Energieeffizienz Spezial Wer hat den schwarzen Peter?
PROCESS im Interview mit Dr. Martin Lenkens, Leiter Kundenkraftwerke bei RWE Power, über Contracting-Modelle und die Energiepreisentwicklung.
Anbieter zum Thema
Die Marktmacht der vier großen Stromerzeuger in Deutschland führt zu einem extrem hohen Strompreis durch fehlenden Wettbewerb. Ein verlässlicher und kalkulierbarer Energiemarkt ist jedoch die existentielle Grundlage und ein wesentlicher Standortfaktor für die Chemieindustrie“, skizzierte Dr. Klaus Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung Bayer Industry Services, bei seiner Begrüßungsrede zum sechsten Chemieforum der Chemcologne die gegenwärtige Situation. Diese Worte reflektieren den Grundtenor, den Vertreter der Chemiebranche während des Forums mit dem Thema „Energie in der Chemischen Industrie“ zum Ausdruck brachten. Insgesamt neun Redner aus der Branche und von Seiten der Energieversorger legten den 150 Teilnehmern engagiert ihre Standpunkte dar.
Preisspirale dreht sich
Die Brisanz des Themas verdeutlichen einige Zahlen. Deutschland importiert 74 Prozent seines Primärenergiebedarfs. Die Kosten für Energie und Rohstoffe sind laut VCI von 2003 bis heute um fast 43 Prozent gestiegen. Dabei ist die Chemische Industrie eine der energieintensivsten Branchen. Bei einzelnen Verfahren, wie der Chlorgewinnung, liegt der Energieanteil an den Herstellungskosten bereits jetzt schon bei 50 Prozent. 60 Prozent aller Produkte basieren auf diesem Prozess. „Die exorbitanten Energiepreiserhöhungen machen einen Betrieb sehr schnell unwirtschaftlich“, konkretisiert Dr. Heinz Bahnmüller, Vorsitzender der Chemcologne. Wilfred Köplin, Vorsitzender des VCI Energieausschusses, malt noch ein schlimmeres Szenario: „Im europäischen Vergleich haben wir in Deutschland die höchsten Strom- und Gaspreise. Dies behindert die energieintensiven Unternehmen unseres Verbandes massiv im globalen Wettbewerb.“ Der Grund: Fehlender Wettbewerb.
Vier Unternehmen verfügen nach Angaben des Verbandes der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) über 80 Prozent der Erzeugerkapazitäten. Und 90 Prozent des Erdgases importieren ebenfalls nur vier Unternehmen. Wollen neue Anbieter von Strom und Wärme auf den deutschen Markt, müssen sie hohe Netznutzungsentgelte bezahlen. Köplin erhebt denn auch massive Vorwürfe gegen die Energieerzeuger: „Die Feststellung ist zulässig, dass sich die Kosten der Stromerzeugung seit 2005 nicht wesentlich erhöht haben. Die Strompreise sind im gleichen Zeitraum jedoch um fast 70 Prozent gestiegen. Von RWE wissen wir, dass die Vollkosten von 80 Prozent der RWE-Stromerzeugung bei 24 Euro pro Megawattstunde liegen. Als Verkaufspreis im Großhandel realisieren sie gegenwärtig 57 Euro pro Megawattstunde.“ Die Belastung des Strompreises durch staatliche Maßnahmen wie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, der Ökosteuer oder dem Emissionshandel liegt, laut Köplin, bei etwa zehn Prozent.
Eine Lösung der prekären Situation sieht man in der Chemie unisono in der Politik. Köplin: „In Deutschland ist die Politik gefordert, schnellstmöglich Rahmenbedingungen zu setzen, die die massiven Wettbewerbsnachteile chemischer Unternehmen und anderer energieintensiver Branchen beseitigen.“
Regierung gefragt
Die Erfahrung zeigt, dass die Stromerzeuger ohne politischen Druck nicht bereit sein werden, auf Windfall-Profits auch nur teilweise zu verzichten“, appelliert Köplin an die Regierung.
Die Vertreter der Energieversorger sehen das naturgemäß etwas anders und im freien Strommarkt nicht unbedingt das Heil allen Übels. Karl-Otto Abt, Mitglied des Vorstandes der Stadtwerke Düsseldorf, beleuchtete die Schwierigkeiten, die ein freier Stromhandel mit sich bringen würde: „Es wäre ein fünf- bis sechsmal so großes Netz nötig. Außerdem müssten neue Leitungen verlegt werden. Hinzu kommt, in Deutschland haben wir im Gegensatz zu anderen Ländern Erdkabel. Das ist zwar sicherer, aber die Verlegung ist auch teurer.“ Als weiteres Argument führte Abt die teuren Bereitstellungskosten an. Die Energieversorger müssen jederzeit in der Lage sein, auf Bedarfsschwankungen zu reagieren. Diesen potenziellen Bedarf müssen die Kunden ebenfalls bezahlen. Als eine sinnvolle Lösung für die Branche sieht Abt das Energie-Contracting. Sein Argument: „Auf der Suche nach Einsparpotenzialen haben energieintensive Produktionsbetriebe die Möglichkeit zur Kostenreduzierung beim Versorgungsmana-gement entdeckt.“ Damit kann sich das Unternehmen auf sein eigentliches Kerngeschäft konzentrieren und die Kosten im Auge behalten.
Energie-Contracting hat das Ziel, durch optimale Bereitstellung des Nutzenergiebedarfs die Produktionskosten zu senken. Es beinhaltet den Bezug oder die Bereitstellung von Prozessdampf, Wärme, Strom, Gas, Wasser, Druckluft, Kälte sowie energienahen Dienstleistungen. Der Energiedienstleister investiert in die Erneuerung der energietechnischen Anlagen seines Kunden, identifiziert und realisiert Einsparpotenziale. Wodurch aber sinken die Kosten bei einem Contracting-Modell? Zunächst einmal entfallen die Investitionskosten in Modernisierungsmaßnahmen, genauso wie die Instandhaltungskosten eines betriebseigenen Kraftwerkes. Den Betrieb des Kraftwerkes übernimmt ebenfalls der Energiedienstleister und trägt die entstehenden Kosten.
Das Contracting umfasst die Beratung des Kunden, die Planung und Ausführung neuer Anlagen, deren Finanzierung und die Betriebsführung durch den Energieversorger. Frank Obernitz, Mitglied der Geschäftsleitung beim Energieversorger Nuon ergänzt: „Der Kunde hat die freie Lieferantenwahl, denn er kann unter mehreren Anbietern wählen. Die Energieerzeugung können wir genau auf seine Bedürfnisse ausrichten und er muss keine Nutzungsentgelte mehr zahlen.“ Bei der Planung eines Kraftwerkes für einen Produktionsbetrieb berücksichtigen die An-bieter dessen Infrastruktur und integrieren das Werk in die bestehenden Strukturen. Die Auskoppelung und Bereitstellung von Prozessdampf ist dabei genauso eine Selbstverständlichkeit wie die energetische Nutzung von Reststoffen als Brennstoff. Dr. Klaus Schippers, RWE Power, sieht einen weiteren Pluspunkt für seine Kunden: „Wir sind erfahrene Kraftwerksbetreiber. Das garantiert unseren Kunden eine hohe Anlagenverfügbarkeit und eine optimale Auslegung.“
Fazit: Die grundsätzlichen Animositäten zwischen der Chemischen Industrie und den Energieversorgern haben sich während des Chemieforums selbstverständlich nicht gelegt.
In den teilweise sehr emotionalen Diskussionen hat die Chemieindustrie ihre Forderung nach Regulierungsmaßnahmen durch die Politik sehr deutlich formuliert. Als einen Weg auf der Suche nach preisgünstigerer Energieversorgung für die Chemiebranche könnte das Contracting-Modell eine Möglichkeit für eine Win-Win-Situation sein.n
? Herr Dr. Lenkens, welche Vorteile hat ein chemisches Unternehmen von einem Contracting-Modell?
Dr. Lenkens: Die Vorteile für die chemische Industrie entstehen vor allem durch Größensynergien. Ein Kraftwerk bedient nicht nur den Kundenbedarf vor Ort, sondern leistet auch einen Beitrag in unserem Erzeugungsportfolio. Je nach Modell der Kooperation übernehmen wir die Finanzierung des Kraftwerks oder überwachen auch die üblichen Einrichtungs- und Betreiberrisiken für den Kunden. Grundstücke in unmittelbarer Nähe bestehender Großkraftwerksstandorte zur Neuansiedlung von Produktionsbetrieben bieten wir in Einzelfällen an.
? Sind Ihre Angebote immer auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kunden zugeschnitten?
Dr. Lenkens: Die Geschäftsmodelle sind an die individuellen Kundenbedürfnisse, den energiepolitischen Regelungsrahmen und das Marktumfeld angepasst. Die Spanne reicht von reinen Liefer- und Leistungsverträgen über Toolinglösungen bis hin zu Verpachtungsmodellen. Bei Toolinglösungen wird nur die Energieumwandlung entlohnt. Beschaffung und Bereitstellung des Rohstoffs übernimmt der Kunde.
? Können Sie zu dem Vorwurf Stellung nehmen, dass der fehlende Wettbewerb der Energieversorger in Deutschland Schuld an den im europäischen Vergleich hohen Energiepreisen ist?
Dr. Lenkens: Strompreise entstehen in liberalisierten Märkten an der Börse. Sie sind keine Kostenpreise, sondern das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Sie werden zurzeit vor allem durch steigende Rohstoffpreise und das knappe Stromangebot in den westlichen Nachbarländern geprägt. An allen europäischen Strombörsen war in den vergangenen Jahren ein gleichläufig nach oben gerichteter Trend entsprechend den internationalen Marktgegebenheiten erkennbar.
Die Autorin ist freie Mitarbeiterin bei PROCESS. E-Mail: gabirzepka@yahoo.de
(ID:195215)