Prozent. Hinzu kommt, dass Deutschlands Wettbewerbsbedingungen immer mehr ausländische Investoren abschrecken. Damit droht die Transformation, mit der Deutschland zum Vorreiter für Zukunftstechnologien werden will, ins Stocken zu geraten.
VCI fordert von der Politik drei Maßnahmen
„Wir sind immer noch eine Erfindernation“, betonte Steilemann auf der Pressekonferenz. Damit habe Deutschland genügend Potential um technologisch weltweit führend zu sein. Was fehlt, sind die richtigen Rahmenbedingungen, um dieses Potenzial wettbewerbsfähig einsetzen zu können. Steilemann bemühte für drei wesentliche Maßnahmen Fußball-Analogien:
Vereinsgebühren senken: Wettbewerbsfähige Energiepreise durch Entlastungen bei der Stromsteuer und den Netzentgelten. Plus Senkung der Unternehmens- und Körperschaftssteuer sowie Abschaffung des Solidaritätszuschlags.
Wettkampfregeln auffrischen: Weniger Bürokratie für mehr Investitionsanreize – auf nationaler und auf EU-Ebene.
Ausrüstung verbessern: Investitionen in Bildung, Sicherheit und Infrastruktur. Inklusive Ausbau der Stromnetze, als Daseinsvorsorge auch in Teilen öffentlich finanziert.
VCI-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Große Entrup forderte auf der Pressekonferenz zur Halbjahresbilanz beim Netzausbau „mehr Golf und weniger S-Klasse“. Damit bringt die Frage, ob der Netzausbau nicht auch mit weniger teuren Freileitung erfolgen sollte, wieder ins Spiel.
(Bild: VCI)
Einige Maßnahmen, etwa Bürokratieabbau, ließen sich ohne größere Kosten umsetzen, so Steilemann. Andere, etwa der Netzausbau, seien mit erheblichen Kosten verbunden. In diesem Zuge forderte VCI-Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Große Entrup „mehr Golf und weniger S-Klasse. Damit will er erneut die Diskussion um die weniger teuren Freileitung entfachen. Schließlich seien mit unterirdischen Strom Mehrkosten von bis 40 Milliarden Euro verbunden, Schon heute schwächen die Strompreise die Investitionsbereitschaft. So führe die aktuelle Preisentwicklung dazu, besonders energieintensive Produkte und Wertschöpfungsketten in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Dies gilt insbesondere, wenn man Export mit einbezieht.
Stand: 08.12.2025
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