Namur-Hauptsitzung 2025 – Tag 2 Das Fundament für autonome Anlagen ist gelegt!

Von Sabine Mühlenkamp 7 min Lesedauer

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Um nichts weniger als die Zukunft der europäischen Chemiestandorte ging es am zweiten Tag der Namur-Hauptsitzung 2025. Hoffnung setzt man auf mehr Digitalisierung, autonome Anlagen und KI. PROCESS bringt für Sie das Wesentliche auf den Punkt.

Unter dem Motto „Future-proofing our Industry: Milestones towards Autonomous Plants“ stellte die Namur-Hauptsitzung 2025 die (Teil-)Autonomisierung von Anlagen in den Mittelpunkt.(Bild:  Kempf / VCG)
Unter dem Motto „Future-proofing our Industry: Milestones towards Autonomous Plants“ stellte die Namur-Hauptsitzung 2025 die (Teil-)Autonomisierung von Anlagen in den Mittelpunkt.
(Bild: Kempf / VCG)

Mit einer alten Bekannten startete der zweite Tag der Hauptsitzung – Ethernet-APL. Schließlich ist die junge Technologie mit großen Hoffnungen verbunden. Sie soll für eine vereinfachte Inbetriebnahme, reduzierte Komplexität und betriebliche Effizienz sorgen. Doch erfüllt diese Technologien in der Praxis auch die Erwartungen? Zeit für eine erste Bilanz!

Und diese fiel positiv aus, so Emanuel Trunzer, BASF. Am BASF-Verbund Standort Zhanjiang, an dem kürzlich das erste Rollout gestartet wurde, „verhielt sich Ethernet-APL völlig unauffällig.“ Hinzu komme eine schnellere Inbetriebnahmegeschwindigkeit, bessere Kosteneffizienz und die Digitalisierung des Feldbetriebs.

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Sven Seintsch, Bilfinger, betonte die Vorzüge durch die verkürzte und einfachere Inbetriebnahme: „Es gibt viel weniger Fehleranfälligkeit. Auch der Gerätetausch ist wesentlich einfacher.“ Und den Kostenvergleich zu 4…20 mA-Lösungen muss Ethernet-APL ebenfalls nicht scheuen. „Warum soll ich bei gleichen Kosten in eine alte Technologie investieren?“, fragt sich Seintsch. Hinzu komme die volle Transparenz der Anlage. Da vielfältige Diagnosedaten zur Verfügung stehen, ist der Boden auch für den Einstieg für neue Technologien, wie NOA, bereitet. Für Trunzer und Seintsch ist es daher bei Greenfield-Anlagen keine Frage, dass man hier auf Ethernet-APL setzt. Bei älteren Feldbusanlagen ist zwar etwas mehr Aufwand nötig, aber auch hier ist man gelassen. Lediglich bei älteren Remote /I/O-Anlagen werde man genauer hinschauen müssen.

Wenn jemand Feldbus kann, kann er auch Ethernet-APL

Emanuel Trunzer, BASF

Der Übergang in die neue Technologie bringe zwar Änderungen mit sich, wie eine fortgeschrittene Qualifizierung des Personals und die steigende Bedeutung der Installationsqualität. So merkte Trunzer ironisch an, dass ein Teppichmesser nicht das geeignete Werkzeug sei, um Ethernet-APL anzuschließen. Von Vorteil sei, dass man bereits viel von der Feldbustechnologie gelernt habe und Ethernet-APL ähnliche Anforderungen stellt. „Wenn jemand Feldbus kann, kann er auch Ethernet-APL“, fasst Trunzer zusammen. „Das ist auch das Ergebnis der guten Zusammenarbeit zwischen Anwendern und Herstellern.“

Herausforderungen durch Safety, Security und den CRA

Zukünftig wird es neue Herausforderungen durch Safety und Security geben. Hier ist Profisafe der Schlüssel, um das vollständig ökonomische Potenzial von Ethernet-APL zu heben. Vorteile sind ein nochmal geringerer Aufwand für die Inbetriebnahme und eine reduzierte Lagerhaltung. Hier ist eine entsprechende Spezifikation fast fertiggestellt.

Eine größere Herausforderung liegt im Cyber Resilience Act (CRA): Demnach dürfen ab 2027 nur noch Geräte, die den CRA erfüllen, in den Markt gebracht werden. Das gilt im Übrigen auch für die darunter unterliegende Software, Protokollstacks etc. Dies birgt das Risiko, dass Hersteller keine Geräte für Ethernet-APL zur Verfügung stellen können und die Technologie doch noch ins Stocken kommen könnte.

Hoffnung Autonomous Operations

Die Situation lässt sich nicht beschönigen. Die chemische Industrie steht in Europa mehr denn je in einem scharfen Wettbewerb und vor extremen Herausforderungen. Namur-Vorstandsvorsitzender Tobias Schlichtmann brachte es auf den Punkt: „Es gibt eigentlich keinen finanziellen Spielraum für neue Investitionen. Aber: machen wir unsere Anlagen nicht fit, werden wir in ein paar Jahren weitere Anlagen schließen müssen.“ Sein Fazit: „Wir brauchen Anlagen, die resilienter und effizienter sind.“ Dafür müsse man alle manuellen Schritte überdenken. Und dafür brauche es Interoperablität und mehr Kontext seitens der Daten.

Machen wir unsere Anlagen nicht fit, werden wir in ein paar Jahren weitere Anlagen schließen müssen.

Tobias Schlichtmann, BASF, Vorstandsvorsitzender der Namur

Schlichtmann ermunterte seine Kollegen mehr über „Autonomous Operations“ nachzudenken, und zwar nicht nur über die technischen Möglichkeiten, sondern auch, weil sich damit die chemische Produktion weiter transformieren lässt. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht durch individuell sinnvolle Stufen der Autonomie und Vernetzung, nicht durch maximale Automatisierung. Schlichtmann ist überzeugt, dass sich damit neue Chancen auftun, wie sich Prozessanlagen zukünftig besser betreiben lassen und sich dadurch neue Potenziale der Effizienz, Resilienz und Nachhaltigkeit eröffnen.

Dabei fängt die Automatisierungstechnik ja nicht bei Null an, wie Thomas Schwerwietes, Evonik Industries, ergänzte: „Wir haben DCS, Safety Systeme, PAT, Ethernet-APL und NOA, außerdem die Verwaltungsschale und Process X sowie Automated Process Control und KI. Damit haben wir das Fundament für autonome Anlagen bereits gelegt.“

Die europäische Chemieindustrie wettbewerbsfähig machen

Allerdings, so Schlichtmann: „Es ist kein Erfolg, wenn ein solches System implementiert wird, sondern das wird es erst, wenn es auch genutzt wird!“ Und man sollte nicht außer Acht lassen, dass eine Chemieanlage immer eine teilautonome Anlage bleiben wird, weil z. B. das Genehmigungsrecht eine Person verlangt, die die Anlage überwacht. Zudem wird es immer zu speziellen Situationen kommen, wo ein Mensch gefordert ist. Aber ein Operation-Team wird durch robotergestützte Helfer Schritt für Schritt entlastet.

Anlagen müssen nicht mehr unbedingt auf 100 Prozent laufen.

Thomas Schwerwietes, Evonik Industries

In Zukunft wird es außerdem darum gehen, aus der autonomen Anlage hin zu einem autonomen Verbund zu kommen. „Wir brauchen eine Kommunikation zwischen den Betrieben untereinander“, so Schwerwietes, der beispielhaft den anlagenübergreifenden Informationsaustausch am Chemiepark Marl nannte, z. B. werden hier Informationen über Kühlwasseranforderungen und Reserven zwischen den Betrieben ausgetauscht. Es entsteht quasi ein Informationsbroker. „Dadurch müssen Anlagen nicht mehr unbedingt auf 100 Prozent laufen und man kann z. B. günstige Energie einkaufen.“

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Die Namur sieht sich hier als Brückenbauer zwischen Konzepten und Implementierung sowie als Katalysator für KI-Anwendungen in der Prozessindustrie. Außerdem ist die Namur ein Treiber für die Standardisierung und Harmonsierung der gesetzlichen Anforderungen.

Mitarbeiter auf der digitalen Reise mitnehmen

Um den Faktor Mensch ging es auch im Vortrag von Danny Haubold, BASF InfraService & Solutions Lausitz, und Roger Kpenougou, Covestro, die sich fragten, wie man alle Mitarbeiter auf der digitalen Reise mitnehmen kann. Denn schließlich findet Transformation nicht nur auf der Anlagenseite statt, sondern auch auf menschlicher Ebene.

Damit Effizienzsteigerungen, Kostensenkungen und nachhaltigere Produktionsweisen sich durchsetzen, muss aus ihrer Sicht eine Transformation in Gang gebracht werden, die ein harmonisches Zusammenspiel von Technologie, Menschen und angepassten Strukturen ermöglicht. Häufig scheitern solche Transformationen daran, dass Menschen nicht mitgenommen werden, die Kenntisse für die neuen Technologien nicht vorhanden oder nur unzureichend vermittelt werden, und dass die Top-Down-Kommunikation versagt.

Manchmal dauert eine solche Umsetzung auch einfach zu lange, so dass eine gewisse „Müdigkeit“ eintritt. „Wir müssen also ein soziotechnisches System schaffen, das aus Menschen, Technologie und Strukturen besteht“, betonte Kpenougou, der als Beispiel die Einführung von KI nannte. So werde KI uns nicht die Aufgabe der digitalen Transformation abnehmen, sondern das müssen Menschen übernehmen. „Menschen wollen und müssen sich auf diesem Weg einbringen. Dabei dürfen sie nicht das Gefühl bekommen, dass sie überflüssig sind.“ Für Kpenougou ist die Namur ein guter Ort, um die entsprechenden Konzepte voranzutreiben.

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Veränderungen sind Prozesse, kein Projekt!

Daneben muss natürlich auch die Unternehmenskultur entsprechend ausgerichtet werden, zudem müssen Führungskräfte Vorbilder werden. Und es werden Methoden und die Werkzeuge für die Transformation benötigt. Und schlussendlich braucht es Zeit. Veränderungen sind Prozesse, kein Projekt!

Genau hier könnten die Herausforderungen liegen, so Danny Haubold: Die chemische Industrie sei zwar gut, Projekte in Gang zu setzen, weniger erfolgreich sei man bisher, gewohnte Strukturen aufzubrechen. Erfolgreiche Transformationen setzen jedoch immer auf die aktive Einbindung aller Beteiligten, die Sicherung von Erfahrungswissen und die Entwicklung neuer Organisationsstrukturen und Rollenprofile.

Damit lassen sich attraktivere Arbeitsplätze schaffen und demografische Herausforderungen adressieren, wie Haubold unterstrich: „Digitale Jobs sind attraktiver als Standardjobs. Außerdem werden wir nicht das Werteprofil der jüngeren Generation ändern, sondern müssen ein anderes Arbeitsumfeld schaffen.“ Als positives Beispiel nannte Danny seinen Arbeitgeber. So hat sich inzwischen bei der BASF das Bild vom reinen Anlagenfahrer hin zum Anlagenoptimierer gewandelt. Positiver Nebeneffekt: „Wir konnten mehr Tagarbeitsstellen schaffen.“

Wie auf Unsicherheiten reagieren?

Zum Abschluss gab Sebastian Mahler, Covestro, einen eher düsteren Ausblick angesichts geopolitischer Konflikte und starker Unsicherheiten im Markt. Zumal man langfristig nicht die Ziele hinsichtlich CO2-Reduzierung aus den Augen verlieren will. Mahler sieht aber in jeder Krise auch eine Chance. So halbierte man in der Ölkrise den Benzinverbrauch von Autos und startete die Windkraft. In der Finanzkrise entstanden FinTech-Unternehmen, und Corona gab den Schub zur breiten Einführung des Homeoffices. „Ich bin daher überzeugt, dass wir auch jetzt neue Ideen entwickeln.“ Ein wichtiger Aspekt ist die Nutzung des Datenschatzes, der schon heute vorliegt. KI wird neue Möglichkeiten für die Prozessindustrie schaffen. Beispiele sind KI-gestütztes Engineering, hier bieten KI-Agenten bereits heute einen Rund-um-die-Uhr-Zugang zu Expertenwissen. Anomalien lassen sich schneller erkennen und Ressourcen, wie Energie und Rohstoffe, effizienter einsetzen.

In drei Jahren werden sich riesige Potenziale eröffnen

Sebastian Mahler, Covestro

„Blickt man drei Jahre zurück, wäre all das noch nicht mal denkbar gewesen“, ermunterte Mahler die Teilnehmer. „In drei Jahren werden sich hier riesige Potenziale eröffnen.“ Allerdings ist KI keine Abkürzung, sondern braucht zuverlässige Messtechnik, digitalisierte Prozesse, Automatisierung, Cybersecurity und immer noch den Menschen, allerdings mit digitalen Fähigkeiten. In diesem Sinn ergänzen sich KI und Prozessautomation perfekt. Mahler betonte die Rolle der Namur: „In jedem Fall ist die Namur ein vertrauensvoller Partner während der Transformation, auch über Unternehmensgrenzen hinweg!“

Man darf also gespannt sein, wie der Weg „From Smart Shopfloors to digital Business Models“ gelingt. Auf der nächsten Namur-Hauptsitzung, die vom 5. bis 6. November 2026 stattfindet, wird Pepperl+Fuchs als Sponsor sicher interessante Ideen hierzu präsentieren.

Lesen Sie hier unsere Zusammenfassung des ersten Tages der Namur-Hauptsitzung 2025.

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